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WHO ermittelt weltweit fast 15 Millionen Corona-Tote – Indien wollte Bericht verhindern

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Von: Tanja Banner

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Die WHO ermittelt die Zahl der weltweiten Corona-Todesfälle und kommt auf einen deutlich höheren Wert als bislang bekannt – Indien gefällt der Bericht gar nicht.

Update vom Freitag, 06. Mai 2022, 12:00 Uhr: Etwa drei Wochen nach dem Bericht der New York Times (NYT) über die neue WHO-Schätzung der tatsächlichen Corona-Todesfälle ist der WHO-Bericht nun veröffentlicht worden. Die Weltgesundheitsorganisation geht darin davon aus, dass die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 weltweit etwa 14,9 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Dazu zählen auch Menschen, die vermutlich infiziert waren, aber nicht getestet wurden sowie Menschen, die wegen der Überlastung der Gesundheitssysteme durch Corona nicht rechtzeitig wegen anderen Krankheiten oder Verletzungen behandelt wurden. Die WHO-Mitgliedsländer hatten bis Ende 2021 5,4 Millionen Corona-Todesfälle gemeldet, mittlerweile liegt die Zahl der registrierten Todesfälle bei 6,2 Millionen Menschen.

Der WHO-Bericht sieht die größte Übersterblichkeit in Südostasien, Europa und Nord- und Südamerika – zusammengenommen sind es 84 Prozent der Fälle. Indien hatte den WHO-Bericht schon vor dessen Erscheinung kritisiert und nach NYT-Informationen (s. Erstmeldung) versucht, ihn zu verhindern. Die Kritik der Regierung in Neu-Delhi: Die angewandte Methodologie funktioniere bei einem Land wie Indien mit 1,3 Milliarden Einwohnern nicht. Einen Tag vor der WHO-Veröffentlichung nannte Indien die Zahl von 475.000 zusätzlichen Todesfällen im Jahr 2020, die WHO-Schätzung liegt fast doppelt so hoch.

WHO ermittelt 15 Millionen Corona-Tote weltweit – Indien will Bericht verhindern

Erstmeldung vom Samstag, 16. April 2022: Genf – Seit Beginn der Corona-Pandemie* sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 6,19 Millionen bestätigte Todesfälle weltweit gemeldet worden. Dass es eine hohe Dunkelziffer an Fällen gibt, die fälschlicherweise nicht der Corona-Pandemie zugeschrieben wurden, wird schon lange vermutet. Bei der WHO läuft derzeit ein ambitionierter Versuch, die tatsächliche globale Corona-Todeszahl zu ermitteln, berichtet die New York Times (NYT).

Die WHO geht davon aus, dass 2020 und 2021 knapp 15 Millionen Menschen an oder wegen Corona gestorben sind. (Archivbild)
Die WHO geht davon aus, dass 2020 und 2021 knapp 15 Millionen Menschen an oder wegen Corona gestorben sind. (Archivbild) © Manish Rajput/dpa

Ein Team aus Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten – von Demografie über das Gesundheitswesen bis hin zu Statistik und Datenwissenschaften – arbeitet demnach über mehrere Länder hinweg daran, möglichst vollständige Daten zu den Toten der Corona-Pandemie zusammenzutragen. Diese Technical Advisory Group der WHO hat laut Bericht der New York Times eine Zahl ermittelt, die deutlich größer ist als die bisher bekannte Zahl der Corona-Todesfälle.

Corona-Pandemie: WHO-Fachleute ermitteln Zahl der Corona-Todesfälle

Während die bisherige WHO-Zahl der bestätigten Corona-Toten Mitte April bei 6,19 Millionen Menschen liegt, kommt die Gruppe aus Fachleuten nach mehr als einem Jahr der Recherche und Analyse auf eine deutlich höhere Zahl, berichtet die NYT: Bis Ende 2021 sollen es weltweit etwa 15 Millionen Corona-Tote gewesen sein – mehr als das Doppelte der bisher bekannten Zahl. Veröffentlicht wurde die Zahl von der WHO jedoch bisher noch nicht – weil Indien sich offenbar dagegen sträubt, wie die New Yorker Zeitung in Gesprächen mit Menschen herausgefunden haben will, die mit der Angelegenheit vertraut sind.

Laut indischer Regierung gib es in dem Land etwa 520.000 Corona-Todesfälle. Doch die noch unveröffentlichten WHO-Zahlen zeichnen offenbar ein anderes Bild. Demnach gab es in Indien mindestens vier Millionen Todesfälle, haben Personen, die nicht dazu befugt sind, die Zahlen zu veröffentlichen, der New York Times verraten. Damit hätte Indien die weltweit höchste Zahl an Corona-Todesfällen. Die Zahlen anderer Nationen aus dem Bericht sind bisher nicht bekannt.

Corona: Indien versucht, Veröffentlichung des WHO-Berichts mit Todesfall-Zahlen zu verhindern

Indien widerspreche der Kalkulation und habe versucht, die Veröffentlichung der Zahlen zu verhindern, heißt es in dem Zeitungsbericht. Die WHO-Fachleute haben für ihre Berechnung die national gemeldeten Todeszahlen mit neuen Informationen und Haushaltsumfragen kombiniert, außerdem seien statistische Modelle zum Einsatz gekommen, um auch die Todesfälle einzubeziehen, die übersehen wurden. Die meisten der neu hinzugekommenen Fälle seien Todesfälle, die bisher nicht gezählt wurden, berichtet die NYT. Ein Großteil davon seien direkte Corona-Todesfälle, es befänden sich jedoch auch indirekte Todesfälle darunter, beispielsweise von Menschen, die wegen der Pandemie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten.

Särge mit der Aufschrift „Sars-CoV-2 positiv - Corona“ stehen in einem Krematorium. Die Zahl der Corona-Todesfälle soll weltweit mehr als doppelt so hoch sein wie bisher erwartet, zeigt ein noch unveröffentlichter WHO-Bericht. (Archivbild)
Särge mit der Aufschrift „Sars-CoV-2 positiv - Corona“ stehen in einem Krematorium. Die Zahl der Corona-Todesfälle soll weltweit mehr als doppelt so hoch sein wie bisher erwartet, zeigt ein noch unveröffentlichter WHO-Bericht. (Archivbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Indien hat der WHO in den vergangenen beiden Jahren zwar keine Daten über die Gesamtsterblichkeit im Land vorgelegt, die Forschenden, die für die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der weltweiten Corona-Todesfälle ermitteln sollen, nutzten jedoch für ihre Berechnungen Zahlen aus mindestens zwölf indischen Bundesstaaten, die nach Ansicht von Fachleuten mindestens vier- bis fünfmal mehr Todesfälle infolge von Corona zeigen.

WHO-Bericht zu Corona-Todesfällen: „Ganz praktisch von Bedeutung“

Der Bericht sei „nicht nur wichtig für die globale Buchführung und die moralische Verpflichtung gegenüber den Verstorbenen, sondern auch ganz praktisch von Bedeutung“, erklärt der Epidemiologe Prabhat Jha, Mitglied der WHO-Expertenarbeitsgruppe, gegenüber der New York Times. „Wenn es Folgewellen gibt, dann ist das Verständnis der Gesamtzahl der Todesfälle der Schlüssel, um zu wissen, ob die Impfkampagnen funktionieren.“

Ursprünglich sollten die neuen Daten zur Corona-Pandemie von der WHO im Januar veröffentlicht werden, doch das Veröffentlichungsdatum wurde immer weiter nach hinten geschoben. Zuletzt haben nach NYT-Informationen Mitglieder der Fachgruppe damit gedroht, die Daten selbst zu veröffentlichen. Eine WHO-Sprecherin gab gegenüber der Zeitung an, dass eine Veröffentlichung im April angestrebt werde.

Corona-Todesfälle in Deutschland:132.929
Corona-Infektionen in Deutschland:23.376.879
Quelle: RKI, Stand: 16.04.2022

Im Dezember sei die erste Präsentation der globalen Daten fertig gewesen, erklärte der Statistiker Jon Wakefield gegenüber der New York Times. „Aber dann war Indien mit den Schätzungen unzufrieden.“ Daraufhin habe man „alle möglichen Sensitivitätsanalysen“ durchgeführt. „Das Papier ist dadurch viel besser geworden“, betont Wakefield und fährt fort: „Wir sind bereit, loszulegen.“

Corona-Todesfälle: Unklare Lage auch in Russland und China

Neben Indien gibt es noch andere große Länder, in denen die Corona-Datenlage unklar ist. Beispielsweise Russland*: Das russische Gesundheitsministerium hat Ende 2021 300.000 Corona-Todesfälle an die WHO gemeldet, doch die russische Statistikbehörde hat mehr als eine Million zusätzliche Todesfälle in den Daten gefunden – eine Zahl, die nach NYT-Informationen nah an der von den WHO-Fachleuten ermittelten Zahl liegen soll.

Russland habe ebenfalls Einspruch gegen die neue WHO-Zahl der Corona-Todesfälle eingelegt, jedoch nicht versucht, die Veröffentlichung zu verhindern, haben Mitglieder der WHO-Fachgruppe der New York Times berichtet. Auch die Datenlage in China, dem Land, in dem die Corona-Pandemie begann*, ist unklar. Offiziell sind dort weniger als 5000 Menschen an dem Virus gestorben. Welche Zahl die Fachleute für China ermittelt haben, wird der WHO-Bericht zeigen – wenn er denn veröffentlicht wird. (Tanja Banner mit Material von dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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