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Rassistisch? „Wer hat die Kokosnuss geklaut“ soll man nicht mehr singen

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Von: Anika Zuschke

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Kinderlieder wie „Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ sollen laut ZDF hintergründig rassistisch sein – und nicht mehr gesungen werden. Nun tobt die Debatte.

Mainz – „Wo ist die Kokosnuss? Wo ist die Kokosnuss? Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ – Vielen dürfte dieses Lied durchaus bekannt vorkommen. Schließlich zählt es zu den beliebtesten Kinderliedern Deutschlands. Aber verbirgt sich hinter dem Songtext ein rassistisches Motiv? Der Meinung ist jedenfalls das ZDF und wirft dem Lied neben zahlreichen anderen harmlos erscheinenden Kinderliedern das Reproduzieren von „Stereotypen und Klischees“ vor. Die Online-Community reagiert verständnislos und empört.

Fernsehnetzwerk:ZDF
Intendant:Thomas Bellut
Hauptsitz:Mainz
Gründung:1961, Deutschland

Kinderlieder wie „Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ sollen rassistisch sein – dürfen Kinder diese nicht mehr singen?

Unter dem Titel „Rassismus im Kinderzimmer?“ postete der Instagram-Kanal „aroundtheword“ vor wenigen Tagen zahlreiche Kinderlieder, die offenbar „Stereotype und Klischees reproduzieren“ sollen. Die Instagram-Seite wird von dem öffentlich-rechtlichen Sender „ZDFkultur“ betrieben. Angeblich wird beim Singen dieser Lieder Rassismus in die Kinderzimmer transportiert. Gegen Rassismus im Kinderzimmer geht ein Hamburger vor, indem er Schwarze Puppen auf den Markt bringt*.

Ganz vorne mit dabei ist das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, das „antiasiatische Ressentiments“ reproduziere und die Kritiker wegen der anlasslosen Polizeikontrollen im Lied an „Racial Profiling“ erinnere. „Racial Profiling“ steht für Verdächtigungen von Polizei-, Sicherheits-, Einwanderungs- oder Zollbeamten, die ausschließlich auf äußerlichen Merkmalen beruhen. Dieses Lied hat in der Vergangenheit bereits für hitzige Debatten gesorgt: So war auch der Musikethnologe Nepomuk Riva bereits der Meinung, dass man „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ aus rassistischen Gründen nicht mehr singen solle*.

Eine Instagram-Userin kann diesen Vorwurf aber nicht nachvollziehen und schrieb unter dem Post belustigt: „Ernstgemeinte Frage: Hat bei den drei Chinesen wirklich jemand als Kind an eine anlasslose Polizeikontrolle gedacht? Für mich war es immer so, dass die Polizei da zufällig vorbeispaziert und sich einfach wundert, dass da drei Leute mit Kontrabass Musik machen, aber das hätten sie auch, wenn es drei Deutsche mit Triangeln gewesen wären.“

Laut ZDF auch Kinderlied „Aramsamsam“ rassistisch: „Abwertung des Islam“

Ebenfalls von ZDFkultur als rassistisch angesehen wird das Lied „Aramsamsam“ – das eigentlich überwiegend aus Fantasieworten besteht, zu denen Kinder üblicherweise rhythmische Bewegungen ausführen. Was kann an einem Fantasietext also rassistisch sein? Dem Instagram-Post zufolge stammt das Lied ursprünglich aus Marokko, was an den arabischen Begriffen „a rafiq“ (Der Freund) und „guli“ (etwa: sag’s mir) abzulesen sei.

Erklärend wird hinzugefügt: „In der Kritik steht das Lied, weil es als Verballhornung der arabischen Sprachen gedeutet wird.“ Und weiter: „Zudem wird die gebetsähnliche Verbeugung während des Liedes als Abwertung des Islam gewertet.“ Verballhornung bezeichnet dabei die absichtliche oder unbewusste Neubildung bekannter oder unbekannter Wörter sowie Redewendungen.

Ein Affe hält eine Kokosnuss, daneben ein Lexikoneintrag zum Wort Rassismus
Rassismus-Vorwurf: Sollten Kinder Lieder wie „Wer hat die Kokosnuss geklaut“ nicht mehr singen? (24hamburg.de-Montage) © agefotostock/Panthermedia/Imago

Kritik an Rassismus-Vorwurf gegen Kinderlieder vom ZDF: Islam-Experte empört

Zu diesem Vorwurf hat sich auf Twitter auch Islam-Experte Ahmad Mansour verständnislos und vorwurfsvoll geäußert: „Kritik an sexistischen, homophoben, antisemitischen, deutschfeindlichen, teilweise islamistischen Liedern im Gangster-Rap ist kaum hörbar. Stattdessen an einem unschuldigen Kinderlied, in dem auch mit viel Fantasie die Anschuldigungen wirklich schwer nachvollziehbar sind“, schrieb der deutsch-israelische Psychologe und Autor auf dem Kurznachrichtendienst. Für eine Mutter aus London hört es bei den Vorwürfen gegenüber Kinderliedern nicht auf: Sie fordert, Märchen wie Dornröschen zu verbieten – weil diese sexistisch seien*.

Rassismus-Vorwürfe zu dem Kinderlied „Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ stoßen auf Unverständnis

Am meisten Verwirrung und Empörung bei den Usern rief auf dem Instagram-Kanal „aroundtheword“ aber der Rassismus-Vorwurf gegen das Lied „Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ hervor. In diesem Dschungel-Lied über Affen und Kokosnüsse sieht das ZDF „rassistische Stereotype gegen BIPoC“ – also Black, Indigenous and People of Color. Die Erklärung dafür lautet: „Das auf BIPoC projizierte, kolonialistische Klischee vom kriminellen und triebgesteuerten Affen steht dabei besonders im Fokus.“

An dieser Stelle häufen sich die belustigten und verärgerten Kommentare der Instagram-Nutzer: „Niemand: beim Kokosnusslied an Schwarze denken“, schreibt ein User sarkastisch. Ein weiterer stimmt mit den Worten „Ich habe bei ‚Wer hat die Kokosnuss geklaut‘ noch nie ansatzweise an farbige Menschen gedacht und finde, es deutet eher von vorhandenen Vorurteilen, wenn man so etwas dort hineindeutet…“ zu. Eine weitere Nutzerin bringt es auf den Punkt: „Beim Kokosnuss-Lied kann ich beim besten Willen keinen Rassismus erkennen. Es handelt sich um Affen, nicht um Menschen.“ In Kanada erreichte die Rassismus-Debatte einen Höhepunkt, als wegen angeblichem Rassismus 5000 Bücher verbrannt wurden – darunter Bücher von Asterix, Tim & Struppi und Pocahontas*.

Neben diesen Songs wurden auch die Kinderlieder „c-a-f-f-e-e“ und „Alle Kinder lernen lesen“ genauer unter die Lupe genommen. Aufgrund der Nutzung von Begriffen wie „Türkentrank” und „Muselmann“ sowie „Indianer“ und „Eskimos“ sind die Vorwürfe von Rassismus in diesen Liedern aber durchaus nachvollziehbar.

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Rassismus in Kinderliedern? Instagram-User genervt: „Wenn man keine Probleme mehr hat“

Insgesamt scheinen sich die Kommentierenden unter dem Instagram-Post in Bezug auf die Rassismus-Vorwürfe aber recht einig zu sein. „Seltsam... ein paar dieser Lieder habe ich als Kind auch gesungen, und trotzdem bin ich so gar kein Rassist geworden! Was ist schiefgegangen?“, schreibt ein User mit ironischem Unterton. Andere reagieren verständnislos mit den Worten: „Wenn man keine Probleme mehr hat...“ und „Das ist Satire, oder?“ Einige machen ihrem Ärger direkter Luft: „Was für Müll“ und „idiotisch“ heißt es in einigen Kommentaren.

Kommentare wie „Wer überall Rassismus wittert, wo keiner ist, hat ein psychisches Problem.“ und „Lasst mal die Kirche im Dorf“ reihen sich aneinander. Eine Userin hat sogar schon eine Idee für den nächsten Lieder-Eklat: „Als Nächstes ist ‚Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad‘ noch ein Lied, das Tierquälerei verherrlicht.“

Auch wenn die Rassismus-Debatte an einigen Stellen übertrieben oder fehlgeleitet erscheint, sollte das Thema Rassismus im Kinderzimmer durchaus ernst genommen werden, denn auch bei einigem Spielzeug glaubt man gar nicht, wie rassistisch es tatsächlich ist*. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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