Sebastian Fitzeks „Der Nachtzug“ im Check: Vater muss Mörderin verteidigen – Lohnt sich das Buch?
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Ein Vater im Luxuszug, gefangen im Deal mit der Mörderin seiner Frau: Sebastian Fitzeks 25. Thriller „Der Nachtzug“ im ehrlichen Lektüre-Check.
Mitten in der Nacht klingelt bei Adrian Corvin das Handy. Am anderen Ende meldet sich eine Frau, die um Hilfe bittet. Was er danach erfährt, zerstört sein Leben innerhalb einer Nacht: Seine Frau Judith ist ermordet, sein fünfjähriger Sohn Emil verschwunden. Die Spur führt nach Prag zu einer Frau, die den Mord gesteht. Ihr Preis dafür: Corvin soll ausgerechnet die Frau verteidigen, die seine Frau getötet hat – und zwar während der Zug nach Berlin rollt.
Mit „Der Nachtzug“ erscheint Sebastian Fitzeks 25. Buch, zwanzig Jahre nachdem er mit „Die Therapie“ debütierte. Der Berliner hat seitdem mehr als 20 Millionen Bücher verkauft, seine Romane werden in 36 Sprachen übersetzt. Im großen Autorenporträt gilt Fitzek längst als unangefochtener Meister des Psychothrillers. Der Jubiläumsthriller kam am 21. Oktober in die Läden. Bei einer ausverkauften Lesung in Heide erlebte man den Autor als gefragten „Popstar des Thrillers“. Die Frage ist nur, ob die Fahrt hält, was der Zug verspricht.
Worum geht es in „Der Nachtzug“?
Adrian Corvin lebt mit seiner Frau Judith und dem kleinen Emil in einer Villa in Lichterfelde. Die geständige Mörderin Blanka lockt ihn in den Royal Rail Express, einen Luxuszug mit Suiten, 24-Stunden-Restaurant und Panoramafenstern. Ihr Angebot: Corvin soll sie in einer Art theoretischem Rollenspiel verteidigen und sie bis zur Ankunft in Berlin davon überzeugen, dass sie trotz des Mordes nicht die Todesstrafe verdient. Im Gegenzug verrät sie, wo Emil ist. Corvin lässt sich darauf ein, denn nur über sie bekommt er seinen Sohn zurück. Wie er es selbst formuliert, beginnt eine „irrsinnige Schnitzeljagd des Todes“.
Im Kern geht es um Fragen, die Fitzek selbst beschäftigen. Der Rechtsstaat sei dazu da, einen Menschen vor sich selbst zu schützen, sagte er im Gespräch mit der dpa. Corvin ist wie er ein Gegner der Todesstrafe. Ob man diese Haltung auch dann hält, wenn die eigene Familie zerstört wird, hält Fitzek eher für eine Frage der Praxis: „Ich denke eher, dass die Mehrzahl – zu der zähle ich mich auch – in einer solchen Situation die eigenen Prinzipien über Bord werfen würde.“ Wie tief ihn existenzielle Ängste und die Sorge um die Familie beim Schreiben prägen, offenbarte Sebastian Fitzek bereits im Interview mit Ippen.Media: Je mehr man liebe, desto größer sei auch die Angst vor Verlust.
Sebastian Fitzek „Der Nachtzug“
► 2026 Droemer Knaur, ISBN-13 978-3-426-28176-5
► Preis: gebunden 26 €, 352 Seiten
Was zeichnet das Buch aus?
Die größte Stärke ist die Dramaturgie. Schon am Anfang, nicht erst am Ende, erfährt der Leser von einer Frau, die sich als Mörderin vorstellt. Danach liest sich „Der Nachtzug“ in knappen Kapiteln wie ein Rätsel, das Stück für Stück gelöst werden will. Rückblenden und wechselnde Perspektiven ergänzen die Gegenwart, und manche Erklärung wird kurz darauf durch eine neue Information infrage gestellt. Wer nicht aufpasst, verliert schnell den Faden.
Der Zug ist ein starker Schauplatz. Die Abteile haben eigene Wohn-, Schlaf- und Badezimmer, doch der Komfort schützt Adrian nicht. Gerade die Abgeschlossenheit erleichtert es der Täterin, ihre Macht über ihn auszuüben. Im dpa-Interview erklärte Fitzek dazu: „Ich liebe ja schöne Orte und schöne Umgebungen, in denen ich das Grauen langsam einfließen lassen kann. Und das in einem Zug, das wollte ich schon immer mal.“
Im Vergleich zu seinem Vorgänger „Der Nachbar“, laut Media Control 2025 das meistgelesene gebundene Buch, fällt „Der Nachtzug“ weniger blutig aus. Das Thema Gewalt bleibt trotzdem. In der Danksagung schreibt Fitzek, es sei kaum möglich, einen realistischen Thriller ohne diese Gewaltproblematik zu schreiben, weil sie leider traurige Realität sei. Über seine disziplinierte Arbeitsweise und wie er solche Stoffe entwickelt, sprach Fitzek auch im Interview über seinen Schreibprozess bei 24books.de.
Eignet sich das Buch für die eigene Nachtzugreise?
Wer plant, das Buch passend zur Kulisse auf einer echten Nachtzugreise zu verschlingen – etwa auf der beliebten Nachtzug-Route nach Schweden –, sollte starke Nerven mitbringen. Denn wenn draußen die Dunkelheit vorbeizieht und im Schlafwagen jedes Knarren der Waggons hörbar wird, sorgt Fitzeks klaustrophobischer Psychotrip garantiert für schlaflose Stunden statt erholsamer Reisezeit. Wer die Fahrt auf Schienen lieber entspannt genießen und das Reisen als Entschleunigung zelebrieren möchte, greift unterwegs womöglich besser zu inspirierender Reiseliteratur wie Titus Müllers Bestseller „Einsteigen!“, der Bahnfahren als pure Inspiration beschreibt.
Sebastian Fitzek „Der Nachtzug“: Muss man es lesen?
Muss? Nein. Wer Fitzek liest, um mitzurätseln, bekommt hier genau das, was er erwartet: Tempo, falsche Fährten und Kapitel, die kurz vor der nächsten Enthüllung abbrechen. Die Kehrseite liegt damit auch auf der Hand: Jedes Kapitel endet mit einer Überraschung. Der Effekt bleibt dann später auf der Strecke und die Figuren verblassen.
Wer psychologische Tiefe und realistische Abläufe sucht, wird enttäuscht sein. Die Täterin kontrolliert das Geschehen, tritt als eigenständige Figur aber hinter die Handlung zurück. Der Polizist im Speisewagen, der gern Kreuzworträtsel löst, wirkt eher wie ein weiteres Element eines größeren Rätsels. Adrians Moral wird stellenweise behauptet statt entwickelt, und die Bildsprache ist mitunter überladen.
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Ist „Der Nachtzug“ die perfekte Herbstlektüre?
Der Erscheinungstermin im Oktober passt, die Atmosphäre ebenso: ein nächtlicher Zug, enge Gänge und Türen, hinter denen man nie weiß, was kommt. Fitzek nutzt genau diese Mischung aus Luxus und Bedrohung. Perfekt ist das Buch als Herbstlektüre allerdings nur mit einer Einschränkung: Es verlangt Aufmerksamkeit. Wer abends müde liest, muss sich auf jedes Kapitel konzentrieren, sonst verliert er den Faden.
Als Lektüre für lange Herbstabende ist „Der Nachtzug“ eine gute Wahl, wenn Tempo und Wendungen wichtiger sind als eine lückenlos glaubwürdige Handlung. Wer dagegen Figuren sucht, die man lange im Kopf behält, sollte sich ein anderes Abteil suchen.
Wie weitere Bestellerautoren, darunter Arne Dahl und Jussi Adler-Olsen auf ihre Ideen kommen, lesen Sie hier in den Interviews. Übrigens: Bleiben Sie auf dem Laufenden zu Buchtipps und Neuigkeiten aus der Buchwelt mit unserem Newsletter. Hier abonnieren. (str)