Jendrik im Interview

Jendrik Sigwart nach ESC 2021: Erst „scheiß“ Quarantäne, dann neue Frisur

  • Thanh Nguyen
    VonThanh Nguyen
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Erst vorletzter Platz beim ESC, dann 14 Tage Quarantäne: Deutschlands Teilnehmer Jendrik Sigwart hat turbulente Wochen hinter sich. 24hamburg.de sprach mit ihm.

Hamburg - Eurovision Song Contest, Corona-Quarantäne, Freiheit! Der Hamburger Jendrik Sigwart hat viel erlebt in den letzten vier Wochen. Nachdem er am 22. Mai mit seinem Song „I Dont’ Feel Hate” den vorletzten Platz* beim ESC belegt hatte, musste er direkte nach seiner Rückkehr in eine zweiwöchige häusliche Quarantäne.

Dazu musste er harsche Kritik, unter anderem von Nino de Angelo und Dieter Bohlen* einstecken. Immerhin: Der 26-Jährige nutzte die Eingeschränktheit auf seine Weise und verpasste sich einen neuen Look in Form von pinken Haaren! 24hamburg.de traf ihn zum Interview.

Musikwettbewerb:Eurovision Song Contest (ESC)
Erstausstrahlung:24. Mai 1956
Idee: Marcel Bezençon (Schweizer)
Die meisten ersten Plätze: Irland (7), Schweden (6), Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Niederlande (jeweils 5 Mal)

Eurovision Song Contest: Deutschlands Teilnehmer Jendrik ist wieder in Freiheit

Jendrik, konntest Du Dich vom dem ESC-Stress etwas erholen?
(lacht) Vielen Dank! Ja, ich bin wieder gut erholt.
Was hast Du in der Corona-Quarantäne gemacht? Du hast Deine Instagram-Fans ja ein wenig teilhaben und Dich immer wieder gelangweilt zu Wort gemeldet.
Seit Montag bin ich wieder in Freiheit. Ums deutlich zu sagen: Scheiße war die Quarantäne! Ich bin jemand, der, wenn er drin sein muss, dann auch nichts macht.
Jendrik aus Deutschland (l) singt „I Don't Feel Hate“ beim großen Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Rotterdams Ahoy-Arena.

Eurovision Song Contest: Für Jendrik ging ein Kindsheitstraum in Erfüllung

Was war das Erste, was Du gemacht hast, als Du wieder rauskonntest? Deine Haare, auf die sich gerade Medien und Fans stürzen*, dass Du gar nicht wiederzuerkennen bist, hast Du ja schon während der Quaratäne gefärbt...
Das war super langweilig. Ich saß drin und habe Songs aufgenommen. Was für eine Ironie. Das war schon krass absurd, denn ich hätte ja raus gekonnt. Aber allein das Gefühl wiederzuhaben, rausgehen zu dürfen, war schön. Ich hatte wieder Energie für andere Dinge.
Der ESC ist ein Kindheitstraum von Dir. Was ist so besonders am ESC bzw. konnte der ESC Deine Erwartungen erfüllen?
Das ESC an sich hat meine Erwartungen zu 100 Prozent erfüllt, die zehn Tage davor in Rotterdam eher nicht. Wegen Corona ist ein Kennenlernen von anderen Künstlern aus anderen Ländern ja weitgehend weggefallen. Ich wäre schon gerne in die Clubs gegangen, um mit den anderen Sängern zusammen zu sein.
Das war sehr schade. Es ist vielleicht vergleichbar, wie im Olympischen Dorf, wo es nicht nur um den Wettkampf geht, sondern auch um das Miteinander.

Eurovision Song Contest: Italienischer Koks-Skandal überschattet den ESC

Unter anderem Ricky Gervais und Nino de Angelo haben Dich nach dem ESC-Auftritt kritisiert? Letzterer meinte, er hätte es besser gemacht. Ärgert Dich das?
Überhaupt nicht. Vielleicht hätten sie es ja besser gemacht. Jeder kann seine Meinung sagen und kann es versuchen, ob er es besser macht. Ich habe es ja auch versucht und würde es wieder tun. Wenn andere sagen, dass ich richtig schlecht war, dann akzeptiere ich das.
Der vermeintliche Koks-Skandal hat in den Medien ein wenig den Sieg Italiens überschattet. Hast Du das auch so gesehen?
Zum Glück konnte er alles aufklären. Aber ich glaube, es war eher eine Reaktion von Leuten, die nicht happy mit dem Sieger waren. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Hasser immer lauter sind als die Fans.
Diese Szene sorgt für Wirbel: Zieht hier der Italo-Sänger Kokain?

Deutschlands ESC-Teilnehmer Jendrik würde wieder teilnehmen

Würdest du wieder zum ESC gehen?
Zu 100 Prozent! Ich glaube zwar nicht, dass mich jemand nochmal hinschicken würde, weil ich nur drei Punkte geholt habe. Ich bereue es aber null, dass ich es gemacht habe und wenn ich irgendwann die Chance nochmal hätte, würde ich es wieder machen.
Was nimmst du mit?
Viele Erfahrungen und unzählige Eindrücke. Der ESC ist so geil, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich möchte schon gerne nochmal hin – gerne auch als stilles Mäuschen, um einfach nur die Atmosphäre genießen. Das Event ohne Corona erleben. Ich habe viel gelernt über Songwriting, über Musik und viel über den Prozess hinter den Bühnen. Ich spüre große Dankbarkeit. Es war mein Traum, dort hinzugehen und ich bin stolz, dass es geklappt hat.

Jendrik Sigwart: Geflüchtete liegen ihm am Herzen

Wie geht es jetzt weiter? Konzerte oder Musicals?
Ich bin eher einer, der keinen Plan hat und ich lasse mich treiben wie ein Boot auf dem Ozean.
Ich habe mir aber drei neue Ziele gesetzt: Ich möchte die Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, in Songs umsetzen und aufnehmen. Außerdem möchte ich gerne in einem Film oder Serie mitspielen. Ich hätte Lust, einen Psychopathen oder das A...-loch zu spielen. Das könnte ich bestimmt ganz gut. (lacht)
Und das Dritte ist, ein Sixpack zu bekommen. Und wenn ich am Ende bei McDonalds an der Kasse stehe, um meine Träume zu erfüllen, dann ist es halt so.
Im Dezember 2020 hast Du drei Deiner Lieder bei einem Livestream-Benefizkonzert für die Geflüchtete im Lager Moria* präsentiert. Liegt Dir das Thema am Herzen?
Ja, absolut. Das Flüchtlingsthema finde ich enorm wichtig. Ich finde es krass, dass es so wenig Aufmerksamkeit bekommt, obwohl seit Jahren viele Menschen ertrinken. Am Anfang haben sich alle aufgeregt, aber inzwischen ist das alles vergessen.
Beim ESC 2021 in Rotterdam landete der Hamburger Musiker Jendrik Sigwart nur auf dem vorletzten Rang. Für ihn ging dennoch ein Kindsheitstraum in Erfüllung. (24hamburg.de-Montage)

European Song Contest: War der Song von Deutschlands ESC-Teilnehmer Jendrik Sigwart nicht gut genug?

Was willst du mit deinen Songs erreichen?
Wenn ich Songs schreibe, dann will ich eine Emotion rüberbringen. Bei „I don’t feel hate“ war es so, dass ich gute Laune ausstrahlen wollte.
Jetzt möchte ich Songs schreiben, die über mich etwas aussagen. Ein Song beispielsweise hatte ich geschrieben, als ich Zukunftsängste hatte. Das versuche ich dann zu vermitteln.
Es gibt Stimmen, dass Deine Message beim ESC nicht so rübergebracht wurde. Stimmst Du dem zu?
Man hätte vielleicht die Performance anders machen sollen. Im Musikvideo stand die Message im Vordergrund, beim ESC hätte ich gerne etwas mit Steppen und Bläsern gemacht. Aber die Leute sehen halt die Songs beim ESC zum ersten Mal. Nachher ist man immer schlauer, aber man weiß nicht, ob es dann auch wirklich besser geworden ist. Vielleicht war auch einfach nur der Song nicht gut genug. Zu schnell, viel zu viel drin. Ein weißer Junge in Kindergartenfarben, der singt „Kein Hass, kein Hass“, will auf der Bühne niemand sehen.

European Song Contest 2021: Das ist Jendrik Sigwart

26 Jahre jung, geboren in Hamburg, Energiebündel und Strahlemann in einer Person für den ESC 2021 – das ist Jendrik Sigwart. Seine musikalische Karriere sollte sich schon in der Pubertät andeuten. Sigwart spielt Geige und Klavier und hat ein Musical-Studium am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück absolviert.

In Musicals wie „My Fair Lady“, „Hairspray“ oder „Peter Pan“ durfte Jendrik Sigwart im Rahmen seines Studiums bereits die Hauptrolle spielen.

Nachdem der Eurovision Song Contest 2020 aufgrund von Corona ausgefallen war, wurde er 2021 in Rotterdam nachgeholt. Jendrik Sigwart ging für Deutschland mit seinem selbstgeschriebenen Anti-Hass-Song „I Don’t Feel Hate” ins Rennen und belegte dabei den vorletzten Platz. Weniger Punkte als Deutschland bekamen nur die Briten. Auf dem ersten Platz landete Italien. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Philipp Reiss/imago images & Sören Stache/dpa

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