Behörden am Pranger

Schweine „bei lebendigem Leib aufgefressen“: ARD und Soko Tierschutz decken Horror-Skandal auf

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Horror-Zustände in einem Schweinezuchtstall in Rottweil: Hunderte Tiere sind verletzt, verstümmelt und krank. Die Soko Tierschutz machte den Fall gemeinsam mit dem ARD-TV-Magazin Report Mainz öffentlich. Nun wurde der Betrieb geschlossen. Dem örtlichen Veterinäramt wird zu spätes Handeln vorgeworfen.

  • Soko Tierschutz und ARD-TV-Magazin Report Mainz machen Tierschutz-Skandal öffentlich.
  • In einer Schweinemast in Rottweil herrschen schlimme Missstände.
  • Das örtliche Veterinäramt erntet scharfe Kritik.

Rottweil (Baden-Württemberg) – Wegen erheblicher Missstände wurde ein Schweinezuchtbetrieb in Flözlingen (Landkreis Rottweil) stillgelegt. Bereits im Juli 2020 wurde das örtliche Veterinäramt auf die Missstände aufmerksam gemacht. Die Schließung erfolgte erst drei Monate später, nach einer Anfrage des ARD-MagazinsReport Mainz“. Die Soko Tierschutz wirft den Behörden zu spätes Handeln vor.

Gemeinnütziger VereinSoko Tierschutz
Gründung2013
MethodeInformationsstände, Kampagnen, Pressearbeit, Recherche
Gründeru. a. Friedrich Mülln
SitzAugsburg

ARD-Magazin „Report Mainz“ und Soko Tierschutz decken Missstände in Schweinemast in Rottweil auf

In dem Schweinebetrieb des Landwirts Manfred Haas aus Rottweil herrschen schlimme Zustände. Die Soko Tierschutz berichtet von hunderten verletzten Tiere, viele davon seien krank und verstümmelt. Geschwächte Tiere würden „von ihren gestressten Artgenossen bei lebendigem Leib aufgefressen, Kadaver zerfetzt und im Stall stapeln sich die toten Tiere“.

Eine Schweinemast in Rottweil musste schließen, nachdem in dem Betrieb erhebliche Missstände aufgedeckt wurden. (24hamburg.de-Montage)

Weiter heißt es: „Im Bereich das Zuchtsauen lagen Tiere eingezwängt in engen Kastenständen in einer wässrigen Brühe aus Fäkalien. Im Stall befanden sich sterbende und stark abgemagerte Tiere, wie zum Beispiel Ferkel oder eine von Wunden übersäte Zuchtsau, und schwerstverletzte Jungschweine“. Undercover-Aufnahmen zeigen, wie der Landwirt die Schweine schlägt oder umher wirft. Ein Video auf der Facebook-Seite der Soko Tierschutz verdeutlicht die Missstände.

Dem Veterinäramt des Landkreises Rottweil waren diese Zustände schon seit Längerem bekannt. Ende Juli ging eine Anzeige gegen den Betrieb dort ein. Die Behörden verfolgten den Fall nicht weiter. Kurze Zeit später, am 18. August 2020, zeigte auch die Soko Tierschutz den Schweinebetrieb von Manfred Haas an. Auch darauf schien das Veterinäramt nicht zu reagieren. Schließlich kontaktierten die Tierschützer das ARD-TV-Magazin Report Mainz, welches den Fall daraufhin im Fernsehen öffentlich machte.

In dem ARD-Fernsehreport kommt auch die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin zur Wort. Sie beurteilt die Zustände so: „Das kann man nur als Straftat fachlich werten, weil die gezeigten Tiere mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erheblich und langanhaltend gelitten haben“. „Erst nach einer Anfrage von Report Mainz wurde der Betrieb in einer großangelegten Aktion geprüft und die Schweinehaltung jetzt geschlossen“, heißt es seitens des ARD-TV-Magazins. Die Schließung des Schweinebetriebs von Manfred Haas erfolgte am Freitag, 2. Oktober 2020 im Rahmen einer Polizeiaktion.

Soko Tierschutz: Veterinäramt Rottweil habe Schweinezucht viel zu spät schließen lassen

Die Organisation Soko Tierschutz wirft dem Veterinäramt zu spätes Handeln vor. „Der Betrieb bekam regelmäßig Besuch von verschiedensten Kontrolleuren und auch der zuständige Tierarzt wusste z.B. schon vor Jahren von den massiven Kannibalismusproblemen im Stall“. Auf Nachfrage des Schwarzwälder Boten beim Landratsamt streitet die Behörde ab, dass die Schließung der Schweinezucht erst durch die mediale Berichterstattung im Fernsehen beschlossen worden sei. Diese Entscheidung sei bereits „vorgezeichnet“ gewesen.

Zuletzt sei der Betrieb im Jahr 2018 kontrolliert worden. „Im Landkreis Rottweil gibt es 2200 registrierte Tierhaltungen. Eine systematische Überprüfung aller landwirtschaftlichen Betriebe gibt es daher nicht. Die Kontrollen erfolgen abhängig von Größe und Tierart der Tierhaltung“, heißt es vom Landkreisamt.

Schweinezucht-Skandal in Rottweil: Landwirt Manfred Haas äußert sich zu den Misständen in seinem Betrieb

Auch Landwirt Manfred Haas äußert sich selbst zu dem Vorfall. Nachdem das Veterinäramt ihn im Juli erstmals auf die Missstände hingewiesen hatte, habe er mit seiner Familie versucht, „diese Zustände zu ändern und die Missstände zu beseitigen“, dies sei ihnen aber „leider nicht überall gelungen“, sagt er gegenüber der Schwäbischen. Manfred Haas ist als Bauern-Obmann von Rottweil und Ortsvorsteher von Flözlingen ein bekanntes Gesicht in der Gegend. In der Öffentlichkeit tritt er auch des Öfteren gemeinsam mit dem baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) und Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) auf, so berichtet es „Report Mainz“.

*24hamburg.de/tiere berichtete auch über einen ähnlich gravierenden Vorfall in einem regionalen Schlachthof nahe von Stuttgart: Auch hier enthüllte die Soko Tierschutz schwerwiegende Missstände*. Das „Deutsche Tierschutzbüro“ machte außerdem ein Video öffentlich, das grausame Aufnahmen aus einem Schweinemasthof in Rheda-Wiedenbrück zeigt.* Dieser liefert seine Tiere auch an den Schlachthof-Giganten Tönnies. Ein Tönnies-Schlachtbetrieb in Sögel im Emsland kämpft mit Coronavirus-Ausbrüchen* unter den Mitarbeitern. *24hamburg.de/tiere ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © SOKO Tierschutz e.V./dpa/picture alliance

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