Cannabis fördert Psychosen

Schizophrenie und Verbrechen: Lauterbach fordert trotzdem Cannabis-Legalisierung

  • Anika Zuschke
    VonAnika Zuschke
    schließen

Cannabis-Konsum kann zu Psychosen führen. In Hamburg mehren sich blutige Fälle. Gesundheitsexperte Lauterbach spricht sich trotzdem für eine Legalisierung aus.

Hamburg – Die Nutzung des Rauschmittels Cannabis hat in den vergangenen Jahren besonders unter Kindern und Jugendlichen merklich zugenommen*. Während Heranwachsende Alkohol inzwischen seltener konsumieren, gilt Cannabis – auch Gras, Weed oder Marihuana genannt – unter Jugendlichen als harmlose Droge und wird Tabak oder Alkohol immer öfter vorgezogen. Doch insbesondere in jungen Jahren kann der Konsum von Cannabis schwere Schäden im Gehirn anrichten und die Gefahr einer psychischen Krankheit wie Schizophrenie deutlich erhöhen. Gesundheitsexperte Lauterbach hat sich dennoch für eine Legalisierung der Droge ausgesprochen.

Pflanze:Hanf
Wissenschaftlicher Name:Cannabis
Pflanzengattung:Hanfgewächse
Ursprüngliche Verbreitung:Zentralasien

Cannabis ist ein auf der weiblichen Hanfpflanze basierendes Rauschmittel, das auf Konsumenten eine berauschende Wirkung haben kann. Dazu zählt eine Intensivierung des Gefühlslebens, das in der Regel mit einem positiveren Lebensgefühl und dem Gefühl der innigeren Verbundenheit mit vertrauten Personen in Verbindung gebracht wird. Diese Emotionen können gelegentlich aber auch in Angst, Traurigkeit und Misstrauen umschlagen. Die akuten Wirkungen von Cannabis variieren je nach Konsument, Wirkstoffanteil und momentaner körperlicher sowie psychischer Verfassung der Person.

Cannabis Legalisierung in Deutschland: Die meisten Parteien sind dafür

Der Besitz und die Weitergabe von Cannabis ist in den meisten Ländern bisher verboten, so auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Doch das könnte sich in Zukunft ändern: Zur deutschen Bundestagswahl 2021 war das Legalisieren von Cannabis* in irgendeiner Form Teil des Wahlprogramms von jeder Partei – außer der CDU/CSU. Die Union lehnt eine Legalisierung der Droge nach wie vor klipp und klar ab.

Mit gutem Grund? Die Polizeigewerkschaften sprachen gegenüber den Unterhändlern von SPD, Grünen und FDP eine Warnung vor einer Cannabis-Legalisierung aus*, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), äußerte gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ), dass es keinen Sinn mache, neben dem legalen, aber gefährlichen Alkohol die Tür für eine weitere „gefährliche und oft verharmloste“ Droge zu öffnen. „Es muss endlich Schluss damit sein, den Joint schönzureden“, fährt er fort.

Konsum von Cannabis kann zu schweren gesundheitlichen Folgen und sozialen Konflikten führen

Gerade bei Jugendlichen könne der Konsum von Cannabis nach Malchow zu erheblichen Gesundheitsproblemen und sozialen Konflikten führen, berichtet die NOZ. Auch der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, führte gegenüber der Zeitung aus, dass Cannabis nicht nur eine gefährliche Einstiegsdroge sei, sondern wegen der Unkontrollierbarkeit der Zusammensetzung insbesondere für junge Menschen eine Gefahr darstelle.

Jetzt schon komme es aufgrund von Cannabis-Konsum immer wieder zu Unfällen mit unschuldigen Verletzten im Straßenverkehr, die Kontrolle der Polizei sei völlig unzureichend, erläutert Wendt. Diesen Sommer schienen in Hamburg auch Drogen-Taxen anzulaufen – der Zoll konnte einen verdächtigen Smart herausfischen.

Gesundheitsexperte Lauterbach spricht sich für eine Legalisierung von Cannabis aus. (24hamburg.de-Montage)

Lauterbach spricht sich für Legalisierung von Cannabis aus – wegen Mischung von Cannabis mit Heroin

In der Debatte um die Legalisierung von Cannabis hat sich nun auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach positioniert: Im Gegensatz zu den Polizeigewerkschaften hat er sich dafür ausgesprochen, in einem möglichen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP eine Legalisierung von Cannabis festzuschreiben, berichtet dpa.

Sein Argument stellt dabei die kontrollierte Abgabe an Erwachsene dar, um dem Handel von mit Heroin versetztem Cannabis entgegenzuwirken, erklärt er gegenüber der „Rheinischen Post“. „Jahrelang habe ich eine Cannabis-Legalisierung abgelehnt. Mittlerweile komme ich als Arzt aber zu einem anderen Schluss“, äußert der Gesundheitsexperte und fährt in dem Interview fort: „Immer häufiger wird dem illegal verkauften Straßencannabis neuartiges Heroin beigemischt, das sich rauchen lässt. Damit werden Cannabis-Konsumenten schnell in eine Heroin-Abhängigkeit getrieben“. Dieses Phänomen sei neu und würde die Lage verändern.

Im Zuge einer Legalisierung der Droge ließe sich der Handel mit verunreinigtem Haschisch unterbinden, sagt der SPD-Politiker der „Rheinischen Post“. „Ich bin deswegen dafür, dass wir in einem möglichen Koalitionsvertrag mit Grünen und FDP einen Passus zur legalen und kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene formulieren“, schließt Lauterbach.

Cannabis Konsum in Hamburg: Schreckliche Morde im Wahn

In der Hansestadt Hamburg kam es im Laufe des Jahres immer wieder zu blutigen Vorfällen, die sich auf regelmäßigen Cannabis-Konsum zurückführen lassen. Anfang Februar 2021 hat die Polizei in einer Wohnung im Hamburger Stadtteil Bramfeld die Leichen zweier fürchterlich zugerichteter Frauen aufgefunden. Laut dpa hat sich im Prozess vor dem Landgericht herausgestellt, dass ein 29-Jähriger seine Freundin erwürgt, ihre Leiche zerstückelt und anschließend seine Mutter mit 63 Messerstichen getötet hat.

Dem Deutschen wurde Schuldunfähigkeit zugesprochen, da er unter schlimmen Wahnvorstellungen litt und als psychisch krank eingestuft wurde. Ursache seiner paranoiden Schizophrenie ist einem Gutachter zufolge langjähriger Cannabis-Konsum. Das Schwurgericht wies den 29-Jährigen laut dpa im September in die geschlossene Psychiatrie ein.

Hamburg musste bereits vermehrt mit unter Wahnvorstellungen leidenden Tätern umgehen

Das war für die Strafkammer in Hamburg nicht der erste Fall, in dem ein Täter im Wahn zustach, um zu töten: Die Vorsitzende Richterin Jessica Koerner gab an, dass das Gericht im Juni einen anderen jungen Mann in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen hatte, der seine Mutter mit 30 Messerstichen umbrachte.

Ebenfalls im Sommer ordnete die Strafkammer laut dpa die Unterbringung eines Mannes an, der einem anderen Mann ein Messer in den Rücken gestoßen hatte. Das Gericht stellte in dem Fall gefährliche Körperverletzung fest. Der Boss der Hamburger Hip-Hop-Gruppe 187-Straßenbande hatte wegen Cannabis-Besitz auch bereits Ärger mit der Polizei.

24hamburg.de-Newsletter

Im Newsletter von 24hamburg.de stellt unsere Redaktion Inhalte aus Hamburg, Norddeutschland und über den HSV zusammen. Täglich um 8:30 Uhr landen sechs aktuelle Artikel in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung per Klick am Ende jeder verschickten Newsletter-Ausgabe unkompliziert möglich.

Appell an die Öffentlichkeit: Konsum von Cannabis nicht verharmlosen

Richterin Koerner nutzte der dpa zufolge die Urteilsverkündung des Doppelmordes für einen Appell an die Öffentlichkeit: Haschisch und Marihuana seien nicht so harmlos wie oftmals dargestellt. Langjähriger Cannabis-Konsum berge die Gefahr von schwerwiegenden psychischen Erkrankungen, denn genau wie Kokain könne die Droge bei absolut unauffälligen Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition Schizophrenie und Wahnvorstellungen auslösen.

Menschen mit einer Schizophrenie durchleben Phasen akuter Psychosen, in denen sie die Welt häufig ganz anders wahrnehmen als sie es zuvor taten. Sie hören Stimmen, fühlen sich verfolgt oder von anderen Menschen beeinflusst. Auch ihr Verhalten verändert sich dadurch, manche Menschen verlieren fast komplett den Bezug zur Realität. Fälle von paranoider Schizophrenie, in denen Betroffene gewalttätig werden, sind laut Kinder- und Jugendpsychiater Professor Rainer Thomasius jedoch selten.

Rainer Thomasius: Marihuana ist besonders für Kinder und Jugendliche extrem gefährlich

Trotzdem sei regelmäßiger Cannabis-Konsum gerade unter Kindern und Jugendlichen sehr gefährlich, erklärt Thomasius der dpa. Erst eine kürzlich vorgelegte Studie habe mithilfe von bildgebenden Verfahren bei Menschen und Experimenten an Mäusen gezeigt, dass die Entwicklung des Gehirns unter dem Einfluss des Cannabis-Wirkstoffs THC Schaden nehme, so der Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Die Folge daraus sei nicht nur verminderte Intelligenz, Aufmerksamkeit oder Konzentrationsfähigkeit – auch die Gefahr einer Psychose erhöhe sich deutlich: Eine 2019 in der Fachzeitschrift „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie habe gezeigt, dass die Gefahr einer Psychose bei regelmäßigem Cannabis-Konsum um den Faktor 3,2 steigt, bei starkem Konsum von Marihuana mit einem Wirkstoffgehalt von über zehn Prozent sogar um den Faktor 4,8.

Untersuchung in Ulm: Anzahl psychotischer Störungen wegen Cannabis hat sich verachtfacht

Außerdem habe eine Untersuchung aus Ulm laut Thomasius ergeben, dass sich die Anzahl stationärer Behandlungsfälle wegen psychotischer Störungen aufgrund von Cannabis-Konsum in der dortigen psychiatrischen Universitätsklinik zwischen den Jahren 2011 und 2019 verachtfacht habe, berichtet dpa.

Zusätzlich hat auch der THC-Gehalt von Marihuana zugenommen, fanden Forscher des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung am UKE und der Technischen Universität Dresden dpa zufolge heraus. Bei Haschisch habe sich dieser verdreifacht, bei Cannabisblüten fast verdoppelt.

„Möglicherweise ist mit der Zunahme des durchschnittlichen THC-Gehalts auch eine Zunahme der Gesundheitsgefahren für die Konsumierenden verbunden“, äußert Studienleiter Jakob Manthey gegenüber dpa. Das müssten weitere Untersuchungen jedoch noch klären. (Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde am 13. Oktober 2021 um 9:37 Uhr aktualisiert.) * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/Allyse Pulliam/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare