„Da kommt man kränker raus“ – Maschmeyer attackiert neue Krankschreibungs-Regel der Merz-Regierung
Uns auf Google folgenDie Regierung will Atteste ab dem ersten Krankheitstag und telefonische Krankschreibungen abschaffen. Ärzte, Kassen und Carsten Maschmeyer warnen.
Wer krank ist, soll zum Arzt – so weit, so bekannt. Doch was, wenn genau dieser Gang in die Praxis den Zustand verschlimmert? Mit dieser Frage hat Unternehmer Carsten Maschmeyer die Debatte um die geplante Neuregelung bei Krankschreibungen aufgemischt.
Die schwarz-rote Bundesregierung hat beschlossen, die Regeln für Krankmeldungen zu verschärfen. Künftig soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag vorliegen müssen. Bisher war dies erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben. Gleichzeitig soll die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung abgeschafft werden. Die Pläne sind Teil des Reformpakets „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Koalition.

Regierung will Krankschreibung ab dem ersten Tag
Unternehmer Carsten Maschmeyer hat die Neuregelung scharf kritisiert. Zwar lobte er, dass die Bundesregierung „wohl doch handlungsfähig“ sei. Das verpflichtende Attest ab dem ersten Tag hält er jedoch für „kontraproduktiv“.
Auf der Plattform X stellte er die Frage: „Warum muss man Menschen ohne Not in übervolle Praxen zwingen?“ Und weiter: „Da kommt man doch kränker raus, als man reingegangen ist.“ Letztlich handele es sich um einen „weiteren bürokratischen Schritt ohne Mehrwert“.
Maschmeyer warnt vor überfüllten Arztpraxen
Maschmeyer ist kein Unbekannter in dieser Debatte. Bereits im vergangenen Herbst hatte er auf LinkedIn für einen anderen Umgang mit Krankmeldungen plädiert. „Zu oft wird auf Krankmeldungen mit Misstrauen, Stirnrunzeln oder vorwurfsvollen Kommentaren reagiert. Dabei ist das völlig fehl am Platz“, schrieb er damals.
Auch gegen die Einführung eines Karenztages – also eines Krankheitstages ohne Lohnfortzahlung – hatte er sich zuvor ausgesprochen. Insbesondere im Niedriglohnsektor könne ein unvergüteter Krankheitstag bedeuten, die Mietkosten nicht zahlen zu können.
Streit über Misstrauen bei Krankmeldungen
Anders positioniert sich die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Deren Präsident Wolf Matthias Mang begrüßte die Beschlüsse ausdrücklich. „Die Maßnahmen gegen hohen Krankenstand gehen in die richtige Richtung“, erklärte er. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung fordere die VhU schon länger, da diese die Hürden für sogenanntes „Blaumachen“ senke.
Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigte die Pläne in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“. „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben“, sagte er. Wie die konkrete Umsetzung erfolgen soll, ließ Merz bislang offen. Auch Regierungssprecher Stefan Kornelius sagte, man müsse nicht unbedingt „am ersten Tag zum Arzt gehen“ – ohne weitere Erläuterung.
Merz verteidigt strengere Regeln für Atteste
Unionsfraktionschef Jens Spahn betonte, die Maßnahme drücke kein Misstrauen gegenüber Beschäftigten aus. Er verwies auf alltägliche Situationen: „Jeder kennt in seinem echten, wahren Leben, im Bekanntenkreis, Nachbarschaft, Freunde, vielleicht auf Arbeit, immer wieder auch die Situation, wo insbesondere montags und freitags es die sogenannten Bettkantenentscheidungen gibt.“
Vizekanzler Lars Klingbeil räumte ein, es gebe in der SPD „viel Widerspruch, auch verständlichen Widerspruch“. Die Partei habe mit der Zustimmung das „kleinere Übel“ gewählt – denn die Union habe zunächst einen Karenztag gefordert.
SPD spricht vom kleineren Übel
SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis mahnte zur Vorsicht. „Tiefgreifende Änderungen bei den Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit müssen auf einer belastbaren wissenschaftlichen und empirischen Grundlage beruhen“, sagte er. Nach derzeitigem Stand gebe es keine belastbaren Belege dafür, dass die telefonische Krankschreibung ursächlich für einen Anstieg der Krankenstände sei.
Breiten Widerstand gibt es auch aus dem Gesundheitswesen. KBV-Chef Andreas Gassen sagte der „Rheinischen Post“: „Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis.“ Es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich zum reinen Ausfüllen von Zetteln in die Praxen zu jagen.
Ärzte warnen vor zusätzlicher Belastung
Die Allgemeinen Ortskrankenkassen bezeichneten das Aus für telefonische Krankschreibungen als „reine Symbolpolitik“ – ohne Nachweis für einen Missbrauch.
DAK-Vorstandschef Andreas Storm warnte vor konkreten Folgen: „In Kombination mit dem Zwang zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag drohen überfüllte Hausarztpraxen.“ Petra Reis-Berkowicz vom Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverband sprach von „totaler Überlastung der Praxen“, besonders in Infektzeiten wie dem Herbst. „Das ist reine Bürokratie, das ist abstrus“, sagte die Ärztin im Bayerischen Rundfunk. „Das ist an der Realität der Menschen vorbeigedacht, und das ist für mich politischer Aktionismus.“
Kassen sehen Symbolpolitik ohne Missbrauchsnachweis
Eine Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer Krankenkasse stützt diese Skepsis. Demnach hatten telefonische Krankschreibungen zwischen 2020 und 2023 einen Anteil von lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Es hätten sich keinerlei Hinweise gefunden, dass sie maßgebliche Treiberin des höheren Krankenstandes seien.
Auch der viel zitierte Anstieg des Krankenstandes relativiert sich bei näherer Betrachtung. Die Zahl der erfassten Fehltage stieg von rund 15 Kalendertagen im Jahr 2019 auf 20 Tage im Jahr 2022. Dieser Anstieg geht jedoch auf die Einführung des elektronischen Meldeverfahrens zurück – nicht auf tatsächlich mehr Erkrankungen.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland laut EU-Arbeitskräftebefragung mit 3,6 Wochen krankheitsbedingter Abwesenheit pro Jahr allenfalls im oberen Mittelfeld. Norwegen führt die Statistik mit 6,7 Wochen pro Jahr an. (Verwendete Quellen: X, Welt, Tagesspiegel) (mare)