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„War kurz vorm Heulen“: Kurztrip mit E-Auto wird für Familie zur Odyssee

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Von: Anika Zuschke

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Eine junge Mutter und ihr Sohn kommen im E-Auto nur mit Not von Zingst nach Berlin. Bei Kälte hat der BMW i3 kaum Reichweite, Ladesäulen sind Mangelware.

Berlin – Elektromobilität nimmt in Deutschland immer weiter an Fahrt auf. Einer Umfrage zufolge erwägt jeder zweite Deutsche, sich als nächsten Wagen ein E-Auto zuzulegen. Für das Klima ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung – doch kann die Infrastruktur von Ladestationen nicht mit der wachsenden Zahl an Elektroautos auf den Straßen mithalten. Eine junge Mutter musste das auf einer Fahrt von Berlin an die Ostsee mit ihrem BMW i3 am eigenen Leib erfahren. Auf der Chaos-Fahrt mit ihrem Elektroauto ging so viel schief, dass sie gen Ende „kurz vorm Heulen“ war, erzählt sie gegenüber „Business Insider“.

Automobilhersteller:BMW
Hauptsitz:München
Umsatz:98,99 Milliarden EUR (2020)
Eigentümer:Susanne Klatten, Stefan Quandt

200 Kilometer mit E-Auto werden für Familie zur ewigen Irrfahrt: Kälte und kaum Ladestationen

Theresa Hümmer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag, ist gelernte Wirtschaftsingenieurin und junge Mutter. Vor rund drei Jahren hat sie sich für ihr Leben in Berlin einen gebrauchten BMW i3 zugelegt, das E-Auto nutzt sie seitdem aber hauptsächlich in der City „Wir fahren ihn eigentlich nur in der Stadt und da ist er natürlich super, weil die Batterie ewig hält“, erzählt Hümmer in einem Gespräch mit „Business Insider“ und fährt fort: „In der Stadt verbraucht er gefühlt gar nichts, in Berlin fährt man aber ja eh auch nicht so viele Kilometer.“

Im BMW i3 sieben Stunden von Zingst nach Berlin: Laden von E-Autos außerhalb der Stadt fast unmöglich

Aufgrund der ausgebauten Ladeinfrastruktur sei das Aufladen des Kleinwagens in der Innenstadt auch überhaupt kein Problem. Doch sobald man den städtischen Raum der Hauptstadt verlässt, sieht das auf einmal ganz anders aus. Das fiel Hümmer auf einer etwa 200 Kilometer langen Strecke zwischen Berlin und Zingst an der Ostsee schmerzlich auf. Auf der Hinfahrt gab es zunächst aber noch anderweitige Probleme mit der Reichweite: Die Außentemperaturen lagen zu Beginn der Fahrt um den Gefrierpunkt und dass E-Autos bei Kälte eine verringerte Reichweite aufweisen, zeigte bereits die Deutsche Post – die musste ihre teuren E-Transporter nämlich wieder abziehen, weil sie sich bei Kälte als zu schwach herausstellten.

„Normalerweise hat das Auto eine Reichweite von etwa 250 Kilometern. Nachdem ich losgefahren bin, waren es dann plötzlich nur noch 150. Bei den Temperaturen hatte ich eh schon Zweifel, ob das auf der Autobahn etwas wird“, erklärt die junge Frau dem „Business Insider“. Am Ende des Tages erreichten die Mutter und ihr Sohn trotz allem ihr Ziel – aber auch nur, weil der BMW i3 über einen sogenannten „Range Extender“ verfügt. Der kleine Zweizylindermotor wird mit Benzin betrieben und dient während der Fahrt als Generator für die Batterie. Die kleine Familie kam also nur aufgrund von zwei Tankstopps und mit leerer Batterie in Zingst an. Tatsächlich gibt es bei eisiger Kälte fünf Tipps für E-Autos, an die man sich für mehr Reichweite im Winter* halten kann.

Wenn das Elektroauto wirklich die Zukunft sein soll, dann muss man auch die dafür nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Theresa Hümmer

Zu wenige Lademöglichkeiten in ländlichen Gebieten – junge Mutter muss sich auf Notfall-Tank verlassen

Die Rückfahrt sollte sich wenige Tage später aber als noch chaotischer herausstellen, denn in der Umgebung von Zingst eine freie Lademöglichkeit für E-Autos zu finden, schien quasi unmöglich. Das Problem kennen viele, die im ländlichen Bereich erst ein E-Auto anschaffen und dann weit und breit keine Lade-Option finden*. „Ich bin unter Einsatz des Range Extenders die Küste abgefahren und hab parallel auf Google Maps nach Ladesäulen Ausschau gehalten. In Zingst gab es zwei, die jedoch beide belegt waren. In Rostock und an der Ostsee gab es viele, diese waren aber entweder ebenfalls besetzt oder sie befanden sich auf einem Privatgelände und waren nicht öffentlich zugänglich“, berichtet Hümmer gegenüber „Business Insider“.

In Rostock wurde die wissenschaftliche Mitarbeiterin schließlich fündig und konnte ihr E-Auto für etwa 30 Minuten an einer freien Ladesäule anschließen. Doch auch das klappte nicht wie erwartet, denn am Ende dieser halben Stunde ergab das Laden nur etwa 10 Kilometer Reichweite. Daraufhin beschloss Hümmer, sich auf gut Glück mit ihrem Notfall-Tank auf den Rückweg nach Berlin zu begeben.

Ein E-Auto bei der Ladestation und eine verzweifelte Frau am Steuer
Eine junge Mutter berichtet von einer nervenaufreibenden Chaos-Fahrt in ihrem E-Auto. (kreiszeitung.de-Montage) ©  Sven Simon/imago

Sieben Stunden im BMW i3 für 200 Kilometer – „Ich war kurz vorm Heulen“

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin sei auf der Autobahn nur etwa 120 km/h gefahren, weil die Batterie schon so gut wie leer gewesen ist, erzählt sie im Nachhinein und fährt gegenüber „Business Insider“ fort: „Dann wurde mir angezeigt, dass die nächste Tankstelle 20 Kilometer entfernt ist. Mein Range Extender hat mir währenddessen eine Restreichweite von ebenfalls 20 Kilometern angezeigt und der Strom reichte noch für 15 Kilometer. Da wir uns auch noch in einem Schneesturm befanden, habe ich echt zu Schwitzen angefangen. Ich war kurz vorm Heulen“, schließt Theresa Hümmer ihre nervenaufreibende Erfahrung.

Ihre Rettung sei etwa hundert Kilometer von Berlin eine Schnellladesäule auf einem Rastplatz gewesen, an der sie ihren BMW i3 für das letzte Stück nach Hause aufladen konnte. Sieben Stunden nach ihrer Abfahrt erreichte die Familie schließlich erschöpft ihr Zuhause in Berlin – nach einer Strecke, für die man normalerweise etwa drei Stunden braucht. Für ihren zusätzlichen Benzinmotor ist die junge Mutter an der Stelle extrem dankbar gewesen.

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Notfall-Tank im E-Auto hat Familie im Schneesturm gerettet – Lade-Infrastruktur katastrophal

„Wir Deutschen wollen ja immer ein bisschen Sicherheit. Also ich finde den Range Extender daher super, weil man sich im Notfall wirklich auf die 10 Liter-Reserve verlassen kann“, erklärt die Wirtschaftsingenieurin gegenüber „Business Insider“. Zusätzlich störe sie die Beschaffenheit der Ladepunkte. Nach dieser Horrorfahrt ist das ein nachvollziehbarer Kritikpunkt. Tatsächlich kommt Daten des Verbands Deutscher Automobilindustrie (VDA) zufolge aktuell auf 21 Elektroautos nur eine Ladesäule*. Aus dem Grund fordert der Automobilverband jetzt 2.000 neue Ladestationen für Elektroautos – pro Woche.

An den raren Ladestationen wird laut Hümmer dann weder ein gastronomisches Angebot zur Verfügung gestellt, noch ein Dach über dem Kopf geboten. „Es herrschte ein totaler Schneesturm. Selbst wenn wir eine Ladesäule gefunden hätten, an der wir rund drei Stunden hätten laden müssen. Was macht man denn da in der Zwischenzeit? Setzt man sich einfach ins Auto und wartet?“, kritisiert die junge Mutter im Interview mit „Business Insider“. Tatsächlich ist das auch nicht immer die beste Option, da es bereits zu einigen Erfahrungsberichten mit E-Autos gekommen ist, in denen im Winter die Heizung ausgefallen ist: Eine Familie ist in ihrem brandneuen Tesla fast erfroren, weil das E-Auto nicht heizte. Gefroren hat auch diese Frau: Im nagelneuen E-Auto von VW brauchte sie für 650 Kilometer 13 Stunden – und wäre noch viel länger unterwegs gewesen, hätte sie nicht auf die Heizung verzichtet, um Akku zu sparen.

Junge Mutter stellt Forderung: mehr Ladestationen in ländlichen Gebieten für E-Autos

Außerdem müssten Theresa Hümmer zufolge beim Ausbau der Ladeinfrastruktur auch die Landkreise stärker in die Pflicht genommen werden. „Egal ob es Einheimische oder Reisende sind, es sind immer Menschen unterwegs. Und wenn das Elektroauto wirklich die Zukunft sein soll, dann muss man auch die dafür nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen“, gibt die junge Mutter laut „Business Insider“ zu Bedenken. Um der Knappheit von Ladestationen entgegenzutreten, arbeitet ein Unternehmen momentan an einem Straßenbeton, der E-Autos sogar während des Fahrens aufladen soll.

Fakt ist jedoch, dass solange es keine innovativen Optionen für E-Auto-Ladesäulen gibt, diese dringend und schnellstmöglich ausgebaut werden müssen – besonders im ländlichen Raum. Denn ohne vernünftige Lademöglichkeiten kann auch die Bewegung hin zur elektrischen Massenmobilität nicht funktionieren. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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