1. 24hamburg
  2. Stories

Pädagoge: „Begriff Helikoptereltern ist verlogen, aggressiv und diskrimnierend“

Erstellt:

Von: Bjarne Kommnick

Kommentare

Der Experte Josef Kahl findet das Wort „Helikoptereltern“ eine Anmaßung. Wirklich überfürsorgliche Eltern hält er für Ausnahmen – behütende Erziehung für richtig.

Düsseldorf – Können Eltern ihre Kinder zu viel betreuen? Wenn es nach dem Kinder- und Jugendarzt Hermann Josef Kahl geht, dann ist das unter Eltern eine echte Seltenheit, wie er in einem Interview mit spiegel.de erklärt hat. Das, was man sogenannten Helikoptereltern vorwirft - nämlich übermäßige Fürsorge, die dem Kind letztlich schadet - gäbe in Wirklichkeit so gut wie nie. Im Gegenteil: Beschützen und Behüten sei genau richtig. Deshalb sei der Begriff „Helikoptereltern“ auch verlogen, aggressiv und diskriminierend. Zudem habe das Wort keine wissenschaftliche Grundlage und würde lediglich dazu dienen, junge Eltern verunsichern, die sich ernsthaft um ihre Kinder bemühen würden.

StadtDüsseldorf
Bevölkerung619.294
Fläche217,4 km²
Höhe38 m

Experte will „Helikoptereltern“ streichen: Eine „Anmaßung“ und „kontraproduktiv“

Kinder- und Jugendarzt Hermann Josef Kahl erklärt und appelliert auch an die Eltern: „Denken Sie von Anfang an die große Bedeutung der Bindung und der Bildung Ihres Kindes. Und gehen Sie immer respektvoll mit ihm um.“ Kahl ist Kinder- und Jugendarzt in Düsseldorf und war Jahre lang im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte für Prävention, und Frühtherapie. „Wenn Eltern intelligent, einfühlsam und respektvoll mit ihren Kindern umgehen, dann wissen sie ganz genau, wie viel Zuwendung diese brauchen.“

Ein Elterntaxi hat einen Jungen bis genau vor die Schule gefahren
Der Kinder- und Jugendarzt Joseph Kahl findet den Begriff „Helikoptereltern“ anmaßend und kontraproduktiv. Elterntaxis und Co. seien nicht überfürsorglich, sondern einfach wertschätzend und liebevoll. (Symbolbild) © Brian/Adobe Stock

Der Generalvorwurf der Überfürsorglichkeit sei demnach nur eine „Anmaßung“ und zudem „kontraproduktiv“. Deshalb müsse man Eltern laut Kahl eher darin bestärken, ihre Kinder zu fördern und zu unterstützen als sie zu verunsichern, etwa zu lieb oder fürsorglich zu sein. „Vor allem Mütter gerade junger Kinder erzählen mir oft, dass andere Eltern oder sogar Familienmitglieder ihnen vorwerfen, sie würden den Kindern zu viel Aufmerksamkeit schenken“, so Kahl.

Helikoptermütter sind angeblich Einzelfälle – dabei gibt es immer mehr Elterntaxis und Co.

Fälle wie diesen hält der Kinderarzt für absolute Ausnahmen: Eine Mutter fordert ein Alkoholverbot im Freizeitpark – vor Kindern dort Bier zu trinken, findet sie „schrecklich“, Kindern dürfe man „so etwas“ gar nicht zumuten. Im Netz kassierte sie dafür ebenso viel Spott wie die Mutter, die ein Freizeitpark-Verbot für kinderlose Menschen fordert. Weil: Solche Einrichtungen seien für Familien – alle anderen sollen fern ihrer Kinder Spaß haben.

Auch das Phänomen Elterntaxis sorgt immer wieder für Gespött und vor allem Zoff. Nicht nur in Hamburg ist inzwischen gar die Polizei im Kampf gegen Elterntaxis. Letztes Jahr wurde ein Elterntaxi sogar zur Tatwaffe: Eine Mutter überfuhr absichtlich streikende Kinder – ihr Sohn musste schließlich zur Schule. Hahn findet das Betüdeln und bis zur Schultür Bringen völlig in Ordnung – sogar das Orten per Smartphone-App, um immer zu wissen, wo da Kind gerade ist, hält er nicht für übertrieben: „Wenn Eltern beruhigt sind, wenn sie immer wissen wollen, wo ihr Kind ist – warum sollte man ihnen das verwehren?“, sagt er im genannten Interview mit spiegel.de.

Wenn Eltern beruhigt sind, wenn sie immer wissen wollen, wo ihr Kind ist – warum sollte man ihnen das verwehren?

Kinder- und Jugendarzt Hermann Josef Kahl 

Helikoptereltern würden nur Menschen sagen, „die keinen Respekt vor Kindern haben“

Der Anteil von Eltern, die jedoch wirklich extrem fürsorglich seien, würde laut Kahl gerade einmal im Promillebereich liegen. Begriffe wie „Helikoptereltern“, „Rasenmähereltern“ und „Curling-Eltern“: für ihn ein No-Go! „So einen Unsinn erfinden nur Menschen, die keinen Respekt vor Kindern haben. Oder die sich mit einem neuen Begriff wichtig machen wollen“. Davon ist der Pädagoge überzeugt.

Was sind Helikoptereltern?

Helikoptereltern sind Eltern, die bildlich gesprochen, ständig über dem Kopf des Kindes kreisen, um jeden Schritt zu kontrollieren und aufzupassen. Helikoptereltern streben eine perfekte Erziehung an und wollen ihr Kind in erster Linie vor Gefahren, Konflikten, Problemen sowie Enttäuschungen jeglicher Art bewahren und ihm unangenehme Erfahrungen ersparen. Quelle: kinderinfo.de

Einer der Verfechter dieses Begriffes und gleichzeitig Kritiker der Elternspezies ist Psychologe Rüdiger Maas, der „Helikoptereltern“ die Schuld für die „Generation lebensunfähig“ gibt. Auch der Pädagoge Albert Wunsch wirft „Helikoptereltern“ vor aus Kindern „aufgeweichte Jammergestalten“ zu machen.

Laut Kahl gibt es nur wenige Fälle von Helikoptereltern: „Eher genau das Gegenteil der Fall“

Doch wie Kahl erklärt, ist seiner Erfahrung nach eher genau das Gegenteil der Fall. „Wir erleben ja in der Praxis häufig, dass Eltern plötzlich bei ihren Drittklässlern schulische Defizite feststellen. Das sind in der Regel genau die Kinder, bei denen die Eltern eben nicht aufgepasst haben“.

Nur selten komme es zu Situationen, in denen Eltern wirklich zu „Helikoptereltern“ werden würden, oft krankheitsbedingt: „In seltenen Fällen fordern psychisch kranke Eltern sehr viele therapeutische Maßnahmen und Medikamente für ihre Kinder, die diese aber gar nicht brauchen. Das kann zu einer Störung der körperlichen und seelischen Entwicklung der Kinder führen“. Aber, so Kahl: „Der Generalvorwurf der Überfürsorglichkeit ist eine Anmaßung und kontraproduktiv dazu.“

Auch interessant

Kommentare