1. 24hamburg
  2. Welt

Russen auf der Flucht vor Putins Mobilmachung? „Land verlassen“ trendet bei Google, Flüge ausverkauft

Erstellt:

Von: Stephanie Munk

Kommentare

Teilmobilmachung in Russland: Hunderttausende Russen werden von Putin zu den Waffen gerufen, und zwar ab sofort. Ein Google-Trend spiegelt die Verzweiflung.

Moskau - Es ist eine schlechte Nachricht für die ganze Welt, aber eine wahre Hiobsbotschaft für viele Menschen in Russland: Präsident Wladimir Putin hat am Mittwoch, 21. September, die Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte befohlen. Nach russischen Angaben müssen jetzt rund 300.000 Reservisten in den Ukraine-Krieg ziehen, berichtet merkur.de.

Ob sie überleben, ist ungewiss: Nach Schätzungen der CIA sind bereits mindestens 15.000 Russen im Ukraine-Krieg gestorben. Verteidigungsminister Sergej Schoigu sprach am Mittwoch zwar von „nur“ gut 5.000 gefallenen Soldaten - doch würde diese Zahl stimmen, wäre der Kreml jetzt vermutlich kaum auf die drastische Maßnahme der Teilmobilisierung angewiesen.

Teilmobilmachung in Russland: Google-Trend lässt erahnen, was viele Russen jetzt bewegt

Kritik am Kreml zu äußern, ist in Russland gefährlich - schon allein, den Ukraine-Krieg einen Krieg zu nennen, kann mit 15 Jahren Haft enden. Große, öffentliche Proteste in Russland gegen die Teilmobilmachung sind daher kaum zu erwarten.

Aber das Google-Tool „Trends“ könnte einen Einblick darüber geben, was jetzt viele Russen bewegt: In den liberaler gesinnten russischen Großstädten Moskau und St. Petersburg trendete in der Google-Suche am Tag von Putins Anordnung die Suchphrase „wie man das Land verlässt“. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters waren am selben Tag One-Way-Flüge aus Russland schnell „ausverkauft“. So seien etwa Tickets in die visafrei erreichbaren Ziele Istanbul und Jerewan nicht mehr verfügbar gewesen.

Korrespondenten deutscher Fernseh- und Radiosendern berichten außerdem über junge Männer, die um Hilfe beim schnellen Verlassen Russlands bitten. Offiziell ist das mit Putins Anordnung wohl nun nicht mehr möglich: Betroffene Reservisten sind jetzt verpflichtet, sich zum militärischen Dienst melden. Erste Einberufungsbescheide sollen schon am Mittwoch (21. September) verschickt worden sein.

Putin befiehlt Teilmobilmachung: An russischen Küchentischen nimmt der Ukraine-Krieg Platz

An russischen Küchentischen nimmt nun der Krieg Platz: Was der Kreml beschönigend als „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine bezeichnet, lässt sich von der russischen Bevölkerung nicht mehr so einfach verdrängen. Vor allem bei ohnehin schon Kriegs-kritischen Russen wird die Verzweiflung groß sein: Für Putins international geächtete Großmacht-Fantasien sollen sie ihre Heimat und Familien verlassen und ihr Leben riskieren.

Ein Plakat macht in St. Petersburg Werbung für den Dienst in der Armee mit den Worten: „Russland zu dienen ist ein echter Job“.
Ein Plakat macht in St. Petersburg Werbung für den Dienst in der Armee mit den Worten: „Russland zu dienen ist ein echter Job“. Viele Russen haben nach Putins Teilmobilmachung keine Wahl mehr. © Olga Maltseva/AFP

Kommentare aus russischen Internetforen, die der Osteuropaexperte Sergej Sumlenny von der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew entdeckte und auf Twitter übersetzte, spiegeln das wider: „Mein Sohn wurde gerade aus dem militärischen Dienst entlassen. Was passiert jetzt mit ihm? Er ist, alles, was ich habe“ schreibt da ein Elternteil. Eine Frau klagt: „Ich heule. Wir hätten Russland Anfang des Jahres verlassen können, aber ich habe abgelehnt. Mein Ehemann kann jetzt eingezogen werden. Warum?!“

Putins Teilmobilmachung: Ansturm auf One-Way-Flügen aus Russland

Viele denken jetzt offenbar an Flucht in letzter Minute, um der Front zu entgehen. Osteuropa-Experte Sumlenny schreibt auf Twitter, dass er ein Flugticket von Moskau nach Dubai am Mittwoch, 21. September, für über eine Million Rubel gefunden habe, also knapp 18.000 Euro.

Die günstigsten Flüge von der Moskau nach Dubai kosteten auf der russischen Flugbuchungs-Plattform Aviasales laut tagesschau.de 300.000 Rubel (knapp 5000 Euro). Die Nachfrage nach One-Way-Flügen steige rasant: Auch Statistiken von Google Trends zeigten eine Explosion der Suchanfragen.

Doch ob eine Ausreise für Betroffene jetzt überhaupt noch möglich ist, ist fraglich. Laut dem Experten Sumlenny hat die russische Fluggesellschaft Aeroflot sogar schon für innerrussische Flüge Einschränkungen erlassen.

Putin macht mobil: Schon vor der Kreml-Entscheidung wollten viele Russen einfach nur weg

Einfach nur weg aus Russland wollten viele Menschen schon vor der Teilmobilmachung. Hunderttausende packten im ersten Halbjahr 2022 ihre Koffer - laut russischer Statistikbehörde haben 419.000 Menschen Russland verlassen, doppelt so viele wie im Jahr davor.

Bereits Anfang März, also wenige Wochen nach Start des Kriegs, gaben 43 Prozent der 18- bis 24-jährigen Russen an, ihr Heimatland für immer verlassen zu wollen. Diese Zahl gab das Meinungsforschungsinstitut „Levada Center“ in Moskau laut einem Bericht des Focus bekannt. Vor allem hochqualifizierte Fachkräfte haben diesen Plan angeblich in die Tat umgesetzt, weshalb bereits von einem „Brain Drain“ die Rede ist.

Teilmobilmachung: Putin riskiert wachsende Unzufriedenheit

Für Putin ist die Teilmobilmachung eine riskante innenpolitische Entscheidung: Seine Legende, der Ukraine-Krieg laufe nach Plan und Russland sei stark und überlegen, bricht in sich zusammen. Schon zuletzt wurde die Kritik am Ukraine-Krieg lauter, sogar Russlands bekanntester Popstar Alla Pugatschowa - eine Art Madonna der Ex-Sowjetunion - kritisierte den militärischen Einsatz öffentlich. (smu)

Auch interessant

Kommentare