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Privatbesuch von SS-Größen, Flucht im Taxi – so tickt die Angeklagte Irmgard F.

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Von: Kevin Goonewardena

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Wegen Erkrankung muss der Stutthof-Prozess gegen KZ-Sekretärin Irmgard F. erneut unterbrochen werden. Die 96-Jährige machte im Herbst durch ihre spektakuläre Flucht bundesweit Schlagzeilen.

Quickborn/Itzehoe – Die spektakuläre Aktion, mit der sich die 96-jährige Irmgard F. Ende September 2021 ihrem Prozess entzog, sorgte bundesweit für Aufsehen, Erstaunen, wahrscheinlich sogar den ein oder anderen Schmunzler. Denn die betagte Seniorin hatte sich am Abend vor dem Beginn des Prozesses am Landgericht Itzehoe (Schleswig-Holstein), der gegen sie eröffnet werden sollte, aus dem Pflegeheim abgesetzt, in dem sie seit einigen Jahren lebt. Nach ihrer Flucht mit dem Taxi wurde F. in Hamburg aufgegriffen und kam in U-Haft*, der Prozess jedoch musste vertagt werden.

Name des Konzentrationslagers:Stutthof
Ort:Stutthof bei Danzig, Polen
In Betrieb:2. September 1939 bis zum 9. Mai 1945
Inhaftierte und Tote:110.000 / 65.000

Irmgard F: KZ-Sekretärin und Mitglied der Waffen-SS

Irmgard F. taugt nicht als die schlagfertige, rüstige Oma, die dem Staat ein Schnippchen schlägt, der die arme, hochbetagte Frau wegen einer Lappalie vor Gericht zerrt und doch bitte, schuldig oder nicht, mal lieber fünfe Grade lassen walten und sich stattdessen um wichtigere Dinge kümmern sollte. Dass sie von Neonazis als „Rebellin von Itzehoe“ gefeiert wurde* lässt erahnen, welchen Hintergrund der Prozess gegen Irmgard F. hat.

Irmgard F., ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und Sekretärin im KZ Stutthof, wird Beihilfe zum Mord an mehr als 11.000 Menschen vorgeworfen. Das Verfahren ist eines der letzten gegen NS-Kriegsverbrechen, die Deutschland erleben wird. Das Landgericht steht auch deswegen vor einer großen Aufgabe. Und diese Aufgabe wird das Gericht noch länger beschäftigen.

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KZ-Prozess Stutthof: Prozess unterbrochen – NS-Sekretärin Irmgard F. weiterhin krank

Denn die Angeklagte F., wie sie nach der Heirat mit SS-Oberscharführer Heinz F. hieß, ist weiterhin krank und nicht transportfähig, deswegen musste bereits der sechste Prozesstag in Folge abgesagt werden. Das berichtet das Hamburger Abendblatt. Damit muss auch die eigentlich angesetzte Befragung einer Stutthof-Überlebenden, die heute in Australien lebt, vertagt werden. Nach Zeitungsberichten soll es Irmgard F. inzwischen allerdings wieder besser gehen, sodass mit einer Fortsetzung des Prozesses am 19. April gerechnet wird.

KZ-Prozess Stutthoff: Verurteilter SS-Mann in Zeugenstand geladen

Für den 19. April 2022 ist die Befragung des rechtskräftig verurteilten NS-Täters Bruno Dey geplant. Dey, ehemaliger KZ-Wachmann in Stutthof, war im Jahr 2020 in Hamburg* wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Dey war zum Zeitpunkt der Taten, für die er verurteilt wurde, noch minderjährig. Da das Urteil rechtskräftig ist, kann der ehemalige Stutthof-Wachmann Dey nicht von seinem Aussageverweigerungsrecht als Zeuge Gebrauch machen.

Den Überlebenden ist natürlich wichtig, dass diese Leute nicht einfach so davonkommen, sondern dass es zu einer juristischen Schuldfeststellung kommt.

Onur Özata, Anwalt der Nebenkläger gegenüber der Jüdischen Allgemeinen

Irmgard F: Privatbesuch von ehemaligen SS-Größen nach Kriegsende

Welche Aufgaben die Irmgard F., die bis zum Umzug in ein Seniorenheim 2014 in Schleswig lebte, als Sekretärin im KZ Stutthof nun genau gehabt hat, das soll auch mithilfe des Historikers Stefan Hördler geklärt werden. Ein von ihm angefertigtes vorläufiges Gutachten ist Bestandteil der Anklage, schreibt das Abendblatt in einer früheren Ausgabe zum Stutthof-Prozess. Für Hördler sei klar, dass Irmgard F. aus freien Stücken ihre Stellung im KZ Stutthof angenommen und dem Kommandanten Paul Werner Hoppe direkt zugearbeitet habe. Der damals untergetauchte Hoppe, hat, wie Hördler herausgefunden hat, Irmgard F. und ihren Mann nach dem Krieg in Schleswig privat besucht.

Prozess gegen frühere Sekretärin im KZ Stutthof
Die Angeklagte Irmgard F. (2.v.r) wird zu Beginn des Prozesstages von einer Mitarbeiterin des Gerichtsmedizinischen Dienstes in den Gerichtssaal begleitet. © Christian Charisius/dpa/Pool/dpa

Auch von Besuchen anderer SS-Größen aus dem KZ Stutthof wird berichtet. Dazu soll unter anderem Arno Chemnitz gezählt haben, der Genickschussanlagen in Buchenwald und Stutthof installiert und betrieben haben soll. Das berichten unter anderem der Norddeutsche Rundfunk* und die Bild-Zeitung zum Auftakt des Prozesses. Chemnitz tauchte wie Hoppe nach Kriegsende unter, wurde aber anders als der ehemalige Lagerkommandant nie gefunden.

Irmgard F: Frühere Aussagen dürfen nicht verwendet werden

Wie die Jüdische Allgemeine Zeitung berichtete, soll F. „bewusst den Job der Stenotypistin und Sekretärin im KZ Stutthof bei Danzig angenommen haben.“ Einmal, so schreibt die Zeitung, soll sie gesagt haben, dass sie von den Tötungen in Stutthof gewusst habe. Irmgard F. hatte bereits 1954 als Zeugin im Verfahren gegen KZ-Kommandant Paul Werner Hoppe, ihren Vorgesetzten, ausgesagt. Weitere Angaben hatte die Nazi-Sekretärin in den Jahren 1964, 1966 und 1982 gemacht, doch die Verteidigung im aktuellen Stutthof-Prozess erreichte, dass die früheren Aussagen F.s nicht im Prozess Verwendung finden dürfen.

KZ Stutthof: Vergangene Prozesse und Urteile

Der Prozess gegen KZ-Sekretärin Irmgard F. wird vermutlich der letzte einer ganzen Reihe von Prozessen sein, in denen in den vergangenen Jahrzehnten die Gräueltaten der Nazis in dem Konzentrationslager auf polnischem Boden versucht wurde aufzuarbeiten. Alleine vier größere Gerichtsprozesse wurden in Polen und in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs geführt. In der Folge kam es zu vollstreckten Todesstrafen in Polen und in Deutschland, zu Haftstrafen – aber auch zu Freisprüchen in beiden Ländern.

In den Stutthof-Prozessen zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet wurden in Polen unter anderem die NS-Täter SS-Oberscharführer John Pauls, Oberaufseherin Gerda Steinhoff, Aufseherin Ewa Paradies, Aufseherin Wanda Klaff, Aufseherin Elisabeth Becker, Aufseherin Jenny Wanda Barkmann, SS-Hauptsturmführer Theodor Traugott Meyer, SS-Oberscharführer Ewald Foth, SS-Oberscharführer Albert Paulitz, SS-Unterscharführer Fritz Peters, SS-Oberscharführer Hans Rach, SS-Rottenführer Karl Zurell, SS-Unterscharführer Kurt Dietrich, SS-Rottenführer Karl Eggert, SS-Rottenführer Paul Wellnitz und Kapo Alfred Nickolaysen, sowie die polnischen Kapos Jan Breit, Tadeusz Kopczyński, Józef Reiter, Wacław Kozłowski und Franciszek Szopiński.

KZ Stutthof: Das droht Irmgard F bei Verurteilung

Wie NS-Täter Bruno Dey, droht auch KZ-Sekretärin Irmgard F. bei Verurteilung eine Jugendstrafe, da sie zum Zeitpunkt der ihr zur Last gelegten Taten noch als Heranwachsende galt. Wann das Urteil gefällt wird, ist unklar. Der ursprünglich anvisierte Termin im Juni kann aufgrund Prozessunterbrechung nun nicht mehr gehalten werden. *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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