Bürgergeld-„Mafia“: So groß ist das Leistungsproblem wirklich
Uns auf Google folgenKriminelle Banden locken Osteuropäer nach Deutschland und pressen ihnen das Bürgergeld ab. Experten sprechen von „Sisyphusarbeit“ beim Aufdecken.
Berlin – Sie kommen mit falschen Versprechungen nach Deutschland und landen in einem perfiden System der Ausbeutung: Kriminelle Banden locken Menschen aus Bulgarien und Rumänien mit angeblichen Jobchancen ins Land, um ihnen dann systematisch ihr Bürgergeld abzuknöpfen. Die Zahlen sind alarmierend, Experten sprechen von organisierter Kriminalität.

Laut neuen Zahlen der Bundesregierung gibt es in 421 Fällen „bandenmäßigen Leistungsmissbrauch“ beim Bürgergeld – fast doppelt so viele wie im Vorjahr mit 229 Fällen. Bis August 2025 kamen bereits weitere 293 neue Verfahren hinzu. Doch das ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums warnte laut Bericht der Tagesschau: Diese Daten bildeten „die tatsächliche Situation nicht ab“, da „von einer hohen Dunkelziffer“ auszugehen sei.
Betrugsmasche Bürgergeld: Osteuropäer werden angelockt und abgezockt
Die Betrüger verschaffen den angelockten Osteuropäern, häufig aus Bulgarien und Rumänien, tatsächlich Arbeitsverträge – allerdings nur für geringfügige Beschäftigungen zum Mindestlohn, so ein Bericht der WirtschaftsWoche unter Berufung auf Daten der Bundesagentur für Arbeit. Zusätzlich organisieren sie ihnen Meldeadressen in Deutschland. Mit diesen Dokumenten erhalten die Migranten rechtlich den Status als Arbeitnehmer und damit Anspruch auf Sozialleistungen.
Der Haken: Die Betroffenen werden in maroden Sammelunterkünften untergebracht, für die sie hohe Mieten zahlen müssen. Ihre geringen Einkommen, das Bürgergeld und die vom Jobcenter erstatteten Kosten für Miete und Heizung müssen sie an die Kriminellen abtreten. Zum Leben bleibe ihnen oft nur das übrig, was sie mit Schwarzarbeit verdienen können. Oft sind Arbeitgeber und Vermieter identisch und würden den Zugezogenen „wie ein Zuhälter“ einen Teil der Sozialleistung abnehmen – beispielsweise 250 Euro monatlich .
Bürgergeld-Betrüger-Banden: Politik spricht von „mafiösen Strukturen“
Das Problem konzentriert sich laut Tagesschau auf etwa 20 deutsche Städte, überwiegend im Ruhrgebiet. Besonders betroffen sind Duisburg und Gelsenkirchen, wo es regelmäßig zu Razzien kommt. Aber auch in Mannheim, Hamburg und Berlin häufen sich die Fälle. In Mannheim leben mehr als 13.000 Menschen aus Bulgarien und Rumänien. Margareta Gilik, die dort das Sachgebiet Arbeit und Soziales leitet, beschrieb das Aufdecken dieser Form von Leistungsmissbrauch als „Sisyphusarbeit“.
Ein Problem bei der Aufdeckung des Bürgergeld-Betrugs sei der fehlende Datenaustausch zwischen Behörden. „Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen, erfährt es das Jobcenter nicht“, erklärte Gilik. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) wählte drastische Worte für das Phänomen Bürgergeld-Betrug. Sie sprach von „mafiösen Strukturen, die wir zerschlagen müssen“. Die Ministerin forderte bereits seit Juni dieses Jahres einen besseren Datenaustausch zwischen Finanzämtern, Jobcentern, Familienkassen und Sicherheitsbehörden.
Leistungsmissbrauch beim Bürgergeld soll als „besonders schwere Form des Betrugs“ gelten
Jobcenter-Chef Marcus Weichert kritisierte in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ die aktuelle Rechtslage scharf. Er finde es „total schräg“, dass der Gesetzgeber zwar Schwarzfahren als Betrugstatbestand ins Strafgesetzbuch gebracht habe – aber nicht den Betrug an der Gesellschaft beim Erschleichen von Sozialleistungen. Weichert forderte „eine stärkere Vernetzung der Behörden und Datenbanken, um Missbrauch schneller zu erkennen und Betroffene besser zu schützen“.
Zudem sollte „Betrug an der Gesellschaft durch die Erschleichung von Sozialleistungen klar als besonders schwere Form des Betrugs qualifiziert werden“. Unter den zuletzt knapp 814.000 Bürgergeldbeziehern, die arbeiten und aufstocken, waren etwa 274.000 Minijobber – knapp ein Drittel.
Gemessen an den 5,5 Millionen Bürgergeld-Empfängern in Deutschland wirkten die Betrugszahlen zwar nicht dramatisch. Doch der steile Anstieg und die vermutete, hohe Dunkelziffer zeigen laut Weichert, dass das Problem dringend Gegenmaßnahmen erfordert. (Quellen: Hart aber Fair, Tagesschau, WDR, WirtschaftsWoche) (nana)