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Pädagogin meint: Heutige Eltern erziehen „unselbstständige Tyrannen“

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Von: Ulrike Hagen

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Wer dachte, Helikoptereltern seien die Krönung übertriebener Fürsorge, irrt sich. Rasenmäher-Eltern gehen noch weiter. Experten warnen vor den Folgen. 

Hamburg – Klar, Eltern wollen in der Regel nur das Beste für ihre Kinder. Doch diese Fürsorge treibt immer absurdere Blüten. Nicht nur die Polizei ist im Kampf gegen Elterntaxis und Chaos vor Hamburger Grundschulen aktiv. Immer mehr Schulen wehren sich, weil Eltern sogar auf Pausenhof „helikoptern“ und ihren Kindern im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Unterrichtsstunden auflauern. Nun, das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

Denn die Helikoptereltern werden von einer neuen Generation Erziehender getoppt: den Rasenmäher-Eltern.

Deutscher Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler:Klaus Hurrelmann
Geboren:10. Januar 1944 in Gotenhafen
Ehepartnerin:Doris Schaeffer
Tätigkeit:Professor of Public Health and Education, Hertie School, Berlin.

Schlimmer als Helikoptereltern: Rasenmäher-Eltern machen aus Kindern „schwache Persönlichkeiten“

Wer also dachte, Helikoptereltern, die rund um die Uhr über ihren Kindern zu schweben scheinen, um sie vor jeder Gefahr zu beschützen, seien bereits die Krönung übertriebener Fürsorge, liegt falsch. Denn sogenannte Rasenmäher-Eltern begleiten ihre Sprösslinge nicht nur auf Schritt und Tritt und bemühen sich 24/7 darum, ihrem Kind das Leben so einfach wie möglich zu machen.

Ein trotziger Junge liegt am Boden, heult und umklammert das Bein eines Elternteils
Familientherapeutin Anette Frankenberger warnt: Rasenmäher-Eltern erziehen Kinder zu „unselbstständigen Tyrannen“: Sie seien ängstlich und ihr Selbstwertgefühl leide, weil ihn jedes Hindernis aus dem Weg „gemäht“ werde. © Fotalia

Jedes Hindernis wird weg „gemäht“ – Rasenmäher-Eltern ertragen es nicht, Kinder scheitern zu sehen

Dass ihre überbordende, so gut gemeinte „Liebe“ ebenso wie die der Helikoptereltern, die laut Forscher gar eine „Generation lebensunfähig“ produziert haben, ihre Kinder unglücklich macht, ist den Eltern natürlich nicht bewusst. Doch: „Kinder, die nie auf Hindernisse stoßen, lernen nicht, sich aus eigener Kraft durchzusetzen, Konflikte durchzustehen, Spannungen auszuhalten, zu scheitern. All diese Dinge gehören aber eigentlich zu einer gesunden Entwicklung dazu“, erklärt der Sozial- und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann gegenüber „Focus online“.

In Wahrheit erziehen sie unselbstständige kleine Tyrannen. Zu Hause sind sie Tyrannen, woanders sind sie ängstlich, weil es ihnen an Selbstbewusstsein fehlt.

Familientherapeutin Anette Frankenberger

Die Erziehungswissenschaftlerin Christine Falk-Frühbrodt berichtet in einem Blogbeitrag ihres Institutes IFLW: „Rasenmäher-Eltern sind Lehrern wohlbekannt, denn keine andere Berufsgruppe ist häufiger mit ihnen befasst. Wer Kind einer Rasenmäher-Mutter ist, hat stets fehlerfreie Hausaufgaben, oft ohne in Klassenarbeiten eine vergleichbare Leistung abrufen zu können.“ Sie warnt: „Leider können Kinder so nicht lernen, dass man an Problemen wachsen kann und dass sie vieles – wenn nicht gar alles – mit Ideen, Fleiß und Disziplin selbst erreichen können.“

Familientherapeutin Anette Frankenberger rechnet mit überfürsorglichen Eltern ab

Auch die Familientherapeutin Anette Frankenberger ist kein Fan der super-überfürsorglichen Erziehung. Auch sie warnt ausdrücklich vor den „erheblichen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder“ – diesen Auswirkungen stellt sie ein vernichtendes Urteil aus: Diese Eltern meinen es zu gut, „doch sie tun ihren Kindern keinen Gefallen“, steht für die Pädagogin fest. Im Gegenteil meint die Fachfrau über Rasenmäher-Eltern: „In Wahrheit erziehen sie unselbstständige kleine Tyrannen. Zu Hause sind sie Tyrannen, woanders sind sie ängstlich, weil es ihnen an Selbstbewusstsein fehlt.“

Denn die Rasenmäher-Eltern griffen den Kindern immer wieder in völlig unnötigen Situationen unter die Arme, so vermittelten sie den Kleinen das Gefühl, nichts alleine zu schaffen. Das gehe dann fatal auf Kosten der Selbstachtung und des Selbstwertgefühls: „Man erreicht damit junge Erwachsene, die immer durchgeschleppt wurden und nichts selber können. Irgendwann sind sie aber der rauen Wirklichkeit ausgesetzt.“

Experten warnen: Eltern erziehen „zur Abhängigkeit, Passivität und Inkompetenz“

Wie bereits andere Pädagogen Helikoptereltern anklagen: „Überbehütung ist Vernachlässigung“, gibt auch Falk-Frühbrodt zu bedenken: Eltern, die ihren Rasenmäher auspacken, um dem Kind eine Abkürzung zu ebnen, erziehen ihr Kind „zur Abhängigkeit, Passivität und letztlich zur Inkompetenz“. Auch der umstrittene Pädagoge Albert Wunsch zerreißt die heutige Kinder-Erziehung: „Aufgeweichte Jammergestalten“ seien das Produkt einer falsch verstandenen Soft-Pädagogik.

 Man kann Eltern also nur dringend dazu ermuntern, nur dann schützend einzugreifen, wenn eine akute Gefahr besteht und die Kinder ansonsten auf Schwierigkeiten stoßen zu lassen.

Bildungs- und Gesundheitsforscher Klaus Hurrelmann im Gespräch mit „Focus Online“

Eine bereits 2018 veröffentlichte Studie von Forschern der University of Minnesota, der University of North Carolina und der Universität Zürich ergab, dass Zweijährige, die mit überfürsorglichem Erziehungsstil der Mutter erzogen wurden, als Fünfjährige größere Schwierigkeiten hatten, ihre Impulse und Emotionen zu kontrollieren. Sie fielen als Zehnjährige auch durch schwächere schulische Leistungen und emotionale Probleme auf.

Rasenmäher-Kinder haben Schwierigkeiten, Erwachsenwerden zu bewältigen

Fazit: Kinder von überfürsorglichen Eltern haben größere Probleme in der Schule. Es fällt es ihnen schwerer, Freunde zu finden. Und es falle auf, so die Wissenschaftler, dass sie insgesamt Schwierigkeiten damit hätten, die Anforderungen des Erwachsenenwerdens zu bewältigen.

Dem deutschen Bildungsforscher Klaus Hurrrelmann zufolge sind etwa 20 bis 25 Prozent von einem überfürsorglichen Erziehungsstil betroffen. „Diese Kinder kommen alle aus gut situierten Haushalten. Ihre Eltern haben einen hohen Bildungsgrad und sie sind sehr besorgt um ihre Kinder“, so der Soziologe im Gespräch mit „Focus online“.

Etwa 20 bis 25 Prozent der Kinder „leiden“ unter einem überfürsorglichen Erziehungsstil

Diese Ängstlichkeit entstehe, weil viele Eltern glaubten, das Leben in der heutigen Gesellschaft sei so gefährlich wie nie zuvor. „Man kann Eltern also nur dringend dazu ermuntern, nur dann schützend einzugreifen, wenn eine akute Gefahr besteht und die Kinder ansonsten auf Schwierigkeiten stoßen zu lassen und ihnen zu helfen, die Schwierigkeit richtig einschätzen zu lernen, um diese dann möglichst selbstständig meistern zu können.“ Eine Lektion, die eine 13-Jährige, die zur Strafe fürs Schwänzen von Eltern auf einer einsamen Insel ausgesetzt wurde, sicher gelernt hat.

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