Krimi-Star Jens Lapidus über Bandengewalt: „Schweden kehrt nie wieder nach Bullerbü zurück“

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Von: Sven Trautwein

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Interview mit Jens Lapidus (Symbolbild)
Im Interview: Krimi-Star Jens Lapidus über Bandengewalt: „Schweden kehrt nie wieder nach Bullerbü zurück“ (Symbolbild) © Markku Ulander/Lehtikuva/Imago

Nach einer Nachtzugreise nach Stockholm traf Sven Trautwein Krimiautor Jens Lapidus zum Lunch. Er spricht über Bandengewalt und das Ende von Bullerbü.

Draußen zieht im gemächlichen Rhythmus der Schienen die schwedische Landschaft vorbei – dichte Nadelwälder, rote Holzhäuser, scheinbar endlose Seen. Eine Reise mit dem Nachtzug nach Stockholm fühlt sich an wie eine Zeitreise in die Bullerbü-Idylle aus den Erzählungen von Astrid Lindgren. Doch wer am Hauptbahnhof in Stockholm aussteigt und den Blick hinter die Postkartenkulisse wagt, betritt ein anderes Land.

Krimi-Autor Jens Lapidus im Interview: Er war einst Strafverteidiger von Gangmitgliedern und Drogenhändlern

In einem lebhaften Restaurant in der schwedischen Hauptstadt treffe ich Jens Lapidus persönlich zum Lunch. Der Mann, der jahrelang als einer der profiliertesten Strafverteidiger des Landes vor Gericht stand, wirkt nahbar, wach und hochkonzentriert. Bevor er mit Romanen wie „Easy Money“ (Snabba Cash – Hintergründe zur Netflix-Serie) internationale Bestseller landete, verteidigte er die Männer, über die ganz Schweden heute spricht: Gangmitglieder, Drogenhändler, Kriminelle.

Beim Mittagessen wird schnell klar: Lapidus redet Klartext. Im Interview erklärt er, warum das alte Schweden Geschichte ist, Betrug längst lukrativer ist als Kokain und warum er keine traditionellen Schwedenkrimis mehr liest.

Herr Lapidus, Schweden galt lange als ein Land mit einem sehr milden Strafrechtssystem. Zuletzt gab es jedoch drastische Verschärfungen. Wurde Schweden durch die Umstände gezwungen, sein System zu ändern?

Das schwedische Strafrechtssystem war wahrscheinlich, vielleicht mit Ausnahme von Island, einst das mildeste der Welt. In anderen europäischen Ländern gab es deutlich höhere Strafen und strengere Regeln. In den letzten Jahren gab es nun harte Änderungen – mehr als 50 Gesetze wurden allein im vergangenen Jahr verschärft. Viele würden sagen, das sei schädlich, weil man auf lange Sicht kein repressives System, sondern ein liberales möchte. Andere sagen, wir brauchen das, weil wir sonst nicht gegen die Banden ankämpfen können. In meiner Welt wäre es schön, wenn einige der repressiveren Gesetze wieder zurückgenommen werden könnten, sobald die Dinge besser werden. Das Problem ist jedoch: Repressive Gesetze bleiben oft.

Glauben Sie, es geht irgendwann zurück nach Bullerbü?

Nein. Wir werden nie wieder nach Bullerbü zurückkehren. Diese Zeiten sind vorbei. Das hat mit Migration, Polarisierung und der Tatsache zu tun, dass ganz Europa heute einfach anders ist. Aber ich glaube, wir sind bereits dabei, das Schlimmste zurückzudrängen. Wir sehen, dass die Anzahl der Schießereien und Explosionen aufgrund der neuen Gesetze und der Polizeiarbeit zurückgeht. Organisierte Kriminalität wird jedoch in einem größeren Maßstab existieren als vor 15 Jahren – sie ist gekommen, um zu bleiben, weil sie digitalisiert und globalisiert ist.

(Hinweis der Redaktion: Schon in seinem dystopischen Thriller zeichnete der Autor ein düsteres Zukunftsbild – mehr dazu im Exklusiv-Interview zu „Paradise City“).

„Ihre Art zu leben“: Der Bruch mit der schwedischen Tradition

Sie waren selbst einige Jahre lang Strafverteidiger. Was war der Auslöser für Sie, über dieses Milieu zu schreiben?

Als ich am Gericht arbeitete, erlebte ich Dinge, die für mich ein großer Augenöffner waren. Ich sah eine ansteigende Kriminalität und eine völlig andere Mentalität. Die Leute begingen Verbrechen nicht mehr aus der Not heraus, sondern weil sie es als Lebensstil betrachteten. Ich erinnere mich an einen Prozess mit jungen Kerlen, die andere Jugendliche ausgeraubt hatten. Als die Richterin fragte, wo sie sich in fünf Jahren sehen, schrien sie sie an, dass sie nicht verstehe, dass dies ihre Art zu leben sei. Das war meine Offenbarung. Mir wurde klar: Auch das ist Schweden – und es wurde noch nie zuvor beschrieben.

Wenn junge Leute heute Adaptionen solcher Geschichten auf Netflix sehen, etwa Ihre eigenen oder Serien wie „4 Blocks“, besteht da nicht die Gefahr, dass dieser Lebensstil glorifiziert wird?

Diese Frage ist wichtig. Wenn man versucht, Kriminelle dreidimensional darzustellen, als Charaktere aus Fleisch und Blut mit echten Motiven und nicht nur als eindimensionale Bösewichte, riskiert man diesen Vorwurf. Aber wenn wir nur Geschichten erzählen würden, in denen Kriminelle einfach nur stumpf und böse sind, wären das sehr langweilige Geschichten.

Warum der klassische Schwedenkrimi eine Illusion ist

Gibt es schwedische Autoren, die Ihre Arbeit beeinflusst haben? Das „Nordic Noir“-Genre ist ja weltweit extrem erfolgreich.

Was Kriminalliteratur angeht, sehe ich mich nicht von der schwedischen Tradition beeinflusst. Ich orientiere mich viel mehr an der amerikanischen oder britischen Tradition, an Autoren wie James Ellroy oder Don Winslow, die sich intensiv mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Schwedisches Noir lese ich vielleicht, aber es ist keine Inspirationsquelle.

Trotzdem ist das Niveau der schwedischen Krimis doch sehr hoch?

Das liegt daran, dass es in Schweden ein so großes Genre ist und sich viele gute Autoren wie Håkan Nesser dafür entscheiden. Aber ich denke, ein Großteil der Kriminalliteratur in Schweden steht immer noch in der Tradition von Henning Mankell, wo sich alles in einem kleinen Dorf abspielt. Es ist sehr rückwärtsgewandt und entspricht nicht dem Schweden von heute. Es ist eher ein Spiegelbild des Traums davon, was Schweden einmal war.

Krimi-Star Jens Lapidus über Bandengewalt: „Schweden kehrt nie wieder nach Bullerbü zurück“
Im Interview: Krimi-Star Jens Lapidus über Bandengewalt: „Schweden kehrt nie wieder nach Bullerbü zurück“ © Sven Trautwein

Blick auf die neue Generation: Pascal Engman und der moderne Schweden-Thriller

Während Lapidus den traditionellen Provinzkrimi kritisiert, vollzieht die neue Autorengeneration in Schweden genau jene schonungslose Wende, die Lapidus mitbegründet hat. An vorderster Front steht dabei Pascal Engman, der gemeinsam mit Johannes Selåker mit „Sommersonnenwende“ (Rezension auf 24books.de) den spannendsten Schweden-Krimi des Sommers vorlegte. Engmans Werk greift die Risse der schwedischen Gesellschaft historisch und modern zugleich auf: Rund um den heißen Sommer der Fußball-WM 1994 verknüpft er den aufkeimenden Rechtsextremismus, gesellschaftliche Bruchlinien und Traumata der Post-Wohlfahrtsära mit packenden Ermittlungen von Kommissar Tomas Wolf. Wie Lapidus bricht auch Engman radikal mit der heilen Bullerbü-Illusion und zeigt, dass das moderne Stockholm-Noir-Genre dann am stärksten ist, wenn es gesellschaftliche Realitäten ungeschminkt seziert. Das wird auch in Pascal Engmans „Der Clan“ deutlich.

Betrug ist der neue Drogenhandel

Woher kommt das viele Geld der Banden heute? Vermutlich aus dem Drogenhandel?

Nein, die größte Einnahmequelle ist Betrug. Sozialbetrug, Mehrwertsteuerbetrug und Online-Krypto-Betrug. Der Umsatz dort ist wahrscheinlich zehnmal höher als auf dem Drogenmarkt. Europäische Behörden konnten durch gehackte Chat-Dienste wie EncroChat nachweisen, dass rund 50 Prozent der Betrugsdelikte direkte Verbindungen zu gewalttätigen Banden haben.

Wie ist das in diesem Ausmaß möglich?

Dieser Betrug ist die Kehrseite des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Unser System basiert auf Vertrauen. Der Staat vertraut den Bürgern bei Steuer- und Sozialangaben und überprüft viele Dinge nicht doppelt. Das ist eigentlich sehr effizient, wird aber von Kriminellen, die mittlerweile wie gut organisierte Unternehmen operieren, massiv ausgenutzt.

Ein „furchtbares Experiment“ in den Schulen

Abseits der Kriminalität: Wie blicken Sie als Autor auf die Zukunft des Schreibens im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz?

KI ist riesig. Sie wird in naher Zukunft auch anfangen, Führungskräften und erfahreneren Anwälten Jobs wegzunehmen. Ich selbst lasse KI niemals für mich schreiben, nutze sie aber manchmal, um Ideen durchzuspielen.

Schweden war auch einer der Vorreiter bei der Digitalisierung der Schulen. iPads wurden sehr früh eingeführt, physische Bücher verbannt. Nun heißt es, viele Kinder können schlechter lesen.

Ein riesiges Fiasko. Schweden hat einen schweren Fehler gemacht. Es ist, als hätte man den Kindern einen Freifahrtschein gegeben, ihr Leben nur noch auf Bildschirmen zu verbringen. Meine Kinder waren diesem furchtbaren Experiment ausgesetzt. Das hat zu einem drastischen Rückgang der Lesefähigkeit geführt, alles ist nur noch Copy-and-Paste. Es war ein großer Fehler.

Buchtipps & Leseempfehlungen zu Jens Lapidus

Für alle, die tiefer in die schonungslose Welt von Jens Lapidus eintauchen möchten:

  1. „Paradise City“: Eine beklemmende Dystopie über ein abgeriegeltes Stockholm mit Mauern, Sonderzonen und sozialen Unruhen – hochgelobt und als Serie bei Amazon Prime Video verfilmt.
  2. Die Stockholm-Trilogie („Snabba Cash“): Die Romane „Schnelles Geld“, „Spür die Angst“ und „Mach sie fertig“, die das moderne Gangster-Genre Schwedens begründeten.
  3. Die „Top-Dog“-Reihe: Lapidus’ Justiz- und Unterwelt-Reihe („Schweigepflicht“, „Flugangst“), die das Zusammenspiel von Elitekanzleien und Kriminalität beleuchtet.
  4. Literarische Vorbilder: Wer Lapidus schätzt, greift laut dem Autor selbst am besten zu US-Größen wie Don Winslow („Tage der Toten“, „Das Kartell“, „City in Ruins“) und James Ellroy („L.A. Confidential“).

Ausklang: Zurück auf die Straßen Stockholms

Als sich unser Gespräch dem Ende zuneigt und Jens Lapidus sich mit einem festen Händedruck verabschiedet, trete ich wieder hinaus auf die belebten Straßen Stockholms. Die herbstliche Sonne spiegelt sich im Wasser der Ostseebuchten, Geschäftsleute eilen vorbei, Cafés sind gut gefüllt – auf den ersten Blick eine funktionierende, friedliche Metropole. Doch nach den anderthalb Stunden mit dem Mann, der die Akten der schwerkriminellen Banden selbst studiert und die Risse der Gesellschaft literarisch verewigt hat, blickt man mit anderen Augen auf diese Stadt. Das romantische Bild von Bullerbü mag für immer verblasst sein – die schonungslose Realität von Jens Lapidus aber hat gerade erst begonnen, Schwedens Gegenwart und Zukunft neu zu definieren. (str)

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