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Wegen Klimawandel: Bauer verklagt VW – „zerstören unsere Lebensgrundlage“

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Von: Yannick Hanke

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Ein Bio-Bauer sieht VW als zweitgrößten Autokonzern der Welt verantwortlich für den Klimawandel. Der bedrohe seinen Hof – der Landwirt klagt gegen VW.

Detmold/Wolfsburg – Diese Auseinandersetzung vor Gericht gleicht dem biblischen Kampf zwischen David und Goliath. Auf der einen Seite: Bio-Bauer Ulf Allhoff-Cramer aus dem Kreis Lippe in Ostwestfalen. Auf der anderen Seite: der Automobilhersteller Volkswagen (VW) mit Hauptsitz in Niedersachsen. Klein gegen Groß, Privatperson gegen milliardenschweren Konzern. Allhoff-Cramer sieht die Existenz seines Hofes bedroht und will VW verklagen. Der Weltkonzern soll im Grunde zu mehr Klimaschutz gezwungen werden. Ob das gelingt?

Bio-Bauer verklagt Automobilkonzern Volkswagen (VW) – weil er seinen Hof bedroht sieht

„Unser Hof leidet unter Dürre, Hitze und Starkregen“, heißt es von Allhoff-Cramer gegenüber dem „Tagesspiegel“. Die globale Klimakrise macht auch vor seinem landwirtschaftlichen Betrieb keinen Halt. Der 61-Jährige spricht von Missernten, das Geschäft läuft nicht mehr so gut. Während sich seine Fleischrinder und deren Kälbchen früher noch von dem Gras ernähren konnten, das auf seinem Land wächst, muss der Bio-Bauer mittlerweile Futter für seine Tiere kaufen. Denn das Gras verdorrt durch extreme Hitzewellen.

Links ist der Bio-Bauer Ulf Allhoff-Cramer platziert. Daneben das Logo vom Automobilkonzern Volkswagen (VW).
Bio-Bauer Ulf Allhoff-Cramer reicht es. Er sieht die Existenz seines Hofes bedroht und klagt gegen Volkswagen (VW). Den Automobilkonzern will der Landwirt zu mehr Klimaschutz zwingen. (kreiszeitung.de-Montage) © Lino Mirgeler/dpa

Seinen Wald nennt Allhoff-Cramer liebevoll „die Sparkasse des Bauern“. Doch auch hier sieht es nicht viel besser aus. Die Fichten werden immer wieder zum Opfer vom Borkenkäfer, dem Hitze und Dürre in die Karten spielen. Seinen Bio-Hof will der Landwirt 2023 eigentlich an seinen Sohn übergeben. Doch hat sein Hof überhaupt noch so lange Bestand?

Volkswagen mit Forderungen konfrontiert: Keine Verbrenner mehr verkaufen, CO₂-Emissionen reduzieren

Aussagen wie „Unser Hof ist bedroht“ sprechen Bände. Hierfür macht der Ostwestfale aber nicht nur die Politik verantwortlich. Ulf Allhoff-Cramer sieht auch die Industrie, allen voran die Automobilhersteller, in der Schuld. Diese würden mehr Treibhausgase in die Atmosphäre jagen als die Erde überhaupt vertragen kann. Ein Problem, das seit Jahrzehnten besteht, dem sich aber noch nicht konsequent (genug) angenommen wurde.

Sie sind dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

Bio-Bauer Ulf Allhoff-Cramer schimpft über die Klimaunfreundlichkeit der Automobilhersteller

Doch der Landwirt will nicht länger untätig herumsitzen. Nein, viel lieber ergreift er die Initiative und klagt gegen VW. Seine Forderungen macht Allhoff-Cramer unmissverständlich klar: Der zweitgrößte Autobauer der Welt soll den Anteil seiner Pkw mit Verbrennungsmotoren sofort auf höchstens 25 Prozent senken. Schon ab 2030 soll VW gar keine Verbrenner mehr verkaufen. Und bis zum selben Jahr soll der Konzern seine CO₂-Emissionen um 65 Prozent gegenüber 2018 senken. Gesagt, aber noch nicht getan.

Geplagter Landwirt will VW zu mehr Klimaschutz zwingen – Unterstützung von Greenpeace

Insgesamt 128 Seiten umfasst die Klageschrift, mit der sich das Landgericht Detmold beschäftigen muss. Das Zivilgericht liegt dem Bio-Hof vom Landwirt am nächsten. Die erste mündliche Verhandlung hat bereits stattgefunden – und damit Rechtsgeschichte geschrieben.

Es ist die weltweit erste Klimaklage gegen einen Autokonzern.

Roda Verheyen, Anwältin von Bio-Bauer Allhoff-Cramer, über dessen Klage gegen VW

In seinem Feldzug für Gerechtigkeit steht der David aus Ostwestfalen aber nicht allein auf weiter Flur. Unterstützung erhält der Bio-Bauer von der Non-Profit-Organisation Greenpeace. Der Prozess von Ulf Allhoff-Cramer stellt aber nicht das einzige Verfahren dieser Art dar. Parallel zum Prozess in Detmold laufen nämlich auch Klagen von Greenpeace-Managern und -Aktivisten gegen VW in Braunschweig. Zudem verklagt die Deutsche Umwelthilfe BMW, Mercedes sowie Wintershell Dea, einen Gas- und Ölproduzenten aus Deutschland.

Bio-Bauer soll in seinem Grundrecht auf Freiheit verletzt sein

Für Allhoff-Cramers Anwältin steht fest: „Wir sind mitten in der Klimakrise“. Die Probleme, mit denen sich der Bio-Bauer konfrontiert sieht, seien laut Roda Verheyen „das neue Normal“. Diese vermeintliche Normalität will der Ostwestfale aber nicht akzeptieren. Schließlich geht es auch um seine Existenz. Und um die von seinem Hof und seinem Wald. „Ganz, ganz schlimm“, bringt er die Lage auf die Punkt.

Hier, hinsichtlich des Eigentumsrechts, aber auch in seinem Grundrecht auf Freiheit sei der Bio-Bauer verletzt. Hinzu komme eine Verletzung des „Rechts auf Erhalt treibhausbezogener Freiheit“. Ebenfalls ein Grundrecht, dass VW durch übermäßige Emissionen unzulässigerweise aufzehren würde.

VW stößt Millionen Tonnen an CO₂ aus – erfolgreiche Klage könnte das verhindern

Die Anwältin des Bio-Bauern verweist auf 2018, als der VW-Konzern 582 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen ausgestoßen habe. Das würde den jährlichen Emissionen eines ganzen Kontinents entsprechen – nämlich denen von Australien. Sollte Ulf Allhoff-Cramer mit seiner Klage gegen Volkswagen Erfolg haben, würde das zu einer Einsparung von zwei Milliarden Tonnen CO₂ führen.

Laut Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan entspräche dies einem Drittel des verbleibenden CO₂-Budgets für Deutschland. Doch entstehen 80 Prozent der 582 Millionen Tonnen an CO₂-Emissionen von VW dadurch, dass die Käufer ihre Wagen wie Golf oder Seat fahren. Kann das letztendlich Volkswagen angekreidet werden – und hätte vor allem vor Gericht Bestand?

Volkswagen lehnt Klage vom Bio-Bauern ab – da man sich zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht

Fast schon erwartbar hat der Automobilkonzern die Klage vom Bio-Bauern aus Ostwestfalen abgelehnt. Man sehe sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Schließlich seien Verbrenner in der Europäischen Union (EU) immerhin bis 2035 erlaubt. Zudem stagniert die E-Auto-Produktion unter anderem wegen Rohstoffmangels enorm – bei VW selbst sind die meisten E-Autos darum bis 2023 ausverkauft. Wegen der langen Wartezeiten, geht E-Auto-Käufern wohl auch die Kaufprämie flöten, was die Nachfrage deutlich senken könnte. Kann ein Gericht das ignorieren? Natürlich nicht – findet VW.

Es ist Aufgabe des demokratisch gewählten Gesetzgebers, den Klimaschutz mit seinen weitreichenden Auswirkungen zu gestalten.

Der Automobilkonzern Volkswagen (VW) in einer Pressemitteilung vom Freitag, 20. Mai 2022

Der Goliath aus Wolfsburg, der nach einem Geschäftsbericht allein für 2021 auf einen Umsatz von 250 Milliarden Euro zurückschauen kann, wähnt sich im Recht. Nicht recht sein wird das dem Trio Allhoff-Cramer, Verheyen und Greenpeace. Sie betreten mit ihrer Klage Neuland, um kein Brachland in Ostwestfalen vorfinden zu müssen. Einen Präzedenzfall schuf gerade erst ein E-Auto-Fahrer der wegen „Reichweitenlüge“ gegen einen VW-Händler klagte und Recht bekam. Der Mann zog vors Gericht, weil sein Auto nicht die versprochene Reichweite schaffte – und der Händler musste zahlen.

VW wird von Landwirt verklagt: Zivilgericht vertagt Prozess

Was aber macht die Klage des Bio-Bauern gegen VW überhaupt zum Novum? Bisherige Verfahren, die auf mehr Klimaschutz in hiesigen Gefilden abzielten, richteten sich vor allem gegen den Staat, der entweder ambitioniertere Emissionseinsparungen vorgeben oder aber Fahrverbote verhängen sollte. Unternehmen wie Volkswagen blieben von solchen Klagen bisher weitgehend verschont.

Ein schnelles Urteil ist demnach nicht zu erwarten. Die zuständigen Richter in Detmold hatten sich bereits auf Freitag, 9. September 2022, vertagt. Das hat Gründe. „Wir müssen nochmal klarstellen, dass VW die klimabedingten Schäden meines Mandanten mitverursacht hat, und dass nur ein Paris kompatibler Reduktionspfad die Beeinträchtigung beseitigen kann“, heißt es von Anwältin Verheyen.

VW vor Klage wegen Klimasünden: Bio-Bauer will Volkswagen Einhalt gebieten

Eines steht bereits jetzt fest: Für Volkswagen, noch immer geplagt von den nicht zuletzt medialen Nachwehen des Dieselskandals, ist der in Gang gesetzte Prozess äußerst unangenehm. Schließlich setzt VW verstärkt auf Elektromobilität und will sich ein klimafreundlicheres Image geben. Und auch zu anderen Alternativen zum klassischen Verbrenner sorgt der Autohersteller für Furore: Mit einem Patent treibt VW treibt das Wasserstoff-Auto voran: 2.000 Kilometer mit einer Tankfüllung sollen damit möglich sein. Man würde die entsprechende Transformation hin zu weniger CO₂-Emissionen bereits mit „Hochdruck“ vorantreiben, heißt es seitens VW. „Aber die Realität ist deutlich komplexer als Greenpeace vermittelt“, sagt Ralph Pfitzner, bei VW für Nachhaltigkeit zuständig.

David gegen Goliath: Landwirt gegen Volkswagen – „Auf zerstörten Planeten kann auch VW keine Geschäfte mehr machen“

Bio-Bauer Allhoff-Cramer sieht das anders. Seiner Ansicht nach würde sich VW sein eigenes Grab schaufeln, wenn die Erderwärmung letztendlich wegen zu hoher Treibhausgas-Emissionen die Schwelle überschreitet, an welcher der Prozess noch umkehrbar wäre. „Auf einem zerstörten Planeten würde auch Volkswagen keine guten Geschäfte mehr machen können“, hält der David aus Ostwestfalen fest. Dem sollte auch der milliardenschwere Goliath nicht widersprechen können.

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