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„Türkischer Vater verheiratet Tochter“: Rassistische Schulaufgabe entsetzt

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Von: Ulrike Hagen

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„Türkischer Vater verheiratet Tochter“: So beginnt eine Schulaufgabe, die nun Shitstorm an einer Schule in NRW auslöst. Eltern laufen Sturm.

Siegburg – Klassenzimmer sind 2022 divers wie nie; annähernd ein Drittel aller Männer, Frauen und Kinder in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Lehrinhalte spiegeln diese Tatsache wider, und unterrichten Kinder in Toleranz, Akzeptanz und der Freude an Vielfalt – unabhängig von Glauben, Geschlechteridentität, Hautfarbe oder Herkunft. So sollte man meinen. Dennoch findet sich in einem aktuellen Schulbuch eine Aufgabe, die wie auch Jim Knopf, Barbie und Pipi Langstrumpf – stereotype rassistische und Gender-Klischees* bedient. Der skandalöse Text, der Schülern einer Siegburger Schule in Nordrhein-Westfalen vorgelegt wurde, geht viral und hinterlässt Eltern fassungslos.

Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen:Siegburg
Fläche:23,47 km²
Einwohner:41.561
Bürgermeister:Stefan Rosemann (SPD)
Regierungsbezirk:\tKöln

„Türkischer Vater verheiratet Tochter“: Rassistische Aufgabe im Schulunterricht empört Eltern

Und so lautet die Aufgabe, die den Schülern ausgerechnet im Ethikunterricht am Gymnasium Alleestraße gestellt wurde: „Ein türkischer Familienvater in Deutschland verheiratet seine Tochter ohne deren Einverständnis mit dem Sohn seines Bruders, um diesem eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland und damit eine Existenz zu sichern. Besprich die Situation mit deiner/m Tischnachbarin/Tischnachbarn. Welche Konflikte seht ihr darin?“, heißt es darin. Der Vorfall lässt einen deutlich bittereres Gschmäckle zurück als schnödes Burger-Essen, das von einer Veganer-Aktivistin gerade tatsächlich als rassistisch bezeichnet wurde. Legt sie doch nicht nur Zwangsverheiratung als „türkischen Standard“ nahe – sondern auch noch eine Beziehung zwischen Cousin und Cousine.

Foto der Original-Aufgabe mit dem Text: „Ein türkischer Familienvater in Deutschland verheiratet seine Tochter ohne deren Einverständnis mit dem Sohn seines Bruders, um diesem eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland und damit eine Existenz zu sichern. Besprich die Situation mit deiner/m Tischnachbarin/Tischnachbarn. Welche Konflikte seht ihr darin?“
„Türkischer Vater verheiratet Tochter“ – Skandal-Aufgabe sorgt für Shitstorm an Schule in NRW. Ein Anwalt stellte den Text ins Internet. © Facebook / Fatih Zingal

Rassistische Aufgabenstellung verunsichert Schüler – und ruft Anwalt auf den Plan

Laut „Express.de“ reagierten die betroffenen Schüler, die wie in Hamburg mit der Corona-Situation und hohen Ansteckungszahlen an den Schulen kämpfen, mit Verunsicherung auf den unverblümt vorurteilsbefrachteten Wortlaut der Fragestellung. Auch die Eltern sind bestürzt. Die Arbeitsaufgabe wird wenig später an den Solinger Rechtsanwalt Fatih Zingal weitergespielt, der daraufhin auch im Namen der Föderation Türkischer Elternvereine NRW (FÖTEV) in einem offenen Brief die NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer anschreibt und um Stellungnahme bittet. Das Schreiben blieb bislang unbeantwortet.

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Schule der Skandal-Aufgabe gewann gerade erst den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Das Pikante an der Sache: Die Schule, die auf ungute Art und Weise von sich reden macht – zwar nicht als Urheberin, aber eben als Nutzerin der fragwürdigen Textpassage –, gewann gerade erst im letzten Jahr den zweiten Preis des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten der Körber-Stiftung. Auf der Instagram-Seite des Gymnasium Alleestraße findet sich inzwischen ein klares Statement zu dem Vorfall: „Heute fegte ein Shitstorm über unsere Schule, der uns sehr getroffen hat. Uns wurde Rassismus und Diskriminierung vorgeworfen“, heißt es dort.

Und weiter: „Es konnte der Eindruck entstehen, hier würden Stereotypen bewusst gegen eine Minderheit eingesetzt. Dies ist nicht der Fall, und es wird auch niemals der Fall sein. Dennoch entschuldigen wir uns bei allen, die sich dadurch verletzt fühlen könnten“.

Instagram-Post des Siegburger Gymnasiums Alleestraße: Schule ohne Rassismus - Das Gymnasium Siegburg Alleestraße sagt Sorry“.
Auf der Instagram-Seite der Schule findet sich inzwischen ein klares Statement zu dem Vorfall: „Wir sagen sorry“. © Instagram / gymnasiumalleestrasse

Gymnasium entschuldigt sich kleinlaut nach Shitstorm wegen rassistischer Schulaufgabe: „Wir sagen sorry“

Das Gymnasium Siegburg Alleestraße sei seit fast 20 Jahren Mitglied von „Schule ohne Rassismus“, und nehme das als Auftrag und Verpflichtung ernst: „Wir sind eine offene, tolerante und internationale Schule. Das wird so bleiben. Sollte sich jemand wegen seiner Herkunft, sexuellen Orientierung oder Zugehörigkeit zu einer Minderheit benachteiligt oder ungerecht behandelt fühlen: Wir sind da, und wir werden gemeinsam dagegen kämpfen. Immer und für jeden.“ *24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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