Immer mehr Eltern lesen vor: 10 Minuten am Tag reichen völlig – Schluss mit dem Druck
Uns auf Google folgenDer Vorlesemonitor zeigt einen erfreulichen Trend in deutschen Familien. Doch viele Eltern plagt noch immer Perfektionsdruck. Dabei reicht eine kurze Routine.
In deutschen Familien wird wieder deutlich mehr geblättert, gelauscht und vorgelesen. Knapp 77 Prozent der befragten Eltern gaben im aktuellen Vorlesemonitor an, ihrem Kind mehrmals am Tag, einmal täglich oder mehrmals in der Woche etwas vorzulesen. Die repräsentative Erhebung unter 914 Eltern – ein gemeinsames Projekt der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutsche Bahn Stiftung – belegt einen kontinuierlichen Aufwärtstrend: 2022 lag der Wert noch bei rund 61 Prozent, 2024 bei knapp 68 Prozent. Zugleich sank der Anteil der Eltern, die ihren Kindern nie vorlesen, von 20 Prozent im Jahr 2022 auf nun 12 Prozent.

Besonders groß ist das Plus bei den Kleinsten: Drei Viertel der befragten Eltern von einjährigen Kindern lesen regelmäßig vor (2024: 59 Prozent). Bei den Zweijährigen sind es mittlerweile sogar 93 Prozent (2024: 78 Prozent).
„Frühes Vorlesen ist zentral für den Erwerb von Sprache und Wortschatz“, betont Timm Albers, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn, der die Daten ausgewertet hat. Eine feste Routine helfe, beim Vorlesen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und wichtige Sprachimpulse zu setzen.
Weg mit dem Perfektionsdruck: Zehn Minuten genügen
Die wichtigste Entlastung für den Alltag ist einfach: Eltern müssen beim Vorlesen weder perfekt sein noch schauspielern. Es gibt keinen einzig richtigen Weg beim Vorlesen. Manche Eltern lesen lebendig, manche eher monoton, manche mit holprigem Dialekt bei den Fabelwesen. Kinder bewerten nicht die schauspielerische Darbietung, sondern genießen die ungeteilte Aufmerksamkeit und Geborgenheit.
Wie bereits in der Kolumne zum täglichen Vorlesen beschrieben, kommt es nicht auf seltene, stundenlange Vorlese-Marathons an. Zehn Minuten am Abend reichen vollkommen aus – fest verankert im Alltag, genau wie das Zähneputzen. Entscheidend ist die tägliche Kontinuität, nicht das große Drama.
Trotz Aufwärtstrend: Jedes vierte Kind droht den Anschluss zu verlieren
Trotz der positiven Zahlen bleibt eine erhebliche Lücke: Rund ein Viertel der Kinder bekommt nach wie vor nicht oder zu selten vorgelesen. Laut Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, verlässt rund jedes vierte Kind die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können. Zudem spielt der Bildungsabschluss weiterhin eine Rolle: Während bei Eltern mit formal höherer Bildung 80 Prozent regelmäßig vorlesen, sind es bei Eltern mit formal niedrigerer Bildung 70 Prozent.
Maas führt den positiven Trend unter anderem auf das vom Bund geförderte Programm „Lesestart 1-2-3“ zurück, bei dem Buchgeschenke in Kinderarztpraxen und Bibliotheken verteilt werden. Da die Förderung Ende des Jahres ausläuft, warnt Maas vor Rückschritten. Aus dem Bundesbildungsministerium heißt es dazu, Projektförderungen seien grundsätzlich zeitlich befristet; seit 2011 seien gut 40 Millionen Euro geflossen und ein Neuantrag stehe der Stiftung frei.
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Praktische Kniffe für den Vorlesealltag
Um das Vorlesen ohne Stress im Familienalltag zu verankern, helfen einfache Ansätze, wie diese Tipps für spannendere Lesemomente:
- Spannung über Stimme und Tempo: Durch einfaches Variieren von Lautstärke und Lesetempo lässt sich Atmosphäre schaffen, ohne dass man Rollenspiele einstudieren muss. Eine gemütliche Leseoase ohne Ablenkung durch Smartphones unterstützt die Konzentration.
- Dialog statt starres Ablesen: Bei unruhigen Kindern muss nicht jede Textzeile streng von oben nach unten abgelesen werden. Oft reicht es aus, frei über die Illustrationen zu sprechen und Fragen des Kindes aufzugreifen – ein Aspekt, der auch gängige Vorlese-Mythen entkräftet.
- Vorlesen in der Herkunftssprache: Laut dem Vorlesemonitor sind die Unterschiede in der Vorlesehäufigkeit zwischen Familien mit und ohne Zuwanderungsgeschichte gering. Wer seinem Kind auf Türkisch, Arabisch, Polnisch oder in einer anderen Muttersprache vorliest, vermittelt dieselbe fundamentale Botschaft: Geschichten machen Freude und schaffen Vertrauen zur Sprache.
Für den Spracherwerb und die Lesemotivation genügen bereits fünf bis zehn Minuten tägliches Vorlesen oder das gemeinsame Anschauen eines Buches. (Stiftung Lesen, dpa, eigene Recherche) (str)