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Pädagoge meint: „Heutige Kinder sind verwöhnt, schwach und egoistisch“

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Von: Bjarne Kommnick

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Der Pädagoge Albert Wunsche wettert gegen die überfürsorgliche Erziehung heutiger Eltern. Die Folgen in der jungen Generation hält er für „katastrophal“.

Neuss – Der Pädagoge, Hochschullehrer und Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch hat die Erziehung von sogenannten Helikoptereltern erneut stark in die Kritik genommen. Erst vor kurzem hatte Wunsch heutige Kinder als „aufgeweichte Jammergestalten“ bezeichnet. Nun hat er sich in einem Interview dem Spiegel erneut gegen eine sogenannte „Spaßpädagogik“ ausgesprochen und kritisiert: Viele Eltern würden ihren Kindern „ein Leben im Schongang“ ermöglichen – mit fatalen Folgen.

StadtNeuss
Bevölkerung155.414
Flächeq99,48 km²
Höhe40 m

„Schon katastrophal“: Pädagoge Albert Wunsch zerreißt heutige Kinder-Erziehung

In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er: „Ich arbeite seit Jahrzehnten an Schulen und Universitäten, berate in meiner Praxis zudem Familien mit Erziehungsproblemen – und stelle dabei fest, dass die Kinder heute ein ziemlich geringes Durchhaltevermögen haben, schnell aufgeben, kaum belastbar sind“. Viele Kinder heutzutage würden zu „ängstlich, leistungsschwachen und egoistischen“ Menschen erzogen.

Mutter unterstützt Kind beim Klettern.
Laut dem Pädagogen Albert Wunsch widmen Eltern ihren Kindern zu viel Aufmerksamkeit (Symbolbild). © Roger Richter / imago

Zwar würde es dafür keine Studien geben, jedoch Fakten, die darauf hinweisen könnten. Albert Wunsch erklärt: „Beispielsweise können heute nur noch 30 bis 40 Prozent der Zehnjährigen sicher schwimmen – in den Neunzigerjahren waren es rund 90 Prozent“. Weiter gibt er an: „Die Lese- und Schreibkompetenz der Grundschüler hat laut Lehrerverband dramatisch abgenommen. Jeder vierte Jugendliche bricht seine Ausbildung ab, fast jeder dritte Studierende sein Studium.“

Pädagoge zerreißt heutige Erziehung: „Kinder bekommen zu viel Aufmerksamkeit“

Den Grund dafür sehe er in der Erziehung: „Die Eltern betrachten ihre Kinder zu oft als ihr großes Projekt, als kleine Supermänner und Superfrauen. Sie versuchen, sich über die Kinder zu definieren“. Wunsch erklärt: „Kinder bekommen heute ein zu großes Maß an Aufmerksamkeit“. Damit zielt er deutlich auf eine überfürsorgliche Erziehung ab, ähnlich wie seine Kollegin Beate Letschert-Grabbe: Die Pädagogin klagt Helikoptereltern an – „Überbehütung ist Vernachlässigung“, meint sie.

Die überbehütende Erziehung könne nämlich dazu führen, dass Kinder ein geringeres Bewusstsein dafür ausprägen, dass ihre Eltern nicht jederzeit physisch oder gedanklich präsent sein können, auch wenn das häufig gar nicht das Ziel der besagten Eltern sei. Dadurch würden sie häufig verwöhnt werden und ein „übermäßiges ich“ entwickeln. „Das ,wir‘ wird immer unwichtiger“, folgert Wunsch als Konsequenz daraus. Der Psychologe Rüdiger Maas behauptet sogar, dass Helikoptereltern eine „Generation Lebensunfähig“ produziert haben.

Eltern machen heute aus Kindern „Prinzen und Prinzessinnen“ – laut Albert Wunsch

„Heute sitzen in einer ersten Klasse viele Prinzen und Prinzessinnen, die alle meinen, sie seien der Nabel der Welt. Die sich uneingeschränkt mitteilen wollen, Lob erwarten und mit einem Stopp oder Kritik nicht umgehen können“, wettert Wunsch gegen die junge Generation. Zwar würde das nicht auf alle Kinder zutreffen, aber die Zahl würde wachsen. I

Eltern „loben ihre Kinder für jede Kleinigkeit, und sie nehmen ihnen zu viel ab“. So würde sich beim Kind kein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln, das es nur durch Eigenständigkeit lernen könnte. „Kinder sollten früh lernen, mit Herausforderungen klarzukommen“, was jedoch kaum möglich sei, weil Eltern zu viel handeln und sie vor Konflikten schützen wollen.

Eltern loben ihre Kinder für jede Kleinigkeit, und sie nehmen ihnen zu viel ab.

Pädagoge Albert Wunsch über heutige Kindererziehung

Pädagoge Wunsch fordert: „Regeln vorgeben, statt zu viel mit Kindern zu diskutieren“

Wunsch empfiehlt: „Natürlich müssen die Eltern Regeln vorgeben und nicht ständig mit den Kindern darüber diskutieren“. Denn bei Diskussionen zwischen Eltern und Kind gehe es meist nicht um die Sache selbst, „sondern es sind in der Regel Machtproben“. Weiter erklärt er: „Je mehr sich die Eltern auf Diskussionen einlassen, desto umfangreicher verlieren sie an Autorität und Klarheit“. Dazu gebe es laut Wunsch eine tiefenpsychologische Studie des Rheingold-Instituts von 2015.

Studie zeigt: Helikoptereltern bereiten Kinder schlechter aufs Erwachsenwerden vor

Welchen Einfluss das übermäßige Kümmern von Eltern auf die Entwicklung ihrer Kinder haben kann, erforschten auch Forscherinnen und Forscher aus den USA und der Schweiz in einer Studie, die in der Fachzeitschrift „Developmental Pychology“ veröffentlicht wurde. Darin wurden 422 Kinder im Alter von zwei, fünf und zehn Jahren insgesamt über einen Zeitraum von acht Jahren untersucht.

Dabei konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler feststellen, dass Eltern, die ihre Kinder im Alter von zwei Jahren über kontrolliert hatten, eine negative Entwicklung der Emotions- und Selbstkontrolle für die Kinder im höheren Alter zur Folge gehabt habe. „Unsere Forschung hat gezeigt, dass Kinder mit Helikopter-Eltern möglicherweise weniger in der Lage sind, die anspruchsvollen Anforderungen des Erwachsenwerdens zu bewältigen, insbesondere bei der Navigation in der komplexen Schulumgebung“, so die Autorin der Studie, Dr. Perry, gegenüber The Guardian.

Pädagoge über Kindererziehung: „In vielen Bereichen schon recht katastrophal“

Zwar würde Wunsch auch positive Sachen in der jungen Generation sehen: „Bei den jungen Erwachsenen, die jetzt ins Berufsleben starten, finde ich es zum Beispiel toll, dass sie nicht mehr nur aufs Geld schauen, sondern zunehmend versuchen, Familie und Beruf zu vereinbaren, dafür im Zweifel auch bei der Karriere Kompromisse machen“ Dennoch macht er deutlich: „Ich empfinde die Zustände in vielen Bereichen des Alltags aus besagten Gründen schon als recht katastrophal“.

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