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Schlachtbetrieb-Skandal: Clemens Tönnies wird großer Sündenbock

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Von: Laura-Marie Löwen

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Nachdem Skandale in den Schlachtbetrieben der Firma Tönnies publik wurden, erhielt Boss Clemens Tönnies Drohungen. Nun meldet er sich zu Wort – und heult rum.

Update vom Donnerstag, 31. Dezember 2020, 9.25 Uhr: Seit dem großen Corona-Ausbruch bei seinem Fleischkonzern hatte sich Clemens Tönnies öffentlich nicht mehr zu Wort gemeldet. Bis jetzt. In einem Interview mit RTL äußert sich der Unternehmer erstmals zu den Vorwürfen und erzählt, dass er sogar Morddrohungen erhalten habe. „Ich muss sagen, das ist nicht witzig, wenn man vermummte, johlende, ja völlig aus dem Häuschen befindliche Menschen vor der Tür sieht. Die dann schreien: ‚Aufhängen, Kopf runter, enteignen, fertigmachen, wegmachen“, so Tönnies.

Dass er öffentlich zum Sündenbock gemacht wurde, habe ihm „wehgetan“. Vor allem, weil „wir uns immer als ehrbare Kauflaufleute sehen“, so Clemens Tönnies. Die Arbeitsbedingungen der Werksarbeiter wolle er in Zukunft verbessern und schlägt einen Tarifvertrag für die komplette Branche vor. Um die grausamen Zustände in den Schlachtbetrieben, die auch Tönnies beliefern, ging es in dem Interview nicht.

Nach Horror-Video: Tönnies-Zulieferer droht härteste Strafe wegen Tierquälerei

Update vom 31. August, 14:52 Uhr: Rheda-Wiedenbrück – Gegen den Schweinemasthof in Rheda-Wiedenbrück ermittelt nun auch die Staatsanwaltschaft. Der Hintergrund: Im Juli geriet der Tönnies-Zuliefererbetrieb aufgrund eines Enthüllung-Videos durch das Deutsche Tierschutzbüro unter massive Kritik. Die Aufnahmen zeigen Szenen von Schweinen, die unter miserablen Umständen gehalten werden und unter schwerwiegenden Verletzungen leiden, 24hamburg.de berichtete im Juli bereits ausführlich über den Vorfall.

UnternehmenTönnies Holding
ZentraleRheda-Wiedenbrück
Mitarbeiterzahl9007 (2018)
RechtsformApS & Co. KG
Gründung1971
TochterunternehmenZur-Mühlen-Gruppe, Allgäu Fleisch GmbH, B & C Tönnies Rind Gmbh & Co. Kg, Tonnies Fleisch Italia Srl, Weidemark Fleischwaren Gmbh & Co. Kg, Heinz Tummel GmbH & Co. KG, Veracus GmbH, Tican A/S, C&K Meats, Riverway Foods Ltd, Tillman's Convenience Gmbh, Rudiger Thomsen Schlacht- und Zerlegebetriebe, Incarnava S.L.

Wie das Deutsche Tierschutzbüro bekannt gibt, haben auch das Veterinäramt Gütersloh und die Staatsanwaltschaft Bielefeld das Videomaterial gesichtet. „Entgegen der Behauptungen des Schweinemästers, stammen alle Aufnahmen aus dem Betrieb und sie sind auch nicht aus der sogenannten Krankenbucht entstanden“, betont Denise Weber, Pressesprecherin des Tierschutzbüros. Die Ermittlungen gegen den Schweinemasthof in Rheda-Wiedenbrück laufen.

Dem Betreiber droht laut Tierschutzgesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro. Der Schlachthof-Riese Tönnies, welcher Schweine von dem betroffenen Betrieb bezieht, zog bereits Konsequenzen aus dem Skandal und kündigte die Zusammenarbeit mit dem Masthof.

Ein kleines Ferkel mit blutigen und abgebissenen Ohren.
Grausame Bilder: Mehrere Schweine in einem Mastbetrieb in Rheda-Wiedenbrück weisen üble Verletzungen auf (Screenshot) © Deutsches Tierschutzbüro

Tönnies Skandal: Schwere Vorwürfe gegen Schlachthof-Zulieferer – Video offenbart erschreckende Szenen

Erstmeldung vom 23. Juli, 15:29 Uhr: Die Vorwürfe gegen den Schlachthof-Betreiber Tönnies werden nicht weniger. War der Fleisch-Riese bereits wegen Corona-Ausbrüchen und mangelhafter Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in die Kritik geraten*, so setzt sich die Reihe an Vorwürfen jetzt weiter fort. Ein Video aus einem Tönnies-Zuliefererbetrieb zeigt auf, aus welchen miserablen Umständen der Konzern die zu schlachtenden Tiere bezieht.

Dem Deutschen Tierschutzbüro wurden Aufnahmen zugespielt, die brutale Szenen aus einem Schweinebetrieb in Rheda-Wiedenbrück zeigen. Die Tierschützer machten das Video aus dem Tönnies-Zulieferer-Masthof daraufhin auf ihrer Homepage öffentlich. Erst im Juni deckten sie mit einer anderen Undercover-Recherche Missstände in einem norddeutschen Milchbetrieb auf*, 24hamburg.de* berichtete. Wie problembehaftet die Branche ist, beweisen auch die Probleme beim Tiertransport*.

Die Aufnahmen aus dem Schweine-Masthof, die nach Angaben des Deutschen Tierschutzbüros in der Nacht auf den 14. Juli 2020 entstanden sein sollen, sind nicht ohne. Viele der gezeigten Tiere weisen brutale Verletzungen auf: Schwänze und Ohren wurden blutig gebissen, ein Schwein leidet an einem stark hervorstehenden und blutigen Auge. Ein anderes Tier besitzt einen Abszess am Ohr, welcher in etwa der Größe eines Tennisballs entspricht.

Ein Schwein in einem stark verdreckten Maststall: Das Tier weist Kratzer auf und besitzt einen großen Abszess unter seinem Auge.
Verstörende Bilder aus einem Schweine-Masthof bei Rheda-Wiedenbrück: Dieses Tier besitzt einen Abszess in der Größe eines Tennisballs. (Screenshot) © Deutsches Tierschutzbüro

Außerdem zeigt das Video, in welcher beengten Situation die Schweine in dem Stall leben: die Tiere haben kaum Platz, sich frei zu bewegen. Rund 1.000 Schweine werden in der Anlage gehalten, so berichtetet das Deutsche Tierschutzbüro. Von einem „Schweinestau“ könne dort jedoch „nur bedingt die Rede sein, da besonders viele der Jungtiere Verletzungen aufweisen“. Der Landwirt habe bestätigt, „dass es in seinem Stall nicht zu einem Schweinestau gekommen ist“ oder noch kommen würde.

Deutsches Tierschutzbüro kritisiert Zustände in Tönnies-Zuliefererbetreib: Schweine mit „gravierenden Verletzungen“

Denise Weber, die Pressesprecherin beim Deutschen Tierschutzbüro ist, reagiert auf die Szenen aus dem Video geschockt und geht mit dem Betreiber des Masthofs hart ins Gericht: „Solche gravierenden Verletzungen und Entzündungen passieren nicht über Nacht, hier scheint der Mäster seiner Fürsorge und Verantwortung nicht nachgekommen zu sein“.

Auch an den mangelnden Hygienevorkehrungen übt Denise Weber harsche Kritik: Teilweise tritt aus den Spalten im Boden bereits Gülle hervor. Im Video ist auch erkennbar, dass viele Tiere mit Dreck überzogen sind und sich bereits massenweise Fliegen auf den Schweinen absetzen.

Zwei kleinere Schweine, die auf einem stark verdreckten Boden liegen und auf deren Körpern sich Fliegen abgesetzt haben.
Miserable Hygienezustände im betroffenen Schweinemasthof: Die Tiere sind teils mit Fliegen übersät. (Screenshot) © Deutsches Tierschutzbüro

Der Univ.-Prof Dr. Siegfried Ueberschär hat sich das Video nach Angaben des Deutschen Tierschutzbüros ebenfalls angeschaut und daraufhin ein Kurz-Gutachten erstellt. Der Experte rät zu dringendem Handeln und erklärt, dass in diesem Fall von „Tierquälerei“ gesprochen werden kann.

Wie das Deutsche Tierschutzbüro berichtet, hat der Schweinemast-Betreiber in einem Medienbericht und auf telefonische Nachfrage bestätigt, dass er seine Tiere an den Schlachthof-Giganten Tönnies liefert. Im Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück sollen zuletzt bis zu 30.000 Schweine am Tag geschlachtet worden sein.

Deutsches Tierschutzbüro erstattet Strafanzeige gegen Schweine-Masthof in Rheda-Wiedenbrück -Tönnies stellt Zusammenarbeit ein

Die Tierschützer reagierten auf die aufgedeckten Missstände, die das Video dokumentiert, bereits mit einer Strafanzeige gegen den betroffenen Schweinemast in Rheda-Wiedenbrück. Diese ging bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld ein. Wie Focus Online mitteilt, soll Tönnies die Zusammenarbeit mit dem Schweinemast nach Informationen des Deutschen Tierschutzbüros bereits beendet haben. 

Das Deutsche Tierschutzbüro hat außerdem das verantwortliche Veterinäramt und das Landwirtschaftsministerium in Düsseldorf über die Zustände im Mastbetrieb in Kenntnis gesetzt und dazu aufgefordert, Konsequenzen einzuleiten.

Deutsches Tierschutzbüro stellt Tönnies mit Video an den Pranger - Kritik an Fleischindustrie

Denise Weber erklärt, welches Zeichen das Deutsche Tierschutzbüro mit der Veröffentlichung des Videos setzen will: „Mit dieser Undercover-Recherche in einem Tönnies-Zulieferbetrieb wollen wir den Menschen aufzeigen, wie Schweine für die Schweinefleischproduktion gehalten und gequält werden. Tönnies beutet nicht nur Menschen, sondern vor allem auch Tiere aus“.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass man beim sogenannten ‚Metzger des Vertrauens‘, an der Fleischtheke im Supermarkt oder beim abgepackten Fleisch beim Discounter, Fleisch aus der Massentierhaltung erhält, liegt bei über 95%. So hoch ist der Anteil der Tiere, die in Deutschland in der Massentierhaltung leben und leiden müssen“, informiert die Sprecherin vom Deutschen Tierschutzbüro weiter.

Damit ist sie nicht die Einzige, die Kritik an der deutschen Fleischindustrie verlauten lässt. 24hamburg.de berichtete kürzlich über einen Ex-Metzer, der mit der Branche abrechnete und auspackte, welche fragwürdigen Zutaten wirklich in Billig-Wurst stecken. Udo Lindenberg engagiert sich gegen Billigfleisch*. Auch die Hamburger Youtuber von „Vegan ist Ungesundhinterfragen in ihren Videos immer wieder die Fleischindustrie. Gegen die Tönnies Holding selbst kam der Vorwurf auf, dass mit 15 neu gegründeten Tochtergesellschaften ein Gesetz zum Mitarbeiterschutz umgangen werden soll*. * 24hamburg.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

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