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Sexismus: „Kamen mit Playboy-Fotos“ – Budenmaler rechnet mit Schaustellern ab

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Von: Yannick Hanke

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Seit dem Stuttgarter Frühlingsfest stehen Volksfest-Buden in der Kritik, sinnlos sexistisch zu sein. Das bestätigt nun ein „Budenmaler“ – und packt aus.

Stuttgart  Sex sells, heißt es in der Werbung. Das wird nun Schaustellern auf Volksfesten vorgehalten, die für manche Darstellungen auf ihren Buden in der Kritik stehen. Den Stein ins Rollen gebracht haben die Grünen in Stuttgart. Sie sehen auf dem Frühlingsfest der Stadt zu viele Bilder, die „problematisch“ sind. Heißt konkret: Abbildungen von Frauen auf den Buden sollen sexistisch und diskriminierend sein. Vorwürfe, die auch schon M&Ms wegen neuer „sexistischer“ Maskottchen kassierte.

Sexismus-Buden-Zoff – Kirmes-Künstler packt aus: „Schausteller kamen mit Playboy-Fotos“

Fakt ist: Die Politiker in Stuttgart und die Schausteller auf dem Frühlingsfest nehmen unterschiedliche Positionen ein. Vertreter der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg nannten die Volksfestbuden „sexistisch“: Die Schausteller sollen Nackte übermalen. „Nackte“ – damit meinen sie vor allem leicht bekleidete Frauen mit teilweise entblößten Brüsten, die damit ganz bestimmte Reize bedienten.

Zu sehen ist die Darstellung einer leicht bekleideten Frau auf eine Bude auf dem Stuttgarter Frühlingsfest.
Sexistisches Budenbild auf dem Stuttgarter Frühlingsfest: Daran stört sich die Grünen-Fraktion der Stadt und hat eine Debatte entfacht. © Arnulf Hettrich/imago

Sexismus-Debatte um sexistische Darstellungen auf Volksfest-Buden: „Buden-Maler“ packt aus

Die Betreiber der Buden und Stände wiederum verstehen die Welt nicht mehr. Sie argumentieren frei nach dem Motto: Warum wird 2022 etwas kritisiert, was seit den 60er-Jahren gang und gäbe ist? Teilweise wurden bereits Kompromisse gefunden, einige Frauen mit offenen Blusen und Büstenhaltern tragen nun geschlossene Modelle. Die Sexismus-Debatte an sich ist damit aber noch lange nicht beendet.

„Da ist überall Nacktheit“: Schausteller am Pranger – wegen „sexistischer“ Buden

Schon gar nicht, wenn man den Ausführungen von Kirmeskünstler Ernst Stief Glauben schenkt. Der 63-Jährige gestaltet seit Jahrzehnten Dutzende Fahrgeschäfte sowie Buden und kann über die ein oder andere Kuriosität berichten. Ein Trend zeichnet sich dabei für Stief klar ab: Viele Schausteller hätten sich eine leicht bekleidete Frau auf ihr Fahrgeschäft pinseln lassen.

Gehen Sie mal über den Jahrmarkt, da ist überall Nacktheit.

Kunstmaler Ernst Stief im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“

Ernst Stief spricht von Motiven wie einem entblößten Hintern vor einem Sportwagen oder einem gespreizten Damenbein. Auch zu ihm seien die Schausteller mit Fotos aus dem „Playboy“ gekommen. „So etwas in der Art, nur blond, bitte“, hätte man zu ihm gesagt. Und dann musste Stief Entwürfe erstellen und seinen Dienst verrichten.

Stuttgarter Frühlingsfest: Buden zieren barbusige, aufreizende und leicht bekleidete Frauen

„Da hieß es dann halt: Die Nackte lieber links und den brutalen Kerl rechts, statt: die Erdbeere hierhin und die Mandeln dorthin“, plaudert der 63-Jährige aus dem Nähkästchen. Wünsche seiner Kunden, die sich auch 2022 noch in der Volksfest-Realität plakativ umgesetzt wiederfinden.

Auf einer Volksfestbude wird eine Bauchtänzerin im orientalischen Ambiente dargestellt.
Hat die Sexismus-Debatte überhaupt erst losgetreten: Die Darstellung einer Bauchtänzerin auf einer Schaustellerbude auf dem Stuttgarter Frühlingsmarkt. © Bernd Weißbrod/dpa

Auch die Buden auf dem Stuttgarter Frühlingsfest zeigen wie die auf dem Hamburger Dom Bauchtänzerinnen, Frauen in Kleidern mit tiefen Ausschnitten, aufreizend in Bikinis posierend oder sogar barbusig. Mal sollen die Frauen Lust auf „Maronen aus 1001 Nacht“ machen, mal auf Churros, Slush-Eis oder die Achterbahn. Die Frauen selbst haben meist nichts mit der Attraktion oder dem Angebot zu tun. Und doch prägen sie seit Jahrzehnten die Buden-Landschaft auf Volksfesten.

Kunstmaler über Schausteller-Aufträge „Viel trivialer Mist, mit der Spritzpistole verbrochen“

Auf der Homepage der Stadt Stuttgart hat dessen Bürgermeister Frank Nopper (CDU) bereits zu „Gelassenheit, Maß und Mitte“ geraten. Der Politiker hat Verständnis für den „wirtschaftlichen Überlebenskampf“ der Schausteller und will auch nicht, dass der Gemeinderat seiner Stadt zur reinen „Zensurbehörde“ verkommt.

Zu sehen sind ein Pferd, das einer Frau das Kleidchen herunterreißt, während ein Mann aus dem Busch zuschaut.
Solche Darstellungen auf Buden auf dem Stuttgarter Frühlingsfest haben eine Sexismus-Debatte entfacht. © Bernd Weißbrod/dpa

Ernst Stief wiederum findet so manch eine Entwicklung „gar nicht schlecht“ und begrüßt diese. Beispielsweise, dass Cowboys und Indianer, aber auch die „Baströckchen-Afrikaner und Turban-Inder“ so langsam aus dem öffentlichen Bild verschwinden. Schließlich habe der Westen mit seiner Kolonialisierung bereits genug angerichtet. Oder anders formuliert: „Es gibt sehr viel trivialen Mist, der mit der Spritzpistole verbrochen wurde“.

Schausteller wollen nicht negativ auffallen – sonst werden ihre Buden übermalt

Stief ist gelernter Maschinenbauer und fing mit der Malerei Ende der 80er-Jahre erst nur „hobbymäßig“ an. Damals löste gerade die Airbrush-Technik die Pinselmalerei ab und war im Show- und Motorsportbereich sehr angesagt, vor allem bestimmte Motive machten das Rennen: „Manche Maler haben von früh bis spät nur nackte Frauen auf Harley-Davidsons gesprüht.“

Manche Maler haben von früh bis spät nur nackte Frauen auf Harley-Davidsons gesprüht.

Ernst Stief im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“

Doch die Zeiten hätten sich geändert, so Ernst Stief. Schausteller wollten zwar nach wie vor auffallen, aber unter keinen Umständen negativ. Allein aus dem Grund, dass der örtliche Platzmeister der Stadt sie nicht in eine schlechtere Ecke versetzt oder sogar die Buden übermalen lässt. Denn das wird teuer. Vor allem, wenn die Kassen wegen Corona eh kaum gefüllt sind. Davon kann auch der Weihnachtsmarkt in Solingen ein Lied singen – der im Mai nachgeholt wurde.

Hohe Kunst ist nicht gefragt: Leute wollen „Currywurst fressen, Bier saufen und im Fahrgeschäft grölen“

Schon in den 90er-Jahren hat Stief mit Schaustellern zu tun gehabt, die ihm von einem „gefährlichen“ Platzmeister berichteten. Zwar bestellten sie dennoch die kultige Marilyn-Monroe-Darstellung mit dem hochflatternden Kleid, aber eben bloß nicht mit zu viel Busen. „Den Rest gibt das Gehirn als Beigabe dazu“, merkt Stief lakonisch an. Und schließlich sei ein Fahrgeschäft auch kein Bordell.

Schlichte Kohlezeichnungen von erotischen Motiven sprechen mich viel mehr an, als eine Nackte mit allen Details in Schweinchenrosa mit der Spritzpistole darzustellen.

Ernst Stief im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“

Für den 63-Jährigen ist auch klar, dass eine guter Kirmeskünstler eine eigene Handschrift haben muss. Unter Kirmeskunst versteht Stief grelle, bunte, hyperrealistische Darstellungen. Und das passe eben nicht mit der Aktmalerei zusammen. „Traurig“ findet er aber auch, was die meisten Airbrusher aus Nacktfotos machen würden. Doch man müsse sich eingestehen, dass die Leute auf dem Volksfest „eine Currywurst fressen, ein Bier saufen und im Fahrgeschäft grölen“ wollen. Hohe Kunst fände woanders statt.

Frische Früchte statt blanke Busen: Buden-Bemaler geht in Rente

Ernst Stief hat mit dem Thema für sich selbst im Grunde abgeschlossen  auch wegen all der Nacktheit. Bis zu seinem Ruhestand will er noch ein bis zwei Verkaufsstände bemalen, dann ist Schluss. Und die Sexismus-Debatte rund um die Darstellungen auf Volksfesten wie in Stuttgart? Beobachtet er aus der Ferne. Und malt lieber Früchte. Ganz ohne sexuellen Kontext.

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