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Top-Fondsmanager in Sorge wegen China: „Die deutsche Wirtschaft muss ihr Geschäftsmodell ändern“

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Von: Thomas Schmidtutz

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Klaus Kaldemorgen: Der DWS-Mann ist der bekannteste deutsche Fondsmanger.
Klaus Kaldemorgen: Der DWS-Fondsmanager sieht die deutschen Unternehmen vor einer Zeitenwende. © DWS

Deutschlands bekanntester Fondsmanager Klaus Kaldemorgen sieht wegen der Abhängigkeit der deutschen Unternehmen von China große Gefahren und mahnt eine Neuausrichtung an.

München/Frankfurt - Der Finanzexperte Klaus Kaldemorgen (68) hat die deutsche Wirtschaft angesichts des Ukraine-Kriegs und der Auseinandersetzung des Westens mit Russland zum Umsteuern aufgefordert. Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China habe „Niveaus erreicht, die zu großen Abhängigkeiten führen“, warnte Kaldemorgen im Interview mit Merkur.de. Die „Mystifizierung der Globalisierung“ müsse „jetzt zum Ende kommen“. Deutschland müsse künftig „viele Dinge wieder selbst machen“, sagte der Anlageexperte.

Kaldemorgen gilt als der bekannteste deutsche Fondsmanager. Mit einem Volumen von rund 13,5 Milliarden Euro gehört der von ihm betreute Fonds DWS Concept Kaldemorgen zu den größten Kapitalanlegern in Deutschland.

Herr Kaldemorgen, Russland dreht Deutschland und weiteren europäischen Ländern wegen des Ukrainekriegs Schritt für Schritt den Gashahn zu. Wie gefährlich ist die Entwicklung für die deutsche Wirtschaft?

Die deutlich reduzierten Gaslieferungen aus Russland treffen die deutschen Privathaushalte und die Unternehmen gleichermaßen – aber mit unterschiedlichen Folgen. Beim Heizen wird das sicher für viele Verbraucher zum Problem. Aber viele Unternehmen stünden bei einem Lieferausfall vor einem vollständigen Produktionsstopp – und Deutschland damit vor einer Rezession.

Was würde das für die Börsen bedeuten: Droht dann ein Szenario wie zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020, als das Virus die deutsche Wirtschaft lahmlegte und der Dax bis auf rund 8400 Punkte abgestürzte?

Es gibt durchaus Parallelen zur Corona-Krise. Das gilt vor allem für den Geschäftsbetrieb bei vielen Unternehmen. Hier könnte es erneut zu einem vollständigen Betriebsstillstand praktisch über Nacht kommen, aber diesmal vor allem in der Industrie und nicht im Dienstleistungsgewerbe. Doch es gibt auch Unterschiede: Bei Corona konnten die Notenbanken und der Staat einspringen. Die Notenbanken haben damals massiv Geld in den Markt gepumpt. Die Staaten haben das Geld anschließend weiterverteilt und die Wirtschaft so am Laufen gehalten. Dazu kam die reichlich vorhandene Geldmenge, die auch für die Kapitalmärkte ein Segen war. Das werden wir jetzt so nicht mehr haben.

Sondern?

Anders als 2020 haben wir aktuell eine gewisse Vorlaufzeit. Von daher kann ich mir kaum vorstellen, dass wir dies Mal eine ähnliche Panik bekommen wie zu Beginn der Corona-Krise. Aber ja: Sollten die russischen Gaslieferungen ausfallen, dürfte der Dax gegenüber dem aktuellen Niveau noch mal deutlich nachgeben. Ein Gas-Stop würde aber als temporäres Problem betrachtet. 2023 wird sicherlich auch reichlich Gas aus anderen Quellen fließen.  

Nun ist die Sorge um die Energiesicherheit in Deutschland längst nicht der einzige Grund für die wachsende Nervosität an den Finanzmärkten. Viele Investoren sehen auch die steigende Inflation und die Reaktion der Notenbanken mit großer Unruhe. Ist die Korrektur der jahrelang lockeren Zinspolitik für die Finanzmärkte womöglich sogar die größere Gefahr?

Energie ist essenziell für die Wirtschaft. Von daher wäre ein Stopp der russischen Gaslieferungen wohl die größere Katastrophe. Zinserhöhungen sind hingegen Teil eines Wirtschaftszyklus. Allerdings gab es die letzte große Zinsrunde in den 70er Jahren. Damals sind die Börsen ebenfalls zweistellig eingebrochen, haben sich aber dann im Jahr darauf wieder berappelt, trotz deutlich höherer Zinsen.

Im Kampf gegen die hohe Inflation greift die US-Notenbank nach anfänglichem Zögern inzwischen radikal durch. Erst am Mittwoch hat die Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte angehoben. Viele Volkswirte fürchten angesichts des harten Kurses, dass Fed-Chef Jerome Powell die US-Konjunktur abwürgen und die größte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession stürzen könnte. Teilen Sie diese Sorge?

Notenbanken ist es bei Zinserhöhungen fast nie gelungen, eine sanfte Landung hinzubekommen. Stattdessen haben Zinserhöhungszyklen in den meisten Fällen in eine Rezession geführt. Daher muss man dieses Szenario leider auch jetzt als das wahrscheinlichste ansehen. In den USA könnte die Wirtschaft im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 in die Rezession zurückfallen. Sollte es dazu kommen, dürfte die Fed bei den Zinsen aber wieder auf die Bremse treten und gegensteuern.

Der US-Dollar hat gegenüber dem Euro zuletzt deutlich aufgewertet. Die Entwicklung verteuert unsere Energie-Importe und treibt damit die Inflation. Umgekehrt werden Unternehmen aus der Euro-Zone wettbewerbsfähiger. Welcher Effekt überwiegt aus Ihrer Sicht?

Das hängt von der jeweiligen Industrie ab. Früher hieß es, ein starker Dollar und ein schwacher Euro seien gut für eine Exportnation wie Deutschland. Das glaube ich nicht mehr, weil eine solche Währungsentwicklung dazu führt, dass der Anreiz, die eigene Wettbewerbsfähigkeit weiter zu verbessern, sinkt. Gleichzeitig wird Energie für die Unternehmen in der Eurozone auch noch teurer. Unter dem Strich sehe ich diese Entwicklung daher eher negativ. Die zentrale Frage ist in diesem Zusammenhang aber: Warum wertet der Dollar so auf?

Und da ist Ihre Erklärung?

Wir glauben, dass es aktuell schlicht lukrativer ist, Vermögen in den sicheren Hafen des US-Dollar zu verlagern als im Euroraum zu belassen. Für US-Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit gibt es aktuell rund drei Prozent Zinsen, zweijährige Bundesanleihen bringen 0,2 Prozent. Deshalb schichten viele Investoren Richtung Dollar um.

Im Kampf gegen die Inflation hat sich die Europäische Zentralbank deutlich mehr Zeit gelassen als die Fed. Das hat der EZB bei vielen Ökonomen teils harsche Kritik eingetragen. Wie beurteilen Sie die Zinspolitik der EZB? Haben die Währungshüter zu viel Rücksicht auf hoch-verschuldete Länder wie Italien genommen?

Die EZB steht hier sicher vor einem heiklen Balance-Akt. Es ist offensichtlich, dass die EZB länger mit einem Zinsschritt gewartet hat als die Fed – aus Rücksicht auf schwächere Länder in der Euro-Zone. Umso höher ist es ihr anzurechnen, dass sie die Zinsen jetzt um 50 Basispunkte unerwartet kräftig angehoben hat. Allerdings hat die EZB diesen Schritt durch das neue TPI-Programm etwas verwässert, das vor allem darauf zielt, Länder wie Italien zu stützen und die Euro-Zone zusammenzuhalten. Aber der Schritt war überfällig.

DWS-Fondsmanager Kaldemorgen: „Müssen unsere Abhängigkeit von China reduzieren“

Der russische Angriff auf die Ukraine hat viele Fragen aufgeworfen, darunter auch, wie wir künftig mit dem autoritären Regime in China umgehen wollen. Hier geht es um völlige andere Größenordnungen. Volkswagen macht etwa gut 40 Prozent seines Absatzes in China. BASF plant dort ein Werk für 10 Milliarden Euro. Droht für die deutsche Wirtschaft hier nicht eine viel größere Gefahr?

Ich sehe die Situation in der Tat sehr problematisch. China verfolgt eine eigene Agenda, die nicht unsere ist. Wer die jüngsten Zeichen richtig deutet, sollte erkennen, dass wir unsere Abhängigkeit von China deutlich reduzieren müssen, sowohl beim Export als auch beim Import. Wir haben dort Niveaus erreicht, die zu großen Abhängigkeiten führen. Die deutsche Wirtschaft muss deshalb anfangen, ihr Geschäftsmodell zu ändern.

Nämlich?

Bisher war es doch so: Deutschland hat billiges Gas aus Russland importiert, um damit Güter herzustellen, die wir zu hohen Preisen nach China verkaufen und andere Güter, die dort zu niedrigen Lohnkosten gefertigt wurden, in Deutschland einzuführen. Diese Arbeitsteilung wird nicht mehr funktionieren. Künftig müssen wir deshalb viele Dinge wieder selbst machen. Das gilt für nachhaltige Energieerzeugung, aber auch für andere Güter wie Halbleiter. Wir haben gesehen, wie anfällig unsere weltweiten Lieferketten sind. Die Mystifizierung der Globalisierung muss jetzt zum Ende kommen. Wir werden nicht in die Steinzeit zurückfallen. Aber wir müssen die Globalisierung ein Stück zurückdrehen.

In den USA läuft die Debatte um eine wirtschaftliche Entkopplung von China schon länger?

Diese Diskussion kommt auch bei uns. Die USA und Europa rücken bereits wieder enger zusammen. Das ist zum beiderseitigen Nutzen. Deutschland bezieht zum Beispiel LNG-Gas aus den USA, Intel baut für 17 Milliarden Euro ein Halbleiter-Werk bei Magdeburg. Umgekehrt droht aber auch eine stärkere Polarisierung mit China und Russland.

Was heißt das für Anleger?

Anleger sollten vorsichtig sein, aber nicht ängstlich. Denn wenn man ängstlich ist, verkauft man zum falschen Zeitpunkt. Wer bereits am Aktienmarkt investiert ist, sollte jetzt eher nicht mehr verkaufen. Ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt für Neu-Engagements ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist es besser, das Pulver trocken zu halten, die Lage im dritten Quartal zu beobachten und sich dann dem Aktienmarkt wieder zu nähern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dann wieder Kaufgelegenheiten bieten – auch am Heimatmarkt.

Klaus Kaldemorgen (68) ist der bekannteste deutsche Fondsmanger.
Klaus Kaldemorgen (68) ist der bekannteste deutsche Fondsmanger. © DWS

DWS-Fondsmanager Kaldemorgen: „Pulver trocken halten“

Sie verfolgen in dem von Ihnen geführten Fonds DWS Concept Kaldemorgen eine ausgewogene Anlagestrategie. Das Börsenumfeld ist derzeit aber extrem turbulent. Wie sollten sich Anleger mit einem mittleren Risikoprofil jetzt aufstellen? 

Der DWS Concept Kaldemorgen Fonds bildet eine relativ niedrige Risikopräferenz ab. Wir streben an, maximal einstellige Verluste innerhalb eines Kalenderjahres zuzulassen.  Ende Juni hatten wir 43 Prozent der Anlagen in Aktien, von denen über Derivate sieben Prozentpunkte kursgesichert sind. 27 Prozent des Portfolios stecken in Anleihen, vor allem US-Staatsanleihen, 20 Prozent ist Cash. Aktuell wollen wir mit Blick auf die Schwankungsbreite keinen höheren Aktienanteil eingehen. Mittelfristig bleiben Aktien aber attraktiver als Anleihen.

Welche Aktien stehen bei Ihnen gerade hoch im Kurs?

Die beiden größten Sektoren sind aktuell Pharma und Telekommunikation. Wenn wir dazu noch die Versorger und Konsumwerte dazu nehmen, entspricht das über der Hälfte unseres gesamten Aktienportfolios.

Wie sehen Sie die Börsen für die nächsten Monate?

Der Ausblick auf die Börsen in den nächsten Monaten ist nicht allzu verheißungsvoll. Denn die Gewinnrückgänge und die sinkenden Margen sind von vielen Analysten in ihren Schätzungen wohl noch nicht ausreichend berücksichtigt. Nehmen Sie etwa die US-Börsen: Da gehen die Konsens-Schätzungen der Analysten im Schnitt immer noch von steigenden Gewinnen im laufenden Jahr aus. Wir erwarten hingegen eher Gewinnrückgänge.

Was heißt das für Anleger?

Anleger sollten vorsichtig sein, aber nicht ängstlich. Denn wenn man ängstlich ist, verkauft man zum falschen Zeitpunkt. Wer bereits am Aktienmarkt investiert ist, sollte jetzt eher nicht mehr verkaufen. Ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt für Neu-Engagements ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist es besser, das Pulver trocken zu halten, die Lage im dritten Quartal zu beobachten und sich dann dem Aktienmarkt wieder zu nähern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dann wieder Kaufgelegenheiten bieten – auch am Heimatmarkt. 

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