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„Wurde schon angespuckt“: Verkäufer sind wegen dreister Kunden „am Ende ihrer Kräfte“

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Von: Bona Hyun

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Verkäufer an ihren Grenzen: Kunden beleidigen, bedrohen und bespucken Angestellte im Einzelhandel. Diese stehen teilweise vor einem Burnout, kündigen den Job.

Hamburg – Verkäufer in Einzelhandelsgeschäften sind überlastet. Im Tagesgeschäft begegnen sie Kunden, von denen sie sich dreiste Beleidigungen anhören müssen. Besonders zu Corona-Zeiten und als Hamsterkäufe bei Aldi, Edeka und Rewe immer mehr zunahmen, erreichte die Belastungsgrenze ihren Höhepunkt. Bieten Verkäufer den Kunden ihre Hilfe an, kommen teilweise beleidigende Retouren. Das hinterlässt Spuren bei einigen Angestellten: Eine Lidl-Kundin rechnet mit Kunden ab, diese sind für sie die „letzten Asozialen“. Mitarbeiter kündigen oder stehen vor einem Burnout. 24hamburg.de hat Eindrücke von Verkäufern gesammelt, die von unverschämtem Kundenverhalten häufig an ihre Grenzen gebracht werden.

Multinationaler Einrichtungskonzern:IKEA
Gründer:Ingvar Kamprad
Gründung:28. Juli 1943, Älmhult, Schweden
Hauptsitz:Delft, Niederlande

Verkäufer sind wegen frecher Kunden überlastet – „Verbale Attacken gehören zur Tagesordnung“

Verkäufer im Einzelhandel erleben im Alltagsgeschäft teilweise absurdes Kundenverhalten. Die Angestellten werden beleidigt, bedroht, bespuckt – und das, obwohl sie einfach nur ihrer Arbeit nachgehen. In Supermärkten, an Tankstellen oder in Einkaufszentren haben Verkäufer mit unangenehmen Kundenbegegnungen zu kämpfen. „Massive verbale Attacken gehören zur Tagesordnung“, so Tankstellen-Verkäuferin Roswitha Leiß gegenüber „t-online.de“. Sie sei froh, wenn die „Deppen aus dem Verkaufsraum“ sind.

Eine Verkäuferin bedient eine Kundin an der Kasse
Verkäufer stoßen oft an ihre Grenzen – nicht selten werden Kunden ihnen gegenüber beleidigend. (Symbolbild/24hamburg.de-Montage) © ITAR-TASS/YAY Images/imago

Einem Ikea-Mitarbeiter geht es nach fünf Jahren in dem Möbelhaus ähnlich, auch er hält die Kunden einfach nicht mehr aus. Gründe für die Unzufriedenheit sind ihm zufolge oftmals die derzeitigen Lieferprobleme und damit einhergehende Engpässe von Waren. „Ich bin irgendwie mit allen fertig. Ich kann die Leute nicht mehr auf dieselbe Weise ansehen wie früher“, zitierte „businessinsider.de“ den Verkäufer. „Vielleicht wollen die Leute einfach nur verzweifelt ihre Produkte haben. Aber wenn etwas nicht vorrätig ist und die Leute wütend darüber sind, lassen sie es an uns aus – weil sie uns als minderwertig ansehen.“

Ein anonymer Auszubildender im Einzelhandel in der Fortbildung zum Handelsfachwirt berichtete der 24hamburg.de-Redaktion von seinen Erfahrungen bei Kaufland. Weil es beispielsweise Lieferengpässe bei Öl gab, wurde er mehrmals am Tag als „unfähig“ beschimpft. Eine Familie, die zwölf Flaschen Öl mitnehmen wollte, bezeichnete ihn sogar als Rassisten – weil er sie auf die Maximalabgabe hinwies. Sowas müsse man laut ihm irgendwann „ignorieren können“.

Verkäufer am „Ende ihrer Kräfte“ – Kunden bespucken und beleidigen die Angestellten

Verkäufer stellen zu Corona-Zeiten eine deutliche Zunahme solcher Vorfälle fest. Eine Umfrage der Gewerkschaft GPA aus dem Jahr 2021 ergab, dass Verkäufer „teilweise am Ende ihrer Kräfte“ sind. Das berichtete „Der Standard“. Wie auch im Corona-Hotspot Hamburg galt in den Supermärkten Edeka, Rewe, Aldi & Co Maskenpflicht. Damit kamen viele Kunden nicht zurecht. „Rbb24“ berichtete über Vorfälle, bei denen Verkäufer sich mit aggressiven Kunden anlegten, weil sie ihre Maske nicht aufsetzen wollten. Verkäufer, die auf Corona-Schutzmaßnahmen hinwiesen, wären daraufhin als „Nazis“ beschimpft worden.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie sei die Belastung besonders groß gewesen. Sicherheitskräfte mussten eingreifen, sobald die Situation mit Maskenverweigerern aus dem Ruder lief. „Angespuckt wurde er auch schon“, zitiert „t-online“ einen Ausschnitt einer vorliegenden Leser-Mail, in der eine Leserin über ihren Sohn berichtet, der für einen großen Supermarkt verantwortlich ist.

Immerhin: Ab heute, dem 30.04., entfällt die Maskenpflicht in Hamburg fast überall – ausgenommen sind öffentliche Verkehrsmittel sowie Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser. Dann müssen sich Verkäufer zumindest nicht mehr mit Maskenverweigerern rumschlagen.

„Stand vor einem Burnout“: Verkäufer kündigen wegen unfreundlichen Kunden

Die Belastungsgrenze ist dennoch bei vielen Verkäufern erreicht. Wie auch der Ikea-Mitarbeiter können einige Angestellten nach der negativen Berufserfahrung einfach keine Menschen mehr sehen. In einer Leser-Mail an „t-online“ schrieb eine Verkäuferin, dass sie aufgrund des hohen Drucks und der Corona-Situation sogar vor einem Burnout stand. Beleidigungen wie „Ich hoffe, ich muss deine Visage nicht mehr lange hier ertragen“ und Drohungen brachten das Fass zum Überlaufen. Die verzweifelte Verkäuferin wurde von ihrer ehemaligen Marktleitung aber nur mit den Worten „Der Kunde ist König“ vertröstet. Daraufhin reichte sie ihre Kündigung ein.

Verkäufer im Einzelhandel überlastet – auch aufgrund der Arbeitsbedingungen

Werner Hackl, stellvertretender Vorsitzender des GPA-Wirtschaftsbereiches Handel, verweist ebenfalls auf die hohe Belastung der Verkäufer, unter anderem durch Mehrarbeit und kurzfristige Dienstplanänderungen. Keiner rede mehr über die Arbeitsbedingungen, äußerte auch die Vorsitzende des GPA-Wirtschaftsbereiches Handel, Sabine Eiblmaier, laut „derstandard.de“.

In erster Linie sollten sich aber wohl die Kunden an die eigene Nase greifen und ihre Unzufriedenheit nicht an den Verkäufern auslassen. Diese können nämlich mit Sicherheit nichts für die Lieferengpässe und Warenknappheit im Einzelhandel.

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