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Immer mehr Eltern helikoptern sogar auf Pausenhof: Schulen wehren sich

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Schlimmer als Elterntaxis: Immer mehr Helikoptereltern lassen ihre Kinder nicht mal auf dem Pausenhof alleine. Erste Schulen errichten Sichtschutzzäune.

Hamburg – Sie sind der Graus der Lehrer sowie vieler anderen Erziehungsberechtigten – und in ihrer grenzenlosen „Liebe“ einfach unbelehrbar: Helikoptereltern, die laut Forscher gar eine „Generation lebensunfähig“ produziert haben. Andere Pädagogen klagen Helikoptereltern an: „Überbehütung ist Vernachlässigung“. Und doch nimmt das Phänomen immer krassere Formen an: Immer mehr Papas und Mamas geben sich nicht mehr mit dem „Job“ als Elterntaxis zufrieden – sondern bahnen sich gar den Weg zum Pausenhof, um Streits für ihre Kinder auszufechten, Essen zu bringen oder zu trösten. Viele Schulen greifen nun durch.

Stadtstaat in Deutschland:Freie und Hansestadt Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bürgermeister:Peter Tschentscher
Einwohner:1,841 Millionen

Helikopter-Eltern in der Schule: „Selbstjustiz auf dem Pausenhof“

Die morgendlichen Chauffeurdienste beflissener Erziehungsberechtigter sorgen seit längerer Zeit für Schlagzeilen, sogar die Polizei ist im Kampf gegen Elterntaxis und Chaos vor Hamburger Grundschulen aktiv. Das scheint jedoch nur der Anfang. Es häufen sich Berichte, dass überfürsorgliche Eltern ihren Nachwuchs noch nicht einmal auf dem Schulgelände aus den Augen lassen und ihnen dort sprichwörtlich auflauern.

Buchautorin fasst zusammen: „Eltern warten in der Garderobe oder verstecken sich in Büschen auf dem Schulhof“

„Da kommen dann die Eltern in die Schulmensa und wollen ihren Kindern immer noch das Essen kleinschneiden. Oder sie warten in der Garderobe die Schulstunde ab, um das Kind den Pausen trösten zu können, oder sie verstecken sich hinter Büschen auf dem Schulhof, um zu beobachten, ob ihr Kind auch viele Freunde hat und nicht ausgeschlossen wird auf dem Schulhof“, berichtet die Buchautorin Carola Padtberg gegenüber „Deutschlandfunk“. 

Weil Helikoptereltern Kinder sogar in Pausen „beaufsichtigen“: Schule baut Sichtschutz um Pausenhof

Die Eichendorffschule in Offenbach sah sich genau wegen derlei Vorfällen zu drastischen Maßnahmen gezwungen. Helikoptereltern verfolgten ihre Sprösslinge selbst innerhalb der Schule, um sie und ihr Wohlergehen zu überwachen. Ein Sichtschutz wurde errichtet, um die Kinder vor den aufdringlichen Erwachsenen zu schützen, wie op-online.de berichte: Füttern verboten: Neuer Zaun soll Schule vor aufdringlichen Helikopter-Eltern schützen.  „Es gab in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit überfürsorglichen Müttern, die ihre Kinder am Zaun fütterten oder ihnen Anweisungen auf den Pausenhof zuriefen“, beschreibt Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß die skurrilen Szenen.

Völlig übertrieben: Eltern drohen Schülern auf dem Schulhof, weil sie ihr eigenes Kind schützen wollen.
Völlig übertrieben: Eltern drohen Schülern auf dem Schulhof, weil sie ihr eigenes Kind schützen wollen. © Rupert Oberhäuser/Roberts Ratuts/imago

Helikoptereltern greifen in Kinderstreitigkeiten ein: „Selbstjustiz“ auf dem Pausenhof

Auch in der Schweiz kennt man das Problem. Immer wieder tauchen Eltern auf Pausenhöfen auf und mischen sich in Konflikte der Kinder ein. Das Problem ist an rund der Hälfte der Schweizer Schulen bekannt. Die Schulleiterin der Primarschule Rickenbach appellierte darum sogar in einem Schreiben an die Eltern, dass sie sich vom Schulhof fernhalten mögen. 

„Kürzlich war ein Vater während der großen Pause auf dem Pausenplatz und schimpfte heftig mit einem Sechstklässler, weil er glaubte, dass dieser seinen Sohn angegriffen hatte“, zitiert die „Thurgauer Zeitung“ Schulleiterin Stephanie Schildknecht. Dieses Verhalten sei nicht tolerierbar: „Was der Vater da tat, war Selbstjustiz.“

„Helikoptereltern sind angstgetrieben“, sagt Buchautorin Carola Padtberg

Dabei wirkt das übergriffige Verhalten von Eltern am Ende kontraproduktiv. Nicht nur der umstrittene Pädagoge Albert Wunsch zerreißt die heutige Kinder-Erziehung: „Aufgeweichte Jammergestalten“ würden überfürsorgliche Eltern heutzutage aus den Kindern machen, klagt er an. Auch Carola Padtberg, selbst Mutter zweier Kinder und Autorin des Buches „Ich muss mit auf Klassenfahrt, meine Tochter kann sonst nicht schlafen“ sieht den Trend höchst kritisch: „Helikoptereltern sind ja sehr angstgetrieben, auch Angst vor prekären Lebenssituationen, vor Unsicherheiten, vor dieser globalisierten Welt, die kaum jemand überblicken kann.“

Eltern im Helikopter-Modus „sitzen dann noch an der Universität mit in den Vorlesungen“

Diese Angst manifestiere sich darin, dass sie versuchten, ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Und manche davon ziehen das ja auch wirklich richtig lange durch. Die sitzen dann noch an der Universität mit in den Vorlesungen und schreiben mit“, resümiert Padtberg gegenüber dem „Deutschlandfunk“. Solche Überfürsorglichkeit dürfte der 13-jährigen, die zur Strafe fürs Schwänzen von Eltern auf einsamer Insel ausgesetzt wurde, wohl nicht zuteilwerden.

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