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Forscher: Helikoptereltern haben „Generation lebensunfähig“ produziert

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Von: Tanja Kipke

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Psychologe Rüdiger Maas gibt Helikoptereltern die Schuld an einer unselbständigen Generation ohne Lebensmut. Kinder sind so unglücklich wie noch nie.

Augsburg – Sind Helikopter-Eltern Schuld an der unglücklichen Zukunft ihrer Kinder? Generationenforscher Rüdiger Maas sagt: Ja. Kinder und Jugendliche seien unselbstständig und orientierungslos wie nie zuvor. Der Hauptgrund: die Erziehung der Eltern. „Wir haben eine sehr verunsicherte Elternschaft, die versucht, so gut es geht, die Kinder zu protegieren und ihnen möglichst viel abzunehmen“, so der Psychologe. Die verheerende Konsequenz: Eine Generation mit fehlender Empathie, Frustrationstoleranz und Lebensmut wächst heran, wie auch 24vita.de berichtet*.

Name:Rüdiger Maas
Geboren:15. Februar 1979 in Schwabmünchen
Beruf:Psychologe, Sachbuchautor und Generationenforscher
Neueste Publikation:Generation lebensunfähig. Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden, Yes Publishing

Generationenforscher rechnet mit Helikopter-Eltern ab: „Kindern wird zu viel abgenommen“

Ebenso wie Pädagoge Albert Wunsch, der die heutige Kinder-Erziehung zerreißt, da sie eine Generation „aufgeweichter Jammergestalten“ produziere, warnt auch Maas, heutige Eltern verwöhnten ihre Kinder zu sehr. Jedes dritte Kind zeige inzwischen Verhaltensauffälligkeiten, wie aus den Daten des Forschungsteams um Maas am Institut für Generationenforschung in Augsburg hervorgeht. Zum Beispiel gelinge es den Kleinen heute seltener, ihre Langweile selbst zu überwinden, auch ihre „Frustrationstoleranz“ sei geringer. Maas im „Focus“-Interview: „Es wird den Kindern zu viel abgenommen“ – und das fange bereits im Kleinkind-Alter an.

„Auf die heiße Suppe pusten, kann schon ein kleines Kind – und es kann lernen, sich selbst anzuziehen.“ Es gebe insgesamt weniger Grenzen und Strukturen. Das kann man der Mutter, die Miete von 7-jährigem Sohn verlangt, damit er Verantwortung lernt, sicher nicht vorwerfen.

Ein kleiner Junge sitzt wütend heulend mitten auf dem Gehweg – vermutlich ein Kind von zu weichen Helikoptereltern
Generationenforscher Rüdiger Maas warnt: Überfürsorgliche Eltern machen aus den heutigen Kindern eine unselbständige Generation ohne Lebensmut. © buenafoto/Adobe Stock

Das Leben mit Smartphone und Co. macht Kinder abhängig und unfähig, Geduld zu lernen

Aber auch die Digitalisierung spiele eine große Rolle. Kinder könnten sich ein Leben ohne Smartphone und Co. nicht mehr vorstellen und sich anschauen, was – und vor allem wann – sie es wollen. Durch Streams müsse niemand mehr fiebrig darauf lauern, dass ein Film oder eine Serie beginnt. „Dieses geduldige Warten haben die Kinder nie trainieren können“, so Maas im Interview mit dem „Focus“. Die Eltern befeuerten das Ganze dann noch, indem sie ihren Nachwuchs ständig bespaßen wollen – und das meist digital. Laut einer Suchtexpertin wirken Handys auf Kinder „wie ein Gramm Kokain“.

Auf die heiße Suppe pusten, kann schon ein kleines Kind – und es kann lernen, sich selbst anzuziehen.

Rüdiger Maas

Generation von unglücklichen Kindern – Corona hat alles noch viel schlimmer gemacht

Die Corona-Pandemie mit den zahlreichen Lockdowns hat die Situation nur noch verschlimmert. Kinder werden stundenlang vor dem iPad oder dem Smartphone in der digitalen Welt alleingelassen. „Dadurch werden die Kinder in der analogen Welt immer unsicherer und brauchen immer mehr Strukturen, um sich zurechtzufinden.“

Studien von UNICEF und dem Deutschen Kinderhilfswerk aus dem Jahr 2020 zeigen, dass jedes vierte Kind in Deutschland unglücklich ist, erklärt Maas: „Jedes vierte Kind hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Jedes vierte Kind berichtet inzwischen von depressiven Symptomen.“ Laut dem Psychologen würden heutige Eltern „mit aller Macht versuchen, das Glück in die Kinder hineinzubekommen, anstatt den Kindern die Chance zu geben, das Glück selbst zu entdecken.“ Die Erziehungsberechtigten würden damit viel zu viel auf einmal wollen.

Die Erklärung ist, dass wir heute mit aller Macht versuchen, das Glück in die Kinder hineinzubekommen, anstatt den Kindern die Chance zu geben, das Glück selbst zu entdecken. 

Rüdiger Maas im „Focus“-Interview

Rüdiger Maas warnt in seinem Buch „Generation lebensunfähig“ Eltern vor alarmierenden Hinweisen

Die Langzeitfolgen der „Generation lebensunfähig“, wie sie Maas in seinem Buch bezeichnet, könnten derzeit nur schwer abgeschätzt werden. Es gebe jedoch alarmierende Zeichen: „Unsere Studien zeigen, dass Auffälligkeiten bei Kindern am häufigsten im sprachlichen Entwicklungsbereich auftreten.“ Maas macht klar, dass nicht allein die Eltern an dieser Entwicklung Schuld seien. Es komme auch ein „gewisser Druck“ aus der Gesellschaft hinzu, zum Beispiel, wenn alle Kinder das neue iPad haben wollen. „Wir sind da inzwischen in einer Spirale gefangen, die den Kindern überhaupt nicht mehr guttut.“

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Psychologe Rüdiger Maas fordert: Kinder sich selbst beweisen lassen: „Mein Buch soll wachrütteln“

In seinem neuen Buch „Generation lebensunfähig: Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden“ geht Maas auf diese Probleme noch genauer ein. „Mein Buch soll wachrütteln.“ Sein Tipp an die heutige Elterngeneration: „Wir müssen die Kinder ernst nehmen – und zwar als Kinder ernst nehmen. Wir müssen ihnen die Chance geben, sich zu beweisen.“ Es sei es enorm wichtig, dass Eltern in der wenigen Zeit, die sie mit ihren Kindern haben, das Smartphone zur Seite legen.

Ob die Maßnahme, die im Zuge der Gender-Debatte diskutiert wird, dass Kinder aus Rücksicht auf diverse Familien künftig nicht mehr „Mama“ und „Papa“ sagen sollen, sondern „Erwachsene“, ein Schritt in Richtung Eigen-Verantwortung ist oder sie weiter verunsichert, wird sich zeigen. * 24hamburg.de, 24vita.de und kreiszeitung.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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