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Bericht: Ikea verkauft Möbel, die mit Zwangsarbeit in Belarus in Verbindung stehen

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Von: Lisa Mayerhofer

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Eine Ikea-Filiale
Vor etwa zehn Jahren geriet Ikea schon einmal wegen Zwangsarbeit prominent in die Schlagzeilen. (Symbolbild) © Norbert Schulz/Imago

Der Möbelkonzern Ikea soll laut einer Recherche jahrelang Materialien aus Belarus bezogen haben, die dort unter Zwangsarbeit hergestellt wurden. Betroffene Möbel werden offenbar noch immer verkauft.

Berlin – Nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine haben viele westliche Unternehmen die Beziehungen zu Russland und seinem Verbündeten Belarus gekappt. Auch der beliebte schwedische Möbelkonzern Ikea stellte seine Tätigkeiten in den Ländern ein und verkaufte seine Fabriken. Doch Medienberichten zufolge werden in den Möbelhäusern von Ikea immer noch Gegenstände verkauft, deren Materialien möglicherweise in Belarus in Zwangsarbeit hergestellt worden sind.

Bericht: Ikea soll von Zwangsarbeit belarussischer Häftlinge profitiert haben

Laut dem investigativen Journalisten-Kollektiv We Report bezog Ikea von Geschäftspartnern aus Belarus Materialien, bei deren Herstellung Zwangsarbeit belarussischer Häftlinge zum Einsatz kam. Dazu gehören Holz, Spanplatten und Möbel wie das Bücherregal „Baggebo“, die Kommode „Kullen“ oder das Bett „Brimnes“.

Den Partnermedien, zu denen auch die taz gehört, liegen Dokumente vor, wie etwa Schuldnerlisten, die von den belarussischen Strafkolonien auf ihren Internetseiten veröffentlicht wurden. Besonders bedrückend für Ikea: Die belarussischen Konzerne machen laut dem Bericht aus dem Knast-Hintergrund kein Geheimnis. Dabei versicherte das Möbelhaus seinen Kunden doch immer, keine Materialien aus Zwangsarbeit zu beziehen.

Ikea geriet schon einmal wegen Zwangsarbeit in der DDR unter Druck

Vor etwa zehn Jahren geriet Ikea schon einmal wegen Zwangsarbeit prominent in die Schlagzeilen: Der Konzern entschuldigte sich zu dieser Zeit bei ehemaligen DDR-Häftlingen, von deren Zwangsarbeit Ikea in den 70ern und 80ern profitierte – angeblich unwissentlich. Zu jener Zeit habe man noch nicht über das heutige gut ausgearbeitete Kontrollsystem verfügt und „offensichtlich nicht genug getan, um dies zu unterbinden“, sagte Ikea-Deutschland-Chef Peter Betzel im Jahr 2012.

Doch die Recherchen von We Report lassen Zweifel an diesem Kontrollsystem aufkommen: Demnach verfügte die Hälfte der großen Ikea-Zulieferer aus Belarus in den letzten zehn Jahren zu Verbindungen zu Strafkolonien; eine Zusammenarbeit konnten sie explizit bei zehn Unternehmen nachweisen.

Belarus: Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit einer Diktatur

Belarus war von 1999 bis 2020 der zweitgrößte Holzlieferant für Ikea. Neben Holzlieferanten unterhielt das Möbelunternehmen auch mit dem belarussischen Textilunternehmen Mogotex den Recherchen zufolge in dieser Zeit enge Geschäftsbeziehungen. Der Zulieferer habe Ikea unter anderem mit Vorhängen, Tischdecken und Handtücher versorgt – und dabei mit mindestens vier Strafkolonien zusammengearbeitet.

Auch im Jugendgefängnis IK-2 habe Mogotex einer Schuldnerliste aus dem Jahr 2019 zufolge eingekauft – und diese Einrichtung sei für ihre besonders entwürdigenden Methoden bekannt, so die taz. Der Leiter von IK-2 stand zwischen 2006 und 2014 sogar wegen der damaligen „unmenschlichen Behandlung politischer Gefangener“ auf der Sanktionsliste der EU. 

Belarussische Gefängnisse und Strafkolonien sind brutal: Es gibt Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen, Misshandlungen, zuweilen „verschwinden“ missliebige Insassen. In einem dieser Gefängnisse landen können alle Menschen in Belarus, die beispielsweise gegen ihren erbarmungslosen Diktator Alexander Lukaschenko protestieren.

Hätte Ikea schon früher Verbindungen nach Belarus kappen müssen?

Von der taz mit den Vorwürfen von We Report konfrontiert, antwortete Ikea, dass das Möbelhaus die vertraglichen Verbindungen mit Belarus seit den EU-Sanktionen Oktober 2020 abgebrochen habe. Den Recherchen zufolge hätte der Konzern die Zusammenarbeit mit vielen belarussischen Geschäftspartnern aber wohl schon viel früher beenden müssen.

Besonders pikant: Laut We Report habe man beim Besuch verschiedener Ikea-Filialen in Deutschland und Frankreich Möbel entdeckt, die aus Belarus stammen und die möglicherweise mit der Zwangsarbeit belarussischer Gefangener in Verbindung gebracht werden können.

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