Platz eins der Bestsellerliste: Warum Robert Habecks „Arctic Meltdown“ einen Blick verdient

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Von: Sven Trautwein

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Robert Habeck im Gespräch über sein Buch „Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt“ auf der Frankfurter Buchmesse.
Robert Habeck im Gespräch über sein Buch „Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt“ auf der Frankfurter Buchmesse. © Renate Hoyer

Russland, China, die USA: In „Arctic Meltdown“ erklärt Robert Habeck den Machtkampf um die Arktis. Ein Buchtipp für alle, die Zusammenhänge suchen.

Eis schmilzt. Schiffe kommen durch. Rohstoffe werden erreichbar. Was nach einer Nachricht für den Wirtschaftsteil klingt, ist zugleich eine ziemlich unangenehme Sicherheitsfrage. Denn eine zugängliche Arktis bedeutet nicht automatisch eine friedlichere Arktis. Wo neue Geschäfte möglich werden, wachsen auch die Begehrlichkeiten. Das lässt sich noch bequem als Problem des hohen Nordens abtun. Bis man sich anschaut, was Habeck daraus für Europa ableitet.

Auf dem Buchcover steht Robert Habeck. Man kann also erst einmal an die Grünen denken, an die Ampel, an die alten politischen Debatten. Muss man aber nicht. „Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt“ beschäftigt sich mit einer Frage, die auch ohne Interesse am früheren Wirtschaftsminister spannend ist: Was passiert, wenn eine natürliche Barriere zwischen Staaten verschwindet? Das Sachbuch stieg laut aktueller Spiegel-Bestsellerliste direkt auf Platz eins in der Kategorie Sachbuch ein. Ein Verkaufserfolg, gewiss. Der bessere Grund zum Lesen liegt allerdings im Thema.

Die Arktis ist weit weg? Ein Blick auf die Karte hilft

Habeck lädt dazu ein, den Globus zu kippen und vom Nordpol aus auf die Welt zu schauen. Plötzlich liegen die USA, Russland und Europa rings um dasselbe Meer. Im WDR-Interview vergleicht er diese Anordnung mit dem Mittelmeerraum. Handel, wirtschaftliche Interessen, Konflikte: Alles rückt zusammen, sobald das Wasser zugänglicher wird.

Hier löst sich auch die vermeintliche Ferne auf. Habecks Warnung lautet, dass Konflikte künftig in der Arktis entstehen und von dort auf Europa übergreifen könnten. Nicht als Gewissheit, sondern als mögliches Szenario. Und als Gegenargument zu der bequemen Vorstellung, der hohe Norden sei vor allem ein Fall für Klimaforscher und Naturdokumentationen. Bei seiner Buchpräsentation auf der Frankfurter Buchmesse machte Habeck deutlich, warum die Arktis im Zentrum künftiger Sicherheitspolitik steht.

Eisberge in der Diskobucht vor Grönland – das schmelzende Meereis verändert Natur und Weltpolitik grundlegend.
Eisberge in der Diskobucht vor Grönland – das schmelzende Meereis verändert Natur und Weltpolitik grundlegend. © Evgeniy Maloletka / dpa

Worum es in „Arctic Meltdown“ geht

Habeck untersucht, wie das schwindende Eis die Machtverhältnisse verändert. Russland verliert einen natürlichen Schutz an seiner Nordküste. Die USA erheben Ansprüche auf Grönland. China verfolgt eine „Polare Seidenstraße“. Neue Handelsrouten und zugängliche Rohstoffvorkommen sind dabei nicht einfach erfreuliche Nebenprodukte des Klimawandels. Sie werfen die Frage auf, wer davon profitiert – und nach welchen Regeln dieser Wettlauf stattfindet. Wie dramatisch die Eisschmelze Grönland zur geopolitischen Goldgrube macht, analysieren auch Sicherheitsexperten seit Längerem.

Robert Habeck: „Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt“

► 2026 Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13 978-3-462-01484-6

► Preis: gebunden 26 Euro, 416 Seiten

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Das Buch liefert dafür mehr als eine Bestandsaufnahme der Großmachtinteressen. Es bezieht die Geschichte der Region ein, die koloniale Ausbeutung durch Dänemark und die Menschen, die dort leben. Gerade dieser Blick ist wichtig. Denn die Arktis ist kein unbesetztes Spielfeld, auf dem andere nur noch ihre Fähnchen verteilen müssen. Bei einer Lesung beim Göttinger Literaturherbst warnte Habeck zudem davor, die imperialen Absichten der Großmächte gegenüber Europa zu unterschätzen. Habeck spricht im WDR auch über Inuit und Sámi – und darüber, wie vorsichtig er als Außenstehender von ihren Kulturen erzählt.

Kein Buch zum schnellen Durchblättern

Politische Analyse, Geschichte, kulturelle Erzählungen: Der Ansatz ist breit. Das kann helfen, ein wenig vertrautes Thema zu erschließen. Es verlangt aber auch Zeit.. Anekdoten und persönliche Überlegungen lockern die Analyse auf; rund 50 Seiten Anmerkungen und Literaturverzeichnis gehören ebenfalls dazu.

Ein bisschen Geduld sollte man also mitbringen. Und die Bereitschaft, einem Autor zu folgen, dessen politische Herkunft natürlich nicht mit dem Ministeramt verschwunden ist. Eine Leseempfehlung heißt schließlich nicht, jede Schlussfolgerung zu unterschreiben.

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Warum man dafür kein Habeck-Fan sein muss

Man greift zu einem Sachbuch, weil man etwas verstehen möchte. Nicht, weil man dem Autor bei der nächsten Gelegenheit seine Stimme geben würde. Bei „Arctic Meltdown“ ist das Erkenntnisinteresse ziemlich konkret: Wie wird aus schmelzendem Eis eine Sicherheitsfrage? Was verbindet Klimapolitik mit Handelswegen und militärischen Interessen? Und warum sollte Europa genauer hinschauen? Auch im Vorfeld des Arktis-Gipfels mahnte Habeck, dass die EU bei ihrer Arktis-Strategie jahrelang geschlafen habe.

Für politisch Interessierte, denen die Arktis bislang nur am Rande begegnet ist, ist das ein guter Anlass zur Lektüre. Der Nutzen liegt im Perspektivwechsel: Dieselbe Entwicklung kann für Reedereien eine neue Route bedeuten, für Anwohner einen veränderten Lebensraum und für Staaten ein Sicherheitsrisiko. Das einmal zusammen zu betrachten, lohnt sich. Auch dann, wenn einen Habeck als Politiker kaltlässt. (Quellen: WDR, eigene Recherche) (str)

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