Ställe überfüllt

Schweinestau im Norden: Schlachtnotstand in Schleswig-Holstein

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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Tönnies: In einem weiteren Schlachthof des Fleisch-Riesen ist es zu einem Coronavirus-Ausbruch gekommen. Der Betrieb darf unter Auflagen weiterarbeiten. Für die Fleischindustrie wird es kritisch: Vor allem in Schleswig-Holstein platzen die Schweineställe aus allen Nähten, Schlachthöfe arbeiten kaum noch. Jetzt sollen andere Bundesländer herhalten.

  • In einem Tönnies-Betrieb in Sögel (Emsland) bricht das Coronavirus* aus.
  • Das Unternehmen wehrt sich gegen eine Standort-Schließung und darf vorerst weiter schlachten.
  • Schlachthöfe in Schleswig-Holstein überlastet – Tiere sollen in anderen Bundesländern geschlachtet werden.

Update vom 14. Oktober 020, 15:08 Uhr: Sögel (Emsland) – Die Schlacht-Notlage in Schleswig-Holstein bleibt weiterhin bestehen: Aufgrund der Afrikanischen Schweinepest (ASP) und der Coronavirus-Krise kommt es in Schlachtbetrieben zu Engpässen, 24hamburg.de/tiere* berichtete. Nun will Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht andere Bundesländer mit einbeziehen.

„Wir sind jedoch auf Schlachtkapazitäten außerhalb von Schleswig-Holstein angewiesen. Hier brauchen wir in Zeiten von Corona und der Afrikanischen Schweinepest auch in der Branche länderübergreifende Solidarität“, erklärte er am Dienstag, 13. Oktober nach einem Gespräch mit Vertretern der Schweinebranche in Kiel. Er wolle die Agrar-Fachbereiche in beiden Bundesländern mit diesem Anliegen kontaktieren.

UnternehmenTönnies Holding
Mitarbeiterzahl9007 (2018)
Umsatz7,5 Milliarden EUR (2019)
ZentraleRheda-Wiedenbrück
Gründung1971
RechtsformApS & Co. KG
TochterunternehmenCPC Foods Limited

Corona-Ausbruch im Schlachthof: Tönnies-Tochterfirma tötet trotzdem weiter

Update vom 12. Oktober 2020, 14:45 Uhr: Sögel (Emsland) – Der Weidemark-Schlachthof in Sögel, welcher zum Skandal-Konzern Tönnies gehört, darf seinen Betrieb unter Einschränkungen wieder aufnehmen. Wie der NDR mitteilt, sollen ab Montag, 12. Oktober 2020, 250 Mitarbeiter mit ihrer Arbeit unter strengen Hygiene-Auflagen fortfahren. Dabei sollen zunächst 5.000 Tiere pro Tag geschlachtet werden.

Weil sich mehrere Angestellte am Tönnies-Standort Sögel mit dem Coronavirus infiziert hatten, sollte der Schlachthof ursprünglich für 22 Tage dicht machen. Tönnies wollte zunächst gerichtlich gegen die Schließung vorgehen, Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast machte auf die Not der Landwirte aufmerksam: In den Ställen kommt es zu Schweinestaus, die Mäster können die Tiere nicht mehr verkaufen.„Der eingeschränkte Schlachtbetrieb hilft natürlich ein wenig“, meint Schweinevermarkter Bernd Terhalle von der Erzeugergemeinschaft Hümmling gegenüber agrarheute. „Es ist allerdings überhaupt nicht genug. Allein im nördlichen Emsland bräuchten wir 17.000 Schlachtungen pro Tag, um den Rückstau aufzuhalten“.

Tönnies: Schlachthof in Sögel wehrt sich gegen Standort-Schließung nach Coronavirus-Ausbruch

Update vom 8. Oktober 2020, 8:27 Uhr: Sögel (Emsland) – Laut Spiegel-Informationen beläuft sich die Zahl der mit Covid-10 infizierten Mitarbeiter im Tönnies-Schlachtbetrieb in Sögel auf 112. Der „Weidemark“-Schlachthof weigert sich aber trotz Coronavirus-Ausbruch gegen eine Schließung des Standorts.

Der Tönnies-Schlachthof „Weidemark“ in Sögel wehrt sich gegen eine Schließung.

Wie der Schlachthof selbst mitteilte, sei eine einstweilige Verfügung gegen den Beschluss des Landkreises beantragt worden, „Die Schließungsverfügung heute zu erlassen, ist für uns nicht verhältnismäßig“, erklärte der Weidemark-Geschäftsführer Christopher Rengstorf am Mittwoch, 7. Oktober 2020. Eine Schließung des Schlachthofs würde für die Schweinebauern in weitere Probleme verwickeln. 24hamburg.de/tiere* berichtete vorab über die kritische Situation, in der sich die Fleischbranche aufgrund der Coronavirus-Krise befindet.

Nach Vorhaben des Landkreises Emsland soll der Tönnies-Schlachthof in Sögel für 22 Tage geschlossen werden, da eine „exponentielle Verbreitung des Virus in der Belegschaft, aber auch außerhalb des Schlachthofes“ vermieden werden müsse. Im Betrieb wurden nach Angaben des Unternehmens tägliche Coronavirus-Tests an den Mitarbeitern durchgeführt. Die Zahl der Neuinfektionen sei am Dienstag, 7. Oktober 2020, auf sieben gesunken.

Coronavirus-Ausbrüche bei Tönnies und in Cloppenburg: Schweinestaus und sinkende Schlachtzahlen

Erstmeldung vom 7. Oktober 2020, 18:09 Uhr: Um den Fleischgiganten Tönnies wird es nicht ruhiger: Erneut ist es in einem Schlachtbetrieb des Unternehmens zu einem Coronavirus-Ausbruch gekommen. Betroffen ist ein Hof in Sögel im Landkreis Emsland. Auch in einem Schlachthof in Emstek bei Cloppenburg haben sich Mitarbeiter mit Covid-19 infiziert. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen Betrieb der Tönnies Holding.

Insgesamt 81 Infektionen wurden bei den Mitarbeitern vom Tönnies-Schlachthof „Weidemark Fleischwaren“ in Sögel nachgewiesen. Dabei handelt es sich nach faz-Informationen vorwiegend um Angestellte von Subunternehmen. Der Betrieb bei Cloppenburg kommt auf 63 Coronavirus-Infektionen, das teilte der örtliche Landrat Johann Wimberg am Mittwoch, 7. Oktober 2020, mit.

Die deutsche Fleischbranche steht vor massiven Herausforderungen: Coronavirus-Ausbrüche in Schlachthöfen sorgen für Schweinestaus und rückgängige Schlachtzahlen. (24hamburg.de-Montage)

Für die deutsche Fleischbranche bedeuten die Coronavirus-Ausbrüche in Schlachtbetrieben, wie sie derzeit in Cloppenburg und im Emsland auftreten, massive Probleme: In den Schweineställen kommt es zu Staus. Die Tiere vermehren sich und wachsen immer weiter. Die Mäster können die schlachtreifen Tiere kaum noch verkaufen.

Schlachter machen zwanzig Euro Verlust pro Schwein

Wie die Welt berichtet, sei das durchschnittliche Gewicht, mit dem die Schweine in die Schlachtung gegeben werden, um ein bis zwei Kilogramm pro Tier gestiegen. Einerseits wird es dadurch deutlich enger in den Ställen, andererseits erhalten die Mäster für die Schweine weniger Geld, da die Einnahmen immer weiter sinken, je weiter ein Schwein den optimalen Schlachtzeitpunkt überschreitet. „Die Halter machen derzeit mit jedem Schwein zwanzig Euro Verlust“, erklärt Schweinevermarkter Bernd Terhalle von der Erzeugergemeinschaft Hümmling. „Und die Preise werden sich nicht so schnell erholen“. Seine drastische Prognose: Etwa ein Drittel der Schlachtbetriebe könnten den Markt bald verlassen.

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) spricht von einem derzeitigen Schweineüberschuss von etwa 400.00 Tieren. Jede Woche würden noch weitere 70.000 Tiere hinzukommen. Das bedeutet allein für Niedersachsen und NRW: Ende des Jahres 2020 werden die Ställe voraussichtlich eine Million mehr Schweine beherbergen, als im Normalfall.

Coronavirus in Schlachtbetrieben und Verbote von Werksverträgen sorgen für Mitarbeitermangel

Maßgeblich verantwortlich für die Staus in deutschen Schweineställen sind vor allem die Coronavirus-Ausbrüche in den Schlachtbetrieben wie beispielsweise denen der Tönnies Holding. Viele Betriebe schlachten aufgrund von Personalmangel in deutlich eingeschränkterem Rahmen. Auch das Verbot von Werkverträgen, welches ab dem Jahr 2021 greifen wird, mache sich jetzt schon in der Branche bemerkbar, da viele osteuropäische Werksarbeiter keine Festanstellung beabsichtigen, schreibt die FAZ. Strengere Hygieneauflagen und reduzierte Mitarbeiterkapazitäten als Folgemaßnahmen der Corona-Ausbrüche sind weitere Faktoren, welche die zurückgehenden Schlachtzahlen mit beeinflussen.

Der Deutsche Raiffeisenverbund kritisiert diese Entwicklung und fordert in einer Mitteilung: „Um der gesamten Wertschöpfungskette in der doppelten, durch Corona- und die Afrikanische Schweinepest verursachten Krise endlich Luft zu verschaffen und den Tierschutz in den Ställen zu wahren, muss es möglich gemacht werden, die Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten im Rahmen der Corona- und Arbeitsschutzmaßnahmen zu erhöhen. Dazu muss vorübergehend das Arbeitsverbot an Sonntagen aufgehoben werden und längere Arbeitszeiten müssen möglich sein“.

Ginge es nach den Grünen, so sei eine Ausweitung der Arbeitszeiten auf Sonntage keine Option. Laut FAZ sieht die Partei das Dilemma in der Branche als Anstoß zu einem strukturellen Umbruch der Fleischindustrie, also etwa einer dauerhaften Reduzierung des Schweinebestands in der deutschen Landwirtschaft.

Fleischbranche in der Krise: Nachfrage in Deutschland sinkt wegen Coronavirus und Afrikanischer Schweinepest

Die rückgängigen Schlachtzahlen sind auch auf eine sinkende Fleischnachfrage in Deutschland zurückzuführen. Pandemiebedingt wurden große Volksfeste wie das Oktoberfest gestrichen, damit fallen große Schweinefleisch-Abnehmer weg. Auch im Supermarkt greifen weniger Kunden zu Fleischprodukten, da sich das Image der Branche im Jahr 2020 stark verschlechtert hat. Nicht zuletzt macht sich auch die Afrikanische Schweinepest*, über die 24hamburg.de/tiere* bereits berichtete, bemerkbar: China importiert aufgrund der Seuche, die sich zunehmend in Deutschland ausbreitet, kein deutsches Schweinefleisch mehr.

Aufsehen erregte zuletzt auch ein Tönnies-Zuliefererbetrieb: Tierschützer machten ein Video öffentlich, das Tierquälerei in einem Schweinemasthof dokumentierte*. *24hamburg.de/tiere ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa/picture alliance

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