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9-Euro-Ticket Nachfolger: Diese Alternativen werden aktuell diskutiert

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Von: Kevin Goonewardena

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365-Tage-, Länder-Plus-, Klimaticket: Deutschland diskutiert den 9-Euro-Ticket-Nachfolger. Infos, Ideen und Einschätzungen zu den Alternativen.

Hamburg – Die Aufregung um das 9-Euro-Ticker (hier alle Fakten im Überblick) vor dessen Start am 1. Juni 2022 war groß. Nun heißt es für die günstige Monatsfahrkarte bereits „Halbzeit“: Noch bis Ende August 2022 ist das Angebot, mit dem der Staat unter anderem den gestiegenen Spritpreisen entgegenwirken will, nutzbar. Schon jetzt ist klar: Auch wenn das angepeilte Ziel von 30 Millionen verkauften Monatstickets zum Preis von 9,00 Euro bisher nicht erzielt wurde, mit 21 Millionen Verkäufen, lässt sich die günstige Fahrkarte durchaus als Erfolgsmodell bezeichnen.

Name:Bundesrepublik Deutschland
Fläche:357.340 Quadratkilometer
Bevölkerung:rund 83 Millionen
Jährliche Nutzer und Nutzerinnen des ÖPNV in DEU (2020):etwa 7,1 Milliarden (in den VDV-Mitgliedsunternehmen)

9-Euro-Ticket: Nicht nur die Anzahl verkaufter Tickets entscheidend

Denn nicht alleine die Anzahl verkaufter Tickets wird hier als Indikator herangezogen. Analysen zeigen, so berichtet es unter anderem das Hamburger Abendblatt, dass erheblich mehr Neukunden gewonnen wurden und mehr Leute das Auto stehen lassen würden, auf den Straßen kommt es dadurch zu kürzeren Wartezeiten und weniger Staus. Fachleute führen die verstärkte Nutzung des ÖPNV auch auf die Einheitlichkeit des Tickets zurück. Der deutschlandweite Flickenteppich aus unterschiedlichen Tarifzonen ist für die Nutzung des 9-Euro-Tickets bekanntlich aufgehoben. Doch jene ist nur noch bis zum 31. August 2022 möglich. Was kommt danach?

Ex-Linken-Chef Riexinger: Preisanstieg nach 9-Euro-Ticket wäre „schlechter Witz“

Klar scheint für so gut wie alle Politiker, Verbände, Medien und sonstiger an dem 9-Euro-Ticket oder der Diskussion Beteiligter zu sein, dass es ab dem 1. September 2022 nicht wie bisher, also vor dem 9-Euro-Ticket, weitergehen kann. Linken-Verkehrspolitiker Bernd Riexinger sagte gegenüber dem Münchner Merkur, dass es ein „schlechter Witz“ sei, „wenn nach Wegfall des 9-Euro-Tickets die Fahrgäste plötzlich mit sogar höheren Ticketpreisen konfrontiert wären als vor dem 9-Euro-Ticket.“ Nicht nur Riexinger befürchtet, dass es für die Kunden und Kundinnen der Verkehrsbetriebe nach dem Ende des günstigen Tickets teurer werden könnte.

Display eines DB Fahrkartenautomaten mit der Möglichkeit das 9-Euro-Ticket zu kaufen
Nur noch bis zum 31. August erhältlich: Das 9-Euro-Ticket. Die Diskussion über den Nachfolger ist bereits in vollem Gange. © Manfred Segerer / Imago

Egal-wohin-Ticket und gratis ÖPNV: Keine wirklichen Alternativen zu 9-Euro-Ticket

Das Egal-wohin-Ticket, das die Deutsche Bahn selbst seit dem 4. Juli 2022 über die Lebensmittelmärkte von Edeka anbietet, ist kein geeigneter Nachfolger des 9-Euro-Tickets. Denn bei dem Angebot handelt es sich lediglich um einen Blanko-Gutschein zum Selbsteinlösen auf jeder x-beliebigen Strecke. Und auch wenn im Zusammenhang mit dem Auslaufen des 9-Euro-Tickets öfter mal die Namen Luxemburg, Malta, die estnische Hauptstadt Tallinn oder die französische Stadt Dünkirchen fallen, ein Gratis-ÖPNV wie in diesen Ländern und Städten wird es ebenfalls nicht geben.

Auch wenn dieser kostenlose Nahverkehr ein Erfolgsmodell ist: In Dünkirchen (französisch: Dunkerque), einer Industriestadt mit etwa 90.000 Einwohnern, die nur rund 10 Kilometer von der belgischen Grenze am Ärmelkanal liegt, ist der Nahverkehr bereits seit September 2018 gratis.

Gratis ÖPNV: In Hamburg so teuer wie die Elbphilharmonie – pro Jahr

Eine Analyse zeigte bereits ein Jahr später: 65 Prozent mehr Menschen nutzten seitdem unter der Woche Bus und Bahn, am Wochenende sind es sogar 125 Prozent wie vor Inkrafttreten der neuen Regeln. Doch nicht in Deutschland. So würden etwa alleine in Hamburg pro Jahr 830 Millionen Euro Einnahmen wegbrechen, so der Spiegel zum Start des Gratis-Verkehrs in Dünkirchen. Ein Jahr kostenloses Bus- & Bahnfahren im HVV würde also so viel kosten wie der Bau der Elbphilharmonie.

Bundesverkehrsminister Wissing: Keine dauerhafte Finanzierung von 9-Euro-Ticket durch Bund

Wie könnte also die Alternative zum 9-Euro-Ticket auf der einen Seite und der deutschlandweiten ÖPNV-Nutzung auf der anderen Seite heißen? Denn auch wenn Klimaforscher wie Mojib Latif und andere gerne an dem 9-Euro-Ticket festhalten würden, Bundesverkehrsminister Volker Wissing sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ): „Allen ist aber auch klar, dass der Bund kein Monatsticket für neun Euro auf Dauer finanzieren kann. Das wären jährlich rund zehn Milliarden Euro.“ Wissing erklärte, dass die Bundesregierung bis Herbst den Zeitraum des 9-Euro-Tickets analysieren und dann Schlüsse daraus ziehen werde.

9-Euro-Ticket-Nachfolger: Die Linke fordert 365-Euro-Jahresticket

Für realistisch hält nicht nur Bernd Riexinger die Einführung eines sogenannten 365- beziehungsweise 29-Euro-Tickets, wie es die Verbraucherzentralen fordern, für den Zeitraum von einem Jahr respektive einem Monat. Das sei in Kombination mit kostenlosen Tickets für Schüler, Auszubildende, Studenten sowie Haushalte mit geringem Einkommen „eine gute Idee als Anschlussmodell“, so Riexinger, der von 2012 bis 2021 einer der beiden Bundesvorsitzenden seiner Partei gewesen ist.

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Auch sein Parteikollege Dietmar Bartsch und Sozialverbände hatten sich bereits in der Vergangenheit für ein 365-Ticket nach Wiener-Vorbild ausgesprochen. In der österreichischen Hauptstadt wurde das 365-Euro-Ticket bereits vor Jahren erfolgreich eingeführt. Auch einzelne deutsche Städte beschäftigen sich bereits mit dieser günstigen Jahresfahrkarte. Frankfurt am Main ließ bereits die Kosten für ein solches Ticket prüfen. Die Grünen in Hessen forderten zumindest, dass Geringverdiener in Zukunft in den Genuss eines 365-Euro-Tickets kommen.

9-Euro-Ticket-Nachfolger: Was ist das Klimaticket?

Seit einigen Wochen geistert in Verbindung mit dem 9-Euro-Ticket auch der Begriff „Klimaticket“ durch die deutschen Medien. Dabei handelt es sich um eine anders bezeichnete günstige Alternative zu den bestehenden Fahrkarten und Tarifen, dessen auch nach außen kommunizierte Zweck klar auf dem Klimaschutz liegt.

Zwar sorgt bereits das 9-Euro-Ticket für weniger Individualverkehr auf Deutschlands Straßen, doch ist bei dem 9-Euro-Ticket die Entlastung bei den Energiekosten klar als kommunikativer Fokus durch die Politik gesetzt – ein Umstand, der den als Klimaticket gelabelten 9-Euro-Ticket-Nachfolger zu einem geeigneten Instrument für die Bundesregierung macht, die klimapolitischen Ziele zu verfolgen. „Deswegen gilt es nicht als ausgeschlossen, dass die Ampel-Koalition grünes Licht für den dauerhaften Rabatt in Bus und Bahn gibt“, meint Kreiszeitungs.de-Journalist Jens Kiffmeier.

Länder-Plus-Ticket durch Verkehrsclub Deutschland gefordert

Vor wenigen Tagen hat der Verkehrsclub Deutschland (VCD) die Idee eines sogenannten „Länder-Plus-Ticket“ ins Spiel gebracht. Unter anderem n-tv.de berichtete über den Vorschlag des Verbands. Die Bundesvorsitzende Kerstin Haarmann plädiert dafür, die Gelegenheit zu nutzen und auf den Erfolg des 9-Euro-Tickets aufzubauen. Auf der Verbandswebsite wird Haarmann diesbezüglich mit folgenden Worten zitiert:

 „Das 9-Euro-Ticket zeigt, wie einfach es sein kann: Eine günstige Zeitkarte, die weiträumig gilt und den Tarif-Dschungel mit seinen Verbundgrenzen hinter sich lässt. Auf dieser Erfahrung müssen wir aufbauen!“

Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzende Verkehrsclub Deutschland (VCD)

Länder-Plus-Ticket: So sieht die VCD-Idee aus

Das Länder-Plus-Ticket ist als Zeitkarte konzipiert und soll Fahrten auch über die Grenzen eines Bundeslandes hinaus möglich machen. Die Idee des VCD ist, deutschlandweit acht Tarifzonen zu schaffen. Eine davon könnte Berlin-Brandenburg sein, eine andere aus der Zusammenlegung von Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zu einem Tarifgebiet entstehen. Der Regionalverkehr soll auch über diese Zonen genutzt werden können. „Die Tickets sollen für alle bezahlbar und gleichzeitig dauerhaft finanzierbar sein, ohne den notwendigen Ausbau auszubremsen“, so Dominik Fette, VCD-Experte für klima- und sozialverträgliche Mobilität, über das Konzept des VCD.

Dieses sieht einen Standardpreis für einen Großraum von 75 Euro im Monat vor, günstigere Varianten soll es für Jobticket- und Sozialticket-Inhaber geben, für „Schüler*innen, Azubis und Studierende soll es für 30 Euro im Monat erhältlich sein“, schreibt der VCD. Ebenfalls 30,00 Euro müssten für die Erweiterung des Tickets auf einen zusätzlichen Großraum gezahlt werden. Für 135,00 Euro soll es möglich sein, ein Ticket für den deutschlandweiten Regionalverkehr zu erwerben.

9-Euro-Ticket-Nachfolger: Es geht nicht nur um den Namen und Preis

Wie auch immer der Nachfolger des 9-Euro-Tickets heißen, wie viel dieser kosten und wenn das Anschlussticket kommen wird, Politiker und Verbände sind sich in einem Punkt einig: Das 9-Euro-Ticket müsse als Anstoß genutzt werden, den Tarifzonen-Dschungel in Deutschland zu entschlacken und so das Nutzen des ÖPNV auch unabhängig vom Preis attraktiver zu machen.

SPD-Verkehrspolitiker für bundesweit gültiges ÖPNV-Ticket

Dass für den Erfolg des 9-Euro-Tickets nicht nur der günstige Preis ausschlaggebend ist, sieht auch Detlef Müller, Vize-Fraktionschef der SPD im Bundestag so. „Einsteigen, mitfahren, aussteigen – ohne sich über Tarifzonen oder Verbundgrenzen Gedanken zu machen – das spricht viele Menschen an. Daran müssen wir anknüpfen“, so der Verkehrspolitiker gegenüber der Funke Gruppe.

Müller macht sich deshalb für ein deutschlandweites, gültiges Ticket stark. Das dürfte aber weder zulasten der Verbraucher gehen, noch zu Einsparungen am ÖPNV-Angebot an anderer Stelle führen. „Klar ist aber auch, dass die Finanzierung des ÖPNV weiterhin eine Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen bleiben muss“, so Müller weiter.
*TRANSPARENZHINWEIS: Dieser Artikel ist am 12. Juli 2022 durch neue Informationen ergänzt worden.

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