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Volksfestbuden zu „sexistisch“: Schausteller sollen Nackte übermalen

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Von: Yannick Hanke

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Schausteller beim Stuttgarter Frühlingsfest sehen sich mit Sexismusvorwürfen konfrontiert. Die Grünen stießen die Diskussion an, nun gibt es Konsequenzen.

Stuttgart – Die Stuttgarter Grüne hat eine Sexismusdebatte losgetreten. Der Anlass: Bilder und Statuen auf dem Frühlingsfest der Stadt, die „problematisch“ seien. Das betrifft nicht zuletzt den Stand „Märchen aus 1001 Nacht“ von Schaustellerin Sabine Ernst. Ihre Frühlingsfest-Bude zeigt eine Statue mit nackten Brüsten. Zu viel für die Grünen, die eine Diskussion darüber in Gang gesetzt haben, ob die Darstellungen auf dem Stuttgarter Frühlingsfest sexistisch oder diskriminierend sind.

Sexismus-Vorwurf gegen Volksfestbuden: Schausteller wegen Frauendarstellungen in Kritik

Die Kritik der Grünen könne sie „nicht teilen“, so Ernst gegenüber dem SWR. Die Bemalung ihres Standes sei ihrer Ansicht nach weder diskriminierend noch sexistisch, sondern vielmehr „schön im orientalischen Ambiente“. Und doch lässt Ernst ihre Statue nun ändern. Schließlich möchte die Schaustellerin nicht, dass das Fest wegen solcher Abbildungen einen schlechten Ruf erleidet und nicht mehr als familienfreundlich gilt.

Gemalte Darstellung einer Bauchtänzerin aus dem arabischen Raum auf einer Schaustellerbude auf dem Stuttgarter Frühlingsmarkt.
Stein des Anstoßes: Die Darstellung einer Bauchtänzerin auf einer Schaustellerbude auf dem Stuttgarter Frühlingsmarkt. Die „Grünen“ haben eine Sexismusdebatte entfacht. © Bernd Weißbrod/dpa

Seximusvorwurf: Schausteller geben nach und gestalten Darstellungen an Buden um

Die Statue soll nun bemalt oder überklebt werden, „ganz anziehen“ werde sie die leicht bekleidete Dame aber nicht. Die Stadt Stuttgart hat bereits auf die Vorwürfe der Grünen-Stadtratsfraktion reagiert, so der SWR. Im nächsten Schritt solle der Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen beteiligt werden. Dann werde entschieden, ob die Gestaltung von den Geschäften durch die Politik reguliert werden muss. Ein ähnliches Aufreger-Thema stellt eine Gender-Debatte dar, bei der Kinder nicht mehr „Mama“ oder „Papa“ sagen sollen – sondern nur noch von „Erwachsenen“ sprechen sollen.

„Sexistische Darstellungen auf dem Frühlingsfest“: Grüne kritisieren Buden der Schausteller

Die Kulissen des traditionsreichen Frühlingsfestes in Bad Cannstatt, einem Stadtbezirk von Stuttgart, machen also negative Schlagzeilen, wie es wohl nur wenige für möglich gehalten hätten. Wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet, hätte sich Maria Tramountani, sachkundiges Mitglied des Gremiums, bei einer Sitzung des Internationalen Ausschusses gemeldet und „sexistische Darstellungen auf dem Frühlingsfest“ moniert.

Schaustellerbude auf dem Stuttgarter Frühlingsfest, die verschiedene Szenen und Personen zeigt, darunter leicht bekleidete Frauen.
Auf den Ständen des Stuttgarter Frühlingsfestes sind Abbildungen zu sehen, die nach Ansicht der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat diskriminierend und sexistisch sind. © Bernd Weißbrod/dpa

Sie prangerte an, dass „nackte Frauen und orientalisierte Frauen“ an den Buden der Schausteller zu sehen seien. Das sei schon seit 2020 verboten. Das Pikante: Die Beschwerde sei Grünen-Stadträtin Jitka Sklenářová bereits bekannt gewesen. Schon die Kulisse eines bayerischen Standes hätte in der Vergangenheit Aufmerksamkeit erregt.

Darstellung einer Bauchtänzerin an Volksfestbude in der Kritik – „nackte und orientalisierte Frau“

Darauf zu sehen: eine naiv-reißerische, derbe Darstellung einer Fensterl-Szene sowie ein Voyeur, der sich daran erfreut, dass ein Huftier einer Frau die Kleider vom Leib reißt. Auch die Darstellung einer Blondine in aufreizender Pose wurde thematisiert. Die gemalte arabische Tänzerin, eine Bauchtänzerin, wollte der CDU-Stadtrat Ioannis Sakkaros jedoch in der Sitzung nicht als „orientalisierte Frau“ verteufelt sehen:

Bauchtanz hat ja eine gewisse Kultur. Sich also über eine orientalische Tänzerin, die bauchfrei dargestellt wird, zu beschweren, halte ich für übertrieben.

CDU-Stadtrat Ioannis Sakkaros gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“

Dennoch: Die Grünen beantragten „die sofortige Entfernung aller diskriminierenden Abbildungen an den Ständen des Stuttgarter Frühlingsfests“. Wie die „Stuttgarter Zeitung“ schreibt, könne dieser Antrag noch eine ganz andere Diskussion entfachen. Und zwar die darüber, ob Kulissen, die eigentlich schon in den 60er-Jahren gegen den guten Geschmack verstoßen hätten, heute noch tragbar sind. Dies wird auch Menschen wie Comedian Jürgen von der Lippe vorgeworfen, der gegen das Gendern ätzt.

Veranstaltungsplaner „in.Stuttgart“ sucht Dialog mit an den Pranger gestellten Schaustellern

Wie es weitergehen soll? Andreas Kroll, Geschäftsführer vom Veranstaltungsplaner „in.Stuttgart“, will nun die Stadträte des Wirtschaftsausschusses über das Stuttgarter Frühlingsfest führen. Dabei soll das heikle Thema mit all seinen Facetten angesprochen werden. Mit den betroffenen Schaustellern wolle man in Kontakt treten, ein Dialog müsse her.

Ergebnis des ersten Treffens: Sexistisch dargestellte Frauen werden „übermalt“

Laut Mark Roschmann vom Schaustellerverband Südwest Stuttgart gab es bereits ein Treffen. Dabei sei es explizit um die Darstellung von drei leicht bekleideten Frauen gegangen, deren Blusen oder Büstenhalter offen seien. Der Kompromiss: Eine der Damen erhält nun eine geschlossene Bluse, bei einer anderen Frau wird der BH geschlossen.

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper rät in Sexismusdebatte „zur Gelassenheit, zu Maß und Mitte“

Die große Frage ist nun: Wie fasst man mögliche Änderungen in ein Regelwerk, das vor Gericht standhält? Laut Veranstaltungsplaner Kroll müsse man bedenken, dass die Schausteller nach fast zwei Jahren Corona-bedingtem Verdienstausfall kaum finanziellen Spielraum haben, um ihre Geschäfte schnell umgestalten zu lassen. Darauf verweist auch Roschmann: „Das fängt im mittleren fünfstelligen Bereich an“, erklärte er „spiegel.de“ gegenüber. Für Diskussionen hat auch das Outfit der Disney-Figur Minnie Mouse gesorgt, die sich von ihrem Kleid trennen musste.

Mark Roschmann, Vorsitzender des Stuttgarter Schaustellerverbandes, und Stadträtin Jitka Sklenarova (Grüne), diskutieren auf dem Frühlingsfest in Stuttgart.
Haben sich über die Sexismusdebatte in Bezug auf das Stuttgarter Frühlingsfest ausgetauscht: Mark Roschmann, Vorsitzender des Stuttgarter Schaustellerverbandes, und Stadträtin Jitka Sklenarova (Grüne). © Christoph Schmidt/dpa

Inzwischen hat sich auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper geäußert. Auf der Homepage der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg rät Nopper „zur Gelassenheit, zu Maß und Mitte sowie zur Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist“. Er wolle nicht, dass der Gemeinderat zur „Zensurbehörde“ verkommt und weist ebenfalls auf den „wirtschaftlichen Überlebenskampf“ der Schausteller hin.

Sexismus-Debatte wegen Stuttgarter Frühlingsfest neu entfacht – schon 2020 Diskussion wegen Werbeplakaten

Eine Sexismusdebatte, wie sie die Stuttgarter Grünen losgetreten haben, gab es in Stuttgart zuletzt 2020. Damals standen Werbeplakate für das Volksfest im Zentrum der Diskussion. Die Grünen und die Fraktion verlangten, dass Werbung, in der Menschen wegen ihres Geschlechts, aufgrund ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauung, ihres Alters, ihrer Behinderung, ihrer Herkunft, ihrer Sprache oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe diskriminiert werden, keinen Platz mehr auf städtischen Flächen und Veranstaltungen haben soll.

Für solche Anfeindungen solle und darf in keiner Gesellschaft ein Platz sein. Ein Aufruf zur Inklusion, die in jüngster Zeit schon skurrile Blüten getrieben hat – wie die Forderung von Studenten, die auch für Herrenklos in der Universität kostenlose Menstruationsprodukte fordern oder Sexismus-Vorwürfen für M&Ms wegen neuer Maskottchen.

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