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„Fast schon diktatorisch“: Erste Stadt will Fleisch-Werbung verbieten

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Von: Christian Einfeldt

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Eine niederländische Stadt will daher die öffentliche Werbung von Fleischprodukten verbieten. Denn die Fleischproduktion gilt als großer Antreiber der Klimakrise.

Haarlem – Mit öffentlicher Werbung für Autos mit Verbrennungsmotoren soll in Amsterdam, Den Haag, Leiden und Haarlem schon bald Schluss sein. Wie der „Stern“ berichtet, sollen auch keine Flüge mehr beworben werden. Gleiches Schicksal könnte der Werbung für Fleischprodukte zuteilwerden. Ausgangspunkt aller Diskussionen ist der politische Wunsch, klimaschädliche Produkte aus dem Alltag zu verbannen. Den Konsum, der die Klimakrise unter anderem erst bestärkt hat, will man nicht weiter mit Werbung fördern. Die niederländische Stadt Haarlem will daher ab 2024 sämtliche Bewerbung von Fleisch aus dem Stadtbild entfernen – und entfacht dabei eine Debatte rund um das Thema Meinungsfreiheit.

Stadt in Niederlande:Haarlem
Fläche:32,09 km²
Bevölkerung:235.141
Provinz:Nordholland

Debatte in den Niederlanden: Erste Stadt will Fleischwerbung verbieten – „sind Teil der Ursache“

Mit einem Fleisch-Werbeverbot möchte die niederländische Stadt Haarlem auf die hohen Emissionen aufmerksam machen, die die Fleischproduktion hervorbringt. Werbung für Fleischprodukte in der Öffentlichkeit zeigen, aber gleichzeitig den Klima bekämpfen wollen? Für die Partei GroenLinks steht es in einem Widerspruch zueinander. Sämtliche Werbung von Fleischprodukten soll verschwinden – ob in Bussen oder auf Werbetafeln der Stadt.

Medienberichten zufolge gab es bereits Veganer, die KFC angeklagt haben, weil sie Fleisch gegessen haben. In einem anderen Fall sei eine klagt eine Veganerin einen Supermarkt an, er habe sie „zum Fleischverzehr verführt“. Würde Fleisch nicht mehr beworben werden, wäre die Gefahr natürlich deutlich geringer, dass es zu solchen kuriosen Meldungen kommt – doch, das ist nicht der Punkt, auf den die niederländische Politik mit ihrer Forderung hinaus möchte.

Ein Werbeplakat einer Burger-Kette mit großem Burger, daneben die Aufschrift „verboten“
In den Niederlanden wird aktuell ein Verbot von Fleischwerbung debattiert. (Symbolbild, 24hamburg.de-Collage) © Mavericks/Imago

Ziggy Klazes, Politikerin von GroenLinks, hatte die Forderung zuerst öffentlich gemacht. Gegenüber dem niederländischen Radiosender „Haarlem105“ geht sie auf die Beweggründe der Initiative ein. „Es geht uns nicht darum, was die Menschen in ihren eigenen Küchen braten, wenn die Menschen weiterhin Fleisch essen wollen, fein“. Der Kern der Forderung: „Wir können den Leuten nicht sagen, es gibt eine Klimakrise und sie gleichzeitig ermutigen, Produkte zu kaufen, die ein Teil der Ursache sind.“ 

Wir können den Leuten nicht sagen, es gibt eine Klimakrise und sie gleichzeitig ermutigen, Produkte zu kaufen, die ein Teil der Ursache sind.

Ziggy Klazes, Politikerin von GroenLinks

Große Kritik nach Forderung: „Verbot von Fleisch-Werbespots schon fast diktatorisch“

Die christlich-demokratische Partei Christen-Democratisch Appèl befürwortet das Vorhaben des Werbeverbots und so könnte die ungewöhnliche Methode gegen den Klimawandel schon bald Alltag werden – wenn das Verbot Realität werden sollte, dann jedoch keineswegs ohne Nebengeräusche. Wie unter anderem BBC berichtet, gibt es innerhalb des Stadtrates bereits eine große Debatte rund um das Thema Meinungsfreiheit. Zufolge von Stadt-Politiker Joey Rademaker ist das „politisch motivierte Verbot von Werbung schon fast diktatorisch“. Für seine Partei ist das Ganze „ein nicht akzeptablen Verstoß gegen die unternehmerische Freiheit – fatal für Viehzüchter“ sowie Fleischproduzenten und -verarbeiter wie Fleischer.

Die Forderung der niederländischen Regierung, in der Viehzucht emissionsärmer zu werden, führte dieses Jahr bereits zu Bauernprotesten – auch Bauern aus Niedersachsen beteiligten sich. Dass man schon bald gänzlich auf Fleischwerbung verzichten könnte, ist auch für die niederländische Fleischwarenindustrie unvorstellbar. Aus Kreisen der niederländischen Fleischwarenindustrie heißt es derweil unteranderem: „Die Autoritäten gehen zu weit darin, den Menschen zu erzählen, was das beste für sie ist!“

Die Antwort auf die Forderung des Werbeverbots folgte unmittelbar. Eine Kampagne namens „Nederland Vlessland“ (ins Deutsche übersetzt: „Niederlande, Land des Fleisches“) prangert die Bevormundung an, die Kritikerinnen und Kritiker in einem möglichen Fleisch-Werbeverbot sehen.

Facebook-Nutzer zerreißen Werbeverbot für Fleischprodukte: „Erbärmlich“ und „militanter Veganismus“

Auf Facebook gibt es kaum einen positiven Kommentar zu dem Vorhaben: „Völliger Unsinn“ und „erbärmlicher Schwachsinn“ heißt es in Kommentaren – andere User wollen gleich einen „militanten Veganismus“ als Ursache ausgemacht haben. Viele bemängeln das geplante Verbot aber auch durchaus sachlich: „Können wir bitte lieber Wett- und unseriöse Kreditwerbung verbieten?“, fragt eine Userin.

Viele weitere Kommentatoren halten andere Probleme, die ebenfalls zur Klimakrise beitragen, für wesentlich wichtiger: „Wir sollten lieber den Reichen verbieten, mit viel Kerosin nutzlos um die Welt zu fliegen“, heißt es – und: „Dieselben Politiker kutschieren in SUVs ihre fast erwachsenen Kinder zur Schule“ – ein Thema, das immer wieder Wellen schlägt: Offenbar helikoptern immer mehr Eltern selbst auf dem Schulhof, erste Schulen ergreifen bereits Maßnahmen.

Werbeverbot für Fleischprodukte in den Niederlanden? Umfrage ist eindeutig

Und was denkt die niederländische Öffentlichkeit? Eine Umfrage der niederländischen Zeitung „De Telegraaf“ teilt ein eindeutiges Ergebnis. Zu sehr würde ein Verbot von Fleischprodukten in das individuelle Leben eingreifen. 85 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben an, Fleisch zu essen. Nur ein Bruchteil in Form von sieben Prozent stimmt jedoch den politischen Forderungen der Niederlanden zu. Herman Bröring, ein Jura-Professor der Universität Groningen, bezweifelt daher, ob es wirklich zum Verbot kommen könnte. Auch sieht mit der Forderung das Recht der Meinungsfreiheit gefährdet. Klagen von Supermärkten wären die unausweichliche Folge.

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