1. 24hamburg
  2. Verbraucher

Studie zu Antidepressiva: Hilft das Mittel gar nicht gegen Depressionen?

Erstellt:

Von: Jan Knötzsch

Kommentare

Depressionen sind eine Volkskrankheit. Sie können jeden treffen. Was dann helfen soll, sind Antidepressiva. An deren Wirkung gibt jedoch es Zweifel.

Hamburg/Riad – Draußen wird alles endlich wieder schön. Schöner zumindest als dies in den kalten Wintermonaten der Fall war: Die Sonne zeigt sich endlich wieder am Himmel über der Hansestadt Hamburg – und das auch mal länger als nur ein paar Augenblicke. Die Blumen blühen und es wird wärmer. Kurzum: Besser kann es einem in Hamburg doch gar nicht gehen. Da steigt neben den Temperaturen auch die Stimmung. Doch nicht bei jedem. Bei manchem bleibt es grau, egal wie es draußen aussieht: Jeder fünfte Mensch in Deutschland erkrankt in seinem Leben an einer Depression – besonders bei Frauen ist das Risiko hoch.

Was dann hilft, sind Antidepressiva. Oder besser gesagt: Sie sollen zumindest helfen. Ob sie es auch wirklich tun, steht jetzt infrage: Eine Studie der King Saudi University im saudi-arabischen Riad meldet daran erhebliche Zweifel an. Sie sagt, dass eine Langzeittherapie mit Antidepressiva weder die gesundheitliche Lebensqualität noch das Wohlbefinden derer steigert, die wegen ihrer Depression Antidepressiva bekommen.

Krankheit:Depressionen
Ursachen:Genetische Vorbelastung, Körperliche Erkrankungen, Ungleichgewicht zwischen den Botenstoffen, anhaltende seelische Belastungen, Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit, Lichtmangel
Hauptsymptome:Depressive und gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit, Verminderung des Antriebs mit erhöhter Müdigkeit und Aktivitätseinschränkung
Körperliche Anzeichen:Allgemeine körperliche Abgeschlagenheit, Mattigkeit Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafstörungen) Appetitlosigkeit, Magendruck, Gewichtsverlust, Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Verstopfung Schmerzen, z.B. diffuse Kopf- oder Rückenschmerzen Druckgefühl in Hals und Brust, Beengtheit im Hals (sog. Globusgefühl) Störungen von Herz und Kreislauf, Atemnot Schwindelgefühle, Flimmern vor den Augen, Sehstörungen Muskelverspannungen, diffuse Nervenschmerzen Verlust des sexuellen Interesses, Aussetzung der Monatsblutung, sexuelle Funktionsstörungen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen

Antidepressiva: Studie der King Saudi University stellt deren Wirksamkeit bei Depressionen in Frage

Depressionen sind ein Thema, dass allgegenwärtig ist, Nicht nur aufgrund der großen Zahl derer, die in Deutschland laut Statistik an einer Depression erkranken und dann womöglich Antidepressiva benötigen. Nein, die Zahl macht darüber hinaus auch irgendwie deutlich: Vermutlich jede oder jeder, nicht nur in Hamburg, der Stadt von Michel, Hamburger Hafen und Hamburger SV, wird in seinem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis jemanden kennen, der mit Depressionen und in deren Folge dann auch mit Antidepressiva zu tun hat oder gehabt hat. Nur: Es redet kaum jemand offen darüber. Noch immer werden Depressionen, respektive: Depressive, von der Gesellschaft irgendwie stigmatisiert.

Ein Mann schlägt die Hände vorm Gesicht zusammen. im Hintergrund bunte Antidepressiva-Pillen
Antidepressiva sollen bei Depressionen den Patienten helfen – aber haben sie überhaupt eine Wirkung? © YAY Images/Alexander Limbach/imago

Dabei hat es doch in der nahen und fernen Vergangenheit genügend Beispiele gegeben, die gezeigt haben, dass es zum einen jeden treffen kann und zum anderen auch wichtig ist, darüber zu sprechen. Fälle lassen sich unter anderem im Sport finden, speziell im Fußball: Wem ist nicht noch in Erinnerung, dass sich Fußball-Torwart Robert Enke wegen Depressionen umbrachte. Auch Andreas Biermann, ehemaliger Profi des FC St. Pauli, nahm sich das Leben – wegen Depressionen. Der Krankheit, bei der Antidepressiva meist die letzte große Hoffnung sind. Nicht nur in Hamburg, wo vor allem im Winter das dunkle Wetter für Depressionen sorgt – was kann man dann dagegen tun?

Studie zu Wirksamkeit von Antidepressiva: 57 Prozent der Probanden nehmen keine stärkere Verbesserung ihrer Lebensqualität wahr.

Immerhin: Selbst in einem erfolgreichen TV-Format wie der ARD-Serie „Rote Rosen“ kommt das Thema Depressionen inzwischen auf den Tisch – in den „Rote Rosen“- Folgen 3528 bis 3532, auf die es hier eine Vorschau gibt. Doch zurück zur Studie über die Wirksamkeit von Antidepressiva, die die jüngst King Saudi Universität in Riad durchgeführt hat und die als sogenannte Beobachtungsstudie im Fachmagazin „PLOS One“ veröffentlicht worden ist. Und die besagt folgendes: Nach Auswertung der Gesundheitsdaten von 17 Millionen Patienten in den USA, die an Depressionen leiden, nahmen 57 Prozent der Studienteilnehmer, die ihrerseits Antidepressiva erhielten, keine stärkere Verbesserung ihrer Lebensqualität wahr als die anderen 43 Prozent, die keine Antidepressiva bekamen.

24hamburg.de-Newsletter

Im Newsletter von 24hamburg.de stellt unsere Redaktion Inhalte aus Hamburg, Norddeutschland und über den HSV zusammen. Täglich um 8:30 Uhr landen sechs aktuelle Artikel in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung per Klick am Ende jeder verschickten Newsletter-Ausgabe unkompliziert möglich.

Verfehlen die Antidepressiva also etwa ihre Wirkung als „Stimmungsaufheller“ komplett? In der Forschung wird nicht erst seit der aktuellen Studie darüber diskutiert, ob Antidepressiva überhaupt eine echte Wirksamkeit haben. An der Studie aus Saudi-Arabien wird kritisiert, dass die Schwere der Depressionen bei den Probanden nicht bekannt sei und sie sich daher zwischen den beiden Gruppen unterscheiden könne. Zweiter Kritikpunkt an der saudi-arabischen Antidepressiva-Studie: Die Daten lassen keinen Rückschluss darauf zu, ob die Probanden vorher eine Psychotherapie erhalten haben. Sie ist bei „einfachen“ Fällen meist hilfreich, während Antidepressiva meist bei schwere(re)n Depressionen zum Einsatz kommen.

Antidepressiva-Studie aus Saudi-Arabien: Das kritisieren deutsche Mediziner

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP), Universität Greifswald, konstatiert, Studien würden „deutlich auch auf die Wirksamkeit der Psychotherapie bezogen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität“ hinweisen, „welche mit der von Antidepressiva mindestens vergleichbar ist, wobei die Kombination noch wirksamer zu sein scheint.“ Mit Tom Bschor, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus und der TU Dresden, äußert sich ein weiterer deutscher Medizinier zu der Antidepressiva-Studie.

Er sagt – mit Bezug darauf, dass es in sogenannten randomisierten Antidepressiva-Studien nur in den ersten zwei bis drei Monaten kleine Effekte auf die Lebensqualität von Personen gibt, die Antidepressiva bekommen – dazu: „Auch wenn es kein direktes Ergebnis ihrer Studie ist, weisen die Autoren am Ende ihrer Publikation zurecht darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte eine stärkere Zurückhaltung bei der medikamentösen Behandlung von Depressionen zeigen sollten …“

Auch interessant

Kommentare