Staatsanwaltschaft – Ermittlungen auf Hochtouren

Folter-Fleisch aus Stuttgart: Baden-Württemberg Schlachthof-Skandal nimmt dramatisches Ende

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Ein Schlachthof in der nähe von Stuttgart wirbt mit Regionalität und Kundennähe. Doch ein Video enthüllt dramatische Zustände. Tierquälerei ist der Vorwurf. Die Soko-Tierschutz hat Aufnahmen aus dem Betrieb veröffentlicht. Es zeigt schlimme Szenen. Ganz Deutschland reagiert geschockt. Der Hof muss nun vorerst schließen.

  • Soko-Tierschutz veröffentlicht Tierquälerei-Video.
  • Aufnahmen stammen aus einem regionalen Schlachthof bei Stuttgart.
  • Kunden reagieren schockiert, der Betreiber muss den Schlachthof nun schließen.

Update vom Montag, 7. September 2020, 16:13 Uhr: Gärtringen (bei Stuttgart)– Nachdem ein regionaler Schlachthof in Gärtringen massiv unter Kritik geraten war, weil Mitglieder der Soko-Tierschutz ein Video veröffentlichten, das mutmaßliche Tierquälerei dokumentiert, gibt es nun erste drastische Konsequenzen für den Betreiber. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, muss der Schlachthof vorübergehend schließen.

Gemeinnütziger Verein:Soko-Tierschutz
Gründung:2013
Gründer:u. a. Friedrich Mülln
Sitz:Augsburg
Methode:Informationsstände, Kampagnen, Pressearbeit, Recherche

Das Landratsamt Böblingen erklärt, dass der Betrieb erst wieder öffnen dürfe, wenn er ein „schlüssiges Gesamtkonzept“ nachweisen könne. Dieses solle aufzeigen, wie Tierschutz im Schlachthof gewährleistet werden könne. Der Landkreis habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sie biete aber „Chance für einen Neustart“.

Am Samstag, dem 5. September 2020, hatten sich außerdem nach einem Aufruf der Grünen Jugend rund 70 Menschen vor dem Schlachthof in Gärtringen versammelt, um gegen die Missstände zu demonstrieren. Darunter waren nach Informationen der Kreiszeitung Böblinger Bote auch Mitglieder der „Fridays for Future“-Bewegung. Die Demonstranten forderten, dass der Schlachthof erst wiedereröffnet werden dürfe, wenn der Tierschutz grundlegend sichergestellt werden könne.

Der Skandal-Schlachthof in Gärtringen muss nach Tierquälerei-Vorwürfen vorerst schließen. (24hamburg.de-Montage)

Soko-Tierschutz: Geheimes Video deutet Tierquälerei in regionalem Schlachthof an – Kunden „enttäuscht und betroffen“

Erstmeldung vom Donnerstag, 3. September, 18:29 Uhr: Die Mär vom regionalen Bio-Fleisch? Ein Schlachtbetrieb nahe Stuttgart, der nach taz-Informationen auch Bio-Fleisch verarbeitet, prahlt damit, anders als die Riesen-Schlachthöfe zu sein: regional und kundennah. Ein Video, das von Soko-Tierschutz veröffentlicht wurde, zeigt ganz andere Szenen.

Soko-Tierschutz: Video zeigt schlimme Schlachthof-Szenen – Betrieb bei Gärtringen (Stuttgart) in Kritik

Tieren werden beim Treiben regelmäßig Holzstangen in den After gestoßen, Elektroschocker werden hemmungslos und illegal eingesetzt“, beschreibt der Soko-Tierschutz die schockierenden Szenen, die sich in dem Schlachthof in Gärtringen bei Stuttgart abspielen. Metzger prügeln gewaltsam auf die Gesichter von Schweinen ein, ein Ferkel wird durch die Luft geschleudert. Besonders einprägsam: Ein Metzger sticht brutal mit einem harten Plastik-Stock in das Auge eines Schweins, das bereits vor Qualen und Angst kreischt.

Soko-Tierschutz veröffentlichte Aufnahmen aus einem Schlachtbetrieb in Gärtringen, in denen misshandelte Schweine zu sehen sind.

Das dreiminütige Video, das die Tierschützer aus München auf ihrer Website veröffentlichen, zeigt Aufnahmen, die an zwölf Tagen im Juni und Juli 2020 entstanden sein sind. Versteckte Kameras zeichneten auf, wie Tiere qualvoll misshandelt werden. Soko-Tierschutz klagt außerdem darüber, wie teilnahmslos selbst Tierärzte die grausamen Praktiken mit ansehen: „Es ist entsetzlich zu sehen, wie eine Tierärztin zuschaut, wenn ein Schwein in die Betäubungsbox eingeklemmt wird, offensichtlich nicht betäubt ist und sie selbst dann nicht eingreift, als der Schlachter das Tier bei Bewusstsein abstechen will“.

Tierquälerei-Video von Soko-Tierschutz: Schockierte Reaktionen auf Schlachthof-Szenen bei Stuttgart

Am 28. August veröffentlichte SOKO Tierschutz das Video auch auf der eigenen Facebook-Seite, seitdem wurde es bereits 2,2 Millionen Mal geklickt und knapp 36.000 Mal geteilt. Selbst Friedrich Mülln, der Vorsitzende von Soko Tierschutz, beeindruckt: „So eine Resonanz hatten wir bei einem Schlachthof-Video noch nie“, sagt er gegenüber den Stuttgarter Nachrichten, die zuerst über den Fall berichteten.

Auch in den Kommentaren äußern sich viele User zu den Aufnahmen, viele reagieren geschockt. „Der Gärtringer Schlachthof ist regional, oder? Um so erschütternder dieses Video. Wann hört der übertriebene Fleischkonsum auf? Das ist doch das Übel“, schreibt eine Userin. „Eine Schande Tiere so zu quälen! Ich finde keine Worte mehr! Der Staat muss das unterbinden, wir leben im 2020! Kein Lebewesen verdient einen solchen Tod! Danke für Ihren ausführlichen Bericht!“, meldet sich eine andere Facebook-Nutzerin zu Wort.

Auch im Landkreis schlägt der Vorfall seine Wellen, es gab es bereits Äußerungen zum Video. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ließ Roland Bernhard, der Chef des zuständigen Landratsamts Böblingen, bereits verlauten, dass der Fall „schonungslos“ aufgeklärt werden solle. Im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten kritisiert er den Schlachthof scharf und meint, dass ihn die Bilder „schockiert und sprachlos“ gemacht hätten. Auch mit dem Betreiber, bei dem Bernhard klar die Verantwortung sieht, geht er hart ins Gericht: „Er muss Stellung beziehen".

Tatsächlich äußerte sich der Schlachthof-Betreiber, Wilhelm Dengler, erst am Montag, den 1. September, vor der Presse zu dem Vorfall und meint: „Die Bilder sind völlig inakzeptabel. Hierfür gibt es keine Entschuldigung“. Die Aufnahmen hätten ihn geschockt, einige Kunden, darunter auch Metzger, hätten sich bereits bei ihm beschwert und gekündigt.

Schlachthof Gärtringen: Metzger und Kunden reagieren geschockt auf Tierquälerei-Video von SOKO Tierschutz

Die Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung hat mit Metzgern aus der Region gesprochen, die ihrem Ärger über die aufgedeckte Tierquälerei Luft machen. Dominik Heinkele, der stellvertretende Obermeister der Fleischer-Innung Böblingen hat solche Missständen in dem Schlachtbetrieb nicht erwartet: „Ich meine, wir Metzger waren ja stolz auf diesen regionalen Schlachthof und haben bewusst mit den kurzen Wegen und der Regionalität bei unseren Kunden geworben und jetzt kommt so etwas“.

Auch die Kunden seien „enttäuscht und betroffen“, Heinkele erhalte Nachrichten, „dass das Vertrauen nachhaltig zerstört sei“. Viele sehen die Schuld bei den Metzgern, die ihre Tiere in dem besagten Schlachthof in Gärtringen schlachten lassen.

Soko Tierschutz veröffentlichte Videomaterial aus einem Schlachtbetrieb in Gärtringen. Kunden zeigen sich „enttäuscht“ und „betroffen“ angesichts der aufgedeckten Tierquälerei. (24hamburg-Montage)

Tierquälerei in Schlachthof bei Stuttgart: SOKO Tierschutz erstattet Anzeige, Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Soko Tierschutz wurde bereits aktiv und hat gegen den Schlachthof-Betreiber sowie die Vertreter des zuständigen Veterinäramts eine Strafanzeige wegen mutmaßlichem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz erstattet. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits in dem Fall. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung ist eine Schließung des Betriebs nicht auszuschließen.

Am Mittwoch gab die Deutsche Presse-Agentur außerdem bekannt, dass das Landratsamt bereits weitere Maßnahmen eingeleitet hat. Demnach werden ab sofort zwei Tierärzte an Tagen der Schlachtung im Betrieb sein. Einer davon sei dauerhaft für die Betäubung sowie die Überwachung des Zutriebs der Tiere verantwortlich. Auch sollen statt 80 Schweinen nur noch 60 pro Stunde geschlachtet werden.

Der Schlachthof in Gärtringen ist ein verhältnismäßig kleiner Betrieb: Nach Informationen von bwagrar schlachtet der Hof wöchentlich 700 bis 800 Schweine, 50 bis 60 Rinder und etwa 80 Lämmer. Die Tiere werden in der Region eingekauft, das gewonnene Fleisch dort ebenfalls wieder verkauft. Doch das Video der Soko Tierschützer zeigt, dass Tierquälerei nicht nur bei Schlachthof-Riesen wie der Tönnies Holding* ein Problem ist: Auch hinter regional produziertem Fleisch können sich Missstände in Schlachtbetrieben verbergen.

24hamburg.de/Tiere* berichtete auch von einem Milchbetrieb nahe Flensburg, der wegen Videoaufnahmen ebenfalls* in die Kritik geraten war. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance

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