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„Schämt euch“: Ritter Sport liefert weiter nach Russland - Fans rufen zu Boykott auf

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Von: Sina Alonso Garcia

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Ritter Sport Schokolade
Ritter Sport ist derzeit nicht bereit, die Lieferungen an seinen zweitwichtigsten Absatzmarkt Russland einzustellen. © IMAGO / CHROMORANGE

Der Schokoladenhersteller Ritter Sport will sein Geschäft in Russland nicht einstellen. Kunden unterstellen dem Unternehmen, rein aus Profitgier zu handeln.

Waldenbuch - Bunte, quadratische Täfelchen in zahlreichen Geschmacksrichtungen und Größen: Ritter Sport steht für Angebotsvielfalt und sichert sich immer wieder Top-Werte bei Umfragen zu den beliebtesten Schokoladenmarken in Deutschland. Auch mit kuriosen Geschmacksideen wartet die Firma aus Waldenbuch auf, wie etwa mit der Idee für eine „Pizza Hawaii“-Schokolade (BW24* berichtete). Statt gewohnt positiver Rezensionen hagelte es für das Unternehmen aus Baden-Württemberg* in den vergangenen Tagen jedoch geballte Kritik im Netz. Der Grund: Ritter Sport will trotz des Ukraine-Kriegs weiter Schokolade nach Russland liefern.

Auf der Facebook-Seite von Ritter Sport brach zuletzt ein riesiger Shitstorm los. „Ihr seid sowas von erbärmlich“, heißt es dort. „Immer noch in Russland bei den Kriegsverbrechern - das geht gar nicht!“ Fans fordern den Schokoladenhersteller auf, sich aus Russland zurückzuziehen und zu erklären, die quadratischen Tafeln bis dahin zu boykottieren. „Bisher hatte ich den Eindruck, Ritter Sport ist ein nachhaltiges und sozial engagiertes Unternehmen. Ich selbst war bisher zudem eine gute Kundin“, schreibt eine Nutzerin. „Das ändert sich jetzt. Ritter liefert weiter nach Russland und das ist scheinheilig.“

Ritter Sport nimmt Stellung und erklärt, warum das Geschäft in Russland weiterläuft

Was Kritikern besonders bitter aufstößt: Russland ist für Ritter Sport der weltweit zweitwichtigste Absatzmarkt, direkt nach Deutschland. Im Jahr verdient der Schokoladenhersteller aus dem Kreis Böblingen* durch sein Russland-Geschäft 40 bis 50 Millionen Euro. Dennoch betont die Ritter-Sport-Geschäftsführung, dass die Profitabilität nicht der Grund für die Entscheidung sei, den Markt in Russland weiter zu beliefern.

„Wir haben uns entschlossen, der russischen Bevölkerung weiter Schokolade zur Verfügung zu stellen, solange das rechtlich möglich ist“, erklärt Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Ein Stopp des Geschäfts hätte keinen wirklichen Beitrag zur Beendigung der Invasion, aber einen direkten, großen Einfluss auf unsere Mitarbeitenden in Russland und letztendlich auch auf uns als unabhängiges, mittelständisches Familienunternehmen, bis zu den Kakaobauern in der Lieferkette.“ Investitionen wie Werbung vor Ort habe man aber bereits gestoppt.

Wir haben keine politischen Beziehungen. So wichtig ist Schokolade nicht. Wir sind nicht Siemens oder so.

Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken

Wie Ronken betont, sei Schokolade als Nahrungsmittel nicht von aktuellen Sanktionslisten betroffen. „Das Geschäft einzustellen, würde nicht die treffen, die für den Krieg verantwortlich sind, und würde auch nicht zu einer Deeskalation beitragen. Wir haben keine politischen Beziehungen. So wichtig ist Schokolade nicht. Wir sind nicht Siemens oder so.“

Ritter-Sport-Kunden enttäuscht: „Schämt euch, ihr seid nur hinter Geld her“

Erst im vergangenen Jahr hat Ritter Sport bei den Geschäften in Russland mächtig zugelegt. Inzwischen macht der dortige Umsatz zehn Prozent des gesamten Jahresumsatzes aus. Die Vermutung, dass der Profit dann doch eine Rolle bei der Entscheidung gespielt hat, liegt nahe. „Schämt euch, ihr seid nur hinter Geld her“, schreibt ein Facebook-Nutzer auf der Community-Seite von Ritter Sport. „Profit statt Moral“, wettert ein weiterer.

Deutliche Worte fand zudem der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk auf Twitter: „Quadratisch. Praktisch. Blut. Trotz der russischen Aggression gegen die Ukraine bleibt Ritter Sport in Russland. Viel Glück noch“, schreibt er - und teilt den Beitrag eines Satire-Accounts, der in einer makaberen Montage für eine fiktive „Kriegsedition“ der Schokolade wirbt. Andere schließen sich den Vorwürfen an und posten mit Photoshop bearbeitete Packungen mit „Geschmacksrichtungen“ wie „Panzerkekse“, wie HEIDELBERG24* berichtet.

Auch in der heute-show kam Ritter Sport mit seinem Vorgehen nicht ungeschoren davon. In der Sendung im ZDF vom Freitag, 25. März, widmete sich die Satire-Show dem schwäbischen Unternehmen in einem Beitrag. „Ich fürchte, keiner hat mehr für die deutsch-russische Freundschaft getan, als die dunkle Vollnuss aus Baden-Württemberg“, sagt Schauspielerin Valerie Niehaus in einer inszenierten „Friedensgala deutscher Firmen, die den Geschäftsfaden nicht abreißen lassen“.

Ritter-Sport: Auch die „heute-show“ nimmt schwäbisches Unternehmen auf die Schippe

Während die heute-show über den Umgang Ritter Sports mit Russland witzelt, schlägt Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken gegenüber der FAZ nachdenkliche Töne an. „Der schreckliche Krieg in der Ukraine ist für uns alle ein Schock. Wir unterstützen viele humanitäre Organisationen.“ Zudem warnt er vor einem Preisanstieg, der bald auch die Schokolade treffen könnte. „Aktuell gehen Milchpreise und Energiepreise durch die Decke“, sagt er. „Die Verpackungspreise steigen dramatisch. 5 Prozent wären kein Problem, aber 50, 60, 80 Prozent sind nicht business as usual.“

Laut Ronken erhöht Ritter Sport die unverbindliche Preisempfehlung für seine Quadrat-Schokolade* in diesem Jahr um zehn Cent. Neben den steigenden Rohstoffpreisen seien dafür auch Nachhaltigkeitsinvestitionen verantwortlich.

Russland-Geschäfte in der Kritik: Auch Metro, Henkel und Bayer stellen Beziehungen nicht ein

Nicht nur Ritter Sport erntet aktuell Kritik für seine Russland-Geschäfte. Auch andere Handelsriesen wie Metro, Henkel oder Bayer halten an ihren Geschäftsbeziehungen zu Russland fest.* Die Unternehmen geraten nun zunehmend unter Druck und Rechtfertigungszwang. *BW24 und HEIDELBERG24 sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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