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Putin-Diplomat schmeißt hin – „Habe mich noch nie so sehr geschämt“

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Von: Ulrike Hagen

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Von Wladimir Putin wenden sich wegen des Ukraine-Krieges Soldaten und Oligarchen ab. Nun schmeißt auch ein russischer Top-Diplomat bei den Vereinten Nationen hin.

Genf – Die Gefechte im Ukraine-Krieg, zu dem wir mehrmals täglich im Ticker berichten, halten an. Doch es mehren sich die Hinweise, dass Wladimir Putin die Unterstützer mit wehenden Fahnen davonlaufen. Nachdem zuletzt ein russischer Oligarch mit Putin abrechnete: „Scheißland, Scheißarmee!“, schmeißt nun ein Top-Berater, der Russland am UN-Sitz in Genf vertrat, hin.

Zwischenstaatliche Organisation:Vereinte Nationen (United Nations Organization, UN oder UNO)
Gründung:24. Oktober 1945, San Francisco, Vereinigte Staaten
Hauptsitz:New York City, Vereinigte Staaten
Weitere offizielle Amtssitze:Genf, Nairobi, Wien
Generalsekretär:António Guterres

„Noch nie so sehr für mein Land geschämt!“: Russischer Diplomat quittiert Dienst

„Genug ist genug“ – mit markigen Worten quittierte der hochrangige russische Diplomat Boris Bondarew am UN-Sitz in Genf seinen Dienst. 20 Jahre lang arbeitete er als russischer Gesandter dort für die Vereinten Nationen. „In 20 Jahren meiner diplomatischen Karriere habe ich verschiedene Wenden unserer Außenpolitik gesehen, aber noch nie in meinem Leben habe ich mich so für mein Land geschämt wie am 24. Februar dieses Jahres“, schreibt er in einer offenen Erklärung auf Linkedin und Facebook zum Ukraine-Krieg.

Der russische Diplomat Boris Bondarew bei einer UN-Sitzung, er trägt Kopfhörer und schaut verärgert
„Kriegstreiberei, Lügen und Hass“: Boris Bondarew langt es –nach 20 Jahren Dienst für sein Land schmeißt der russische Top-Diplomat bei den Vereinten Nationen (UN) in Genf hin. © @justindemming/Twitter-Screenshot

Russischer UN-Berater verurteilt Ukraine-Krieg: „Verbrechen gegen Ukraine – und gegen die Russen“ 

„Dieser von Putin ausgelöste aggressive Krieg gegen die Ukraine, und gegen den gesamten Westen, ist nicht nur ein Verbrechen gegen die ukrainische Bevölkerung, aber auch, vielleicht, das schwerste Verbrechen gegen die Menschen in Russland“. Mit „einem fetten Z“ durchkreuze das Regime „alle Hoffnungen und Aussichten auf eine blühende, freie Gesellschaft“. Bondarew spricht deutliche Worte – und geht damit entschieden weiter als der russische Oligarch, der erhebliche Summen für ukrainische Kriegsopfer spendete, sich aber mit Anklagen gegen Putin zurückhielt.

Russischer Diplomat schießt hart gegen Putin: „Es geht nur noch um Kriegstreiberei, Lügen und Hass“

Der Diplomat findet nur noch bittere Wort für die Politik seines Landes: „Heute geht es im Außenministerium nicht um Diplomatie. Es geht nur um Kriegstreiberei, Lügen und Hass. Es dient den Interessen einiger weniger, der allerwenigsten Menschen und trägt damit zur weiteren Isolierung und Degradierung meines Landes bei. Russland hat keine Verbündeten mehr, und niemand hat Schuld daran, außer seiner rücksichtslosen und schlecht durchdachten Politik.“ Ähnlich vernichtend wetterte zuvor der im Exil lebende Mikail Chodorkowski: Der russische Oligarch rechnet mit Putin ab: „Der dreht durch“.

Diejenigen, die sich diesen Krieg ausgedacht haben, wollen nur eines – für immer an der Macht bleiben, in pompösen, geschmacklosen Palästen leben, auf Jachten segeln … um das zu erreichen, sind sie bereit, so viele Menschenleben zu opfern, wie nötig ist. 

Boris Bondarew, russischer Diplomat bei der UNO

Russischer UN-Diplomat über den Ukraine-Krieg: „Blutige, witzlose und absolut unnötige Schmach“ 

Bondarew weiter: „Ich habe Diplomatie studiert und bin seit zwanzig Jahren Diplomat. Das Ministerium ist meine Heimat und meine Familie geworden. Aber ich kann diese blutige, witzlose und absolut unnötige Schmach einfach nicht mehr mitmachen.“ Glaubt man Kreml-Insidern, wächst auch bei hochrangigen Militärs und Agenten Russlands Geheimdienst die Wut – FSB-Generäle sollen angeblich den Sturz von Wladimir Putin planen.

UN-Watch fordert alle russischen Diplomaten zum Rücktritt auf – und Schutz für deren Familien

Der Geschäftsführer der Organisation UN-Watch, Hillel Neuer, der die Erklärung auf Twitter veröffentlichte, erklärt: „Boris Bondarev ist ein Held“. Er fordert „alle anderen russischen Diplomaten bei den Vereinten Nationen – und weltweit – auf, seinem moralischen Beispiel zu folgen und zurückzutreten.“ Die USA, das Vereinigte Königreich und die EU sollten russische Diplomaten ermutigen, überzulaufen, indem sie ihnen und ihren Familien Schutz, finanzielle Sicherheit und Umsiedlung anbieten.

Das wird ein komplizierteres Unterfangen, als das Übersiedeln tierischer Überläufer, wie der russische Armeehund, der von Ukrainern gerettet wurde – und nun die Seiten gewechselt hat. Aber ein deutlich einfacheres, als den in der Regel weniger privilegierten, weltweit inzwischen mehr als 100 Millionen Menschen Schutz und Asyl zu bieten, die nach neuesten Zahlen des UN-Flüchtlingswerkes – auch wegen des Ukraine-Krieges – auf der Flucht sind.

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