1. 24hamburg
  2. Wirtschaft

„Schlimmste Rezession“ seit 1945 - Top-Ökonom warnt vor möglichen Folgen eines Embargos für russisches Gas

Erstellt:

Von: Thomas Schmidtutz

Kommentare

Verdichterstation für Erdgas: Im Falle eines abrupten Embargos für russisches Gas droht Deutschland eine tiefe Rezession, warnt der Mannheimer Ökonom Prof. Tom Krebs von der Uni Mannheim.
Verdichterstation für Erdgas: Im Falle eines abrupten Embargos für russisches Gas droht Deutschland eine tiefe Rezession, warnt der Mannheimer Ökonom Krebs. © Patrick Pleul/dpa

Der Mannheimer Ökonom Prof. Tom Krebs warnt vor drastischen Folgen eines Lieferstopps bei russischem Gas für die deutsche Wirtschaft. 

Mannheim – Ein abruptes Embargo für russisches Gas könnte die deutsche Wirtschaft in eine schwere Rezession stürzen. Zu diesem Ergebnis kommt der Ökonom Prof. Tom Krebs von der Uni Mannheim in einer am Montag veröffentlichten Studie. Danach könnte die deutsche Wirtschaftsleistung im Falle eines Lieferstopps binnen eines Jahres um bis zu zwölf Prozent einbrechen, schreibt Krebs. Dies entspräche einem Schaden von über 400 Milliarden Euro.

Zwar sei es denkbar, dass die wirtschaftlichen Folgen eines Gas-Embargos den Schäden während der Finanzkrise oder dem Corona-Ausbruch 2020 entsprächen. Es „könnte jedoch auch zu einer Wirtschaftskrise führen, wie sie (West)-Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat“, warnt Krebs in der Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Mögliches Embargo für russisches Gas: Vorlaufzeit entscheidend

Das tatsächliche Ausmaß hänge dabei vor allem an der Vorlaufzeit. Bei Erdgas bestehe „ein erheblicher Unterschied zwischen einem Anpassungszeitraum von maximal einem Jahr und einem dreijährigen Anpassungszeitraum“. Danach könnten Gasimporte bis 2025 ersetzt und die Produktion auf andere Energieträger umgestellt werden.  

Sollte es hingegen zu einem abrupten Lieferstopp für russisches Gas kommen, könnte dies alleine in der Industrie zu einem Produktionsrückgang im Volumen zwischen 114 bis 286 Milliarden Euro führen. Dies entspräche einem Minus von drei bis acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dabei würden zunächst vor allem Energie-intensive Branchen wie Chemie, Metall-Erzeugung und –Bearbeitung getroffen. Hinzu kämen Folgeeffekte, weil etwa Metalle für den Autobau fehlten und damit weitere Wirtschaftszweige in Mitleidenschaft gezogen würden.

Unser kostenloser Wirtschafts-Newsletter versorgt Sie regelmäßig mit allen relevanten News aus der Wirtschaft. Hier geht es zur Anmeldung. 

Mögliches Embargo für russisches Gas: Kaskadeneffekte würden wirtschaftliche Schäden erhöhen

Außerdem müssten die Auswirkungen höherer Energiepreise auf die privaten Haushalte berücksichtigt werden. Denn sie schmälerten den finanziellen Spielraum der Verbraucher für andere Ausgaben und erhöhten die gesamtwirtschaftliche Unsicherheit. Deshalb sei mit einem zusätzlichen Rückgang des BIP um weitere zwei bis vier Prozent zu rechnen, erklärte Krebs. Da die zu erwartenden Preisschocks bei Energie und Lebensmitteln insbesondere ärmere Haushalte träfen, könne dies zudem „soziale Spannungen verschärfen“, schreibt der Volkswirt.

Angesichts der Gefahren und möglichen Folgewirkungen warnte Krebs eindringlich vor einem übereilten Gas-Ausstieg. Ein abrupter Lieferstopp für russisches Gas sei „hochriskant“. Daher solle die Bundesregierung bei ihrem Plan eines Ausstiegs bis 2024 bleiben. Auch die Gewerkschaften sehen ein möglichen Gas-Lieferstopp mit großer Sorge.

Allerdings liegt die Entscheidung nicht alleine in Berlin. Erst Ende April hatte der russische Gasriese Gazprom die Gaslieferungen für Polen und Bulgarien über Nacht eingestellt. Zur Begründung hatte Russland auf die Weigerung der beiden Länder verwiesen, ihre Rechnungen, wie vom Kreml gefordert, in Rubel zu bezahlen. Ein vergleichbarer Lieferstopp – warnen zahlreiche Beobachter - könnte auch Deutschland widerfahren.

Auch interessant

Kommentare