Jobcenter-Chef räumt mit Vorurteilen auf: „Kommt in der Praxis kaum vor“
Uns auf Google folgenDer Chef des größten deutschen Jobcenters räumt mit Vorurteilen zu Bürgergeld-Empfänger auf. Er stellt klar: „Solche Klischees haben mit unserem Alltag sehr wenig zu tun“.
Hamburg – Dirk Heyden, Leiter des Hamburger Jobcenters, äußerte Bedenken an den Plänen der schwarz-roten Koalition, Leistungsempfängern von Bürgergeld bei wiederholten Terminversäumnissen sämtliche Bezüge zu streichen. „Es ist ganz gewiss nicht in unserem Interesse, Notlagen herbeizuführen.“ In einem Interview mit dem Tagesspiegel macht der erfahrene Jobcenter-Chef deutlich, in welchem Punkt er die geplanten Verschärfungen für kontraproduktiv hält und räumt gleichzeitig mit verbreiteten Vorurteilen über Bürgergeld-Bezieher auf.

Mit seinem Team betreut er über 190.000 hilfebedürftige Menschen in Hamburg und kennt die Realität vor Ort wie kein anderer. Heyden stellt sich gegen das weit verbreitete Bild von grundsätzlich arbeitsscheuen Leistungsbeziehern: „Solche Klischees haben mit unserem Alltag sehr wenig zu tun“, macht er unmissverständlich klar.
„Kommt in der Praxis kaum vor“: Job-Verweigerer machen nur drei Prozent der Bürgergeld-Empfänger aus
Für eine abschließende Bewertung der Bürgergeld-Änderungen sei es zwar noch zu früh, so Heyden. Doch: „Dass Menschen ein Jobangebot ablehnen, kommt in der Praxis kaum vor“, betonet er. Lediglich drei Prozent aller Leistungsbezieher würden sich als echte Verweigerer erweisen. Das zentrale Problem liegt nach Heydens Erfahrung woanders: bei nicht wahrgenommenen Gesprächsterminen. Doch selbst diese Fälle sind seiner Ansicht nach eher selten.
Und bei einem tatsächlichen Fernbleiben von Jobcenter-Terminen gibt es nach Heydens Beobachtungen meist nachvollziehbare Ursachen: körperliche oder seelische Leiden sind häufig der Grund, wenngleich bei manchen durchaus fehlende Motivation eine Rolle spielt. Die Bandbreite an Hilfsangeboten der Jobcenter könne eben auch nur dann wirksam werden, wenn die Betroffenen zur Zusammenarbeit bereit sind, hebt Heyden die Wichtigkeit der verbindlichen Kooperation hervor.
Jobcenter-Chef sieht Bürgergeld-Streichung kritisch: „Nicht in unserem Interesse, Notlagen herbeizuführen“
Die schwarz-rote Koalition will aktuell schärfere Sanktionen für Bürgergeld-Empfänger einführen. Wer dreimal unentschuldigt nicht zu Jobcenter-Terminen erscheint, könnte damit künftig alles verlieren. Als Alternative zu den drastischen Kürzungen schlägt der Hamburger Jobcenter-Chef vor, die Leistungen lediglich kurzfristig zu pausieren. Sobald sich Betroffene wieder melden und kooperieren, könnte die Zahlung sofort – auch rückwirkend – wieder aufgenommen werden.
Die CDU und CSU haben sich in der Regierungskoalition mit der SPD mit ihren Vorstellungen durchgesetzt: Die Sozialleistung des Bürgergeldes soll grundlegend reformiert werden und künftig „Grundsicherung“ heißen. Die rund 5,5 Millionen Bezieher müssen sich auf verschärfte Mitwirkungspflichten und bei Missachtung auf schärfere Sanktionen einstellen. Wer Termine im Jobcenter wiederholt versäumt, dem sollen alle Leistungen gestrichen werden können.
Sanktionen durch Jobcenter sollten keine Angst verbreiten: „Wer mitmacht, hat nichts zu befürchten“
Unions-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn erklärte, mit der künftigen Grundsicherung beginne man eine neue Ära der Arbeitsmarktpolitik. „Es geht vor allem auch um einen Kulturwandel, dass zum Fördern auch wieder das Fordern kommt“, hieß es dazu im Koalitionsvertrag.
Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatte unterdessen Äußerungen aus der Union kritisiert, die den Eindruck erweckt hätten, die Leistung könnte komplett abgeschafft werden. „Das hat vielen Leuten Angst gemacht“, sagte die SPD-Chefin im ARD-Morgenmagazin. Tatsache sei: „Wer mitmacht, der hat überhaupt nichts zu befürchten“. (Quellen: dpa, Morgenmagazin, Tagesspiegel)(nana)