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Autofreie Stadt: Video heizt Forderung nach Hamburgs Innenstadt ohne Autos an

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Von: Anika Zuschke

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Viele wollen die Hamburger Innenstadt und Stadtviertel ohne Autoverkehr. Künstler Jan Kamensky zeigt, wie das aussehen könnte. Ist eine autofreie Stadt realistisch?

Hamburg – Die Hamburger Innenstadt ohne Autos – momentan ist das noch ein kaum vorstellbares Szenario. Denn derzeit steigt die Anzahl zugelassener Pkw in der Hansestadt jährlich sogar an. Aber eine Stadt ohne lärmende, umweltschädliche und Unfall-verursachende Kraftwagen klingt doch eigentlich ganz angenehm. Das dachte sich auch der Videokünstler Jan Kamensky, der in seinen Videoanimationen aufzeigt, wie beliebte Plätze Hamburgs autofrei aussehen könnten. Aber ist das überhaupt ein realistisches Szenario?

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Gegründet:500 n. Chr.
Bürgermeister:Peter Tschentscher

Autofreie Innenstadt Hamburg: Video von Jan Kamensky zeigt, wie die Stadt ohne Autos aussehen könnte

In der neuen Videoanimation des Hamburger Künstlers Kamensky ist der Harald-Stender-Platz auf St. Pauli zu sehen, der Vorplatz der Südkurve im Millerntorstadion. Zunächst scheint alles alltäglich, Autos stehen auf dem Parkplatz hinter dem FC St. Pauli-Logo und bewegen sich träge. Doch bereits wenige Sekunden später fliegen die Pkw durch die Luft, um einer grünen Oase mit Blumenbeeten, Basketballplatz und einer Skate-Rampe Platz zu machen. Statt Autos nutzen die Menschen im Video nun Fahrräder oder Lastenräder als Fortbewegungsmittel.

Für eine Animation dieser Art benötigt Kamensky der Hamburger Morgenpost zufolge etwa eine Woche. Die Zeit investiert der Künstler aber nicht aus Jux und Tollerei, es steckt auch eine Motivation dahinter: „Ich wollte mich nicht länger damit begnügen, auf den immer dringenderen gesellschaftlichen Wandel zu warten, sondern selbst einen Beitrag leisten“, erklärt der Videokünstler gegenüber der MOPO. Deswegen habe er überlegt, wie er seine Talente dafür einsetzen könne.

Visuelles Experiment „autodominierte Straßen in menschenfreundliche Orte verwandeln“

Im Zuge dessen habe Kamensky das Experiment „autodominierte Straßen in menschenfreundliche Orte zu verwandeln“, gestartet. Die Videoinstallationen sollen laut MOPO nicht als konkrete Vorschläge verstanden werden, sondern eher aufzeigen, was theoretisch möglich wäre. Doch natürlich würde sich Kamensky über die eine oder andere Realisierung seiner Visionen trotzdem freuen.

Autofrei durch Hamburg: Senat will mit HVV „Hamburg-Takt“ und Tempolimit 30 Mobilitätswende beschleunigen

Die Stadt Hamburg würde das sicherlich unterschreiben: Denn auch der Senat möchte den Individualverkehr deutlich reduzieren. Das zeigen Projekte wie der sogenannte „Hamburg-Takt“, durch den die Mobilitätswende in der Hansestadt beschleunigt werden soll. Bald schon soll es für jeden Hamburger möglich sein, innerhalb von fünf Minuten in einen passenden Bus, S- oder U-Bahn oder einen Shuttle-Service einzusteigen, der die Bürger an ihr Ziel bringt. Dafür muss der Bund 30 Millionen Euro hinblättern. Dabei ist es für Nutzer im Hamburger Nahverkehr seit Anfang 2022 auch schon teurer geworden, der HVV erschüttert mit einem Preis-Hammer.

Außerdem macht die Stadt mit höheren Parkgebühren und in die Höhe schießenden Bußgeldern sowie dem Koalitions-Plan, dass bald fast überall in Hamburg Tempo 30 gelten könnte, das Autofahren stets ein wenig unattraktiver. Auch Projekte wie „Superbüttel“, das deutschlandweit bereits im Frühjahr 2021 hohe Wellen geschlagen hat, machen Druck für eine autofreie Stadt. Im Zuge der Initiative soll der Stadtteil Eimsbüttel komplett von privater Pkw-Nutzung befreit werden. Erste Schritte zur Verwirklichung der Idee wurden bereits eingeleitet.

Ein computeranimiertes Szenario, wie das Millerntor auf St. Pauli in Hamburg ohne Autos aussehen könnte.
Eine Stadt ohne Autos: So könnte ein autofreies Millerntor in Hamburg aussehen. © Screenshot Twitter @jan_kamensky

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Autofreie Stadt Hamburg: Projekte von autofreien Stadtteilen stoßen auf Kritik – besonders bei Ladenbesitzern

Kommen diese Initiativen bei den Hamburgern denn gut an? Der Jungfernstieg im Zentrum der Stadt ist bereits seit einiger Zeit autofrei. Deswegen nutzten auch Klimaaktivisten von „Extinction Rebellion“ die Straße bereits für ihre Proteste. Dass laute und protzige Autos nun nicht mehr über die schöne Flaniermeile an der Alster rasen können, ist sicherlich für viele eine Erleichterung – aber was passiert, wenn auf einmal ein ganzer Stadtteil autofrei werden soll?

Im Stadtteil Volksdorf wollte die rot-grüne Regierung temporär eine autofreie Zone einführen – Händler liefen dagegen aber Sturm. Diese äußerten ihre Sorge über Umsatzrückgänge, zum Beispiel aufgrund der verringerten Anzahl von Parkplätzen. Auch in dem beliebten Bummel-Distrikt Ottensen wurden von September 2019 bis Februar 2020 zentrale Straßen zur Fußgängerzone umgewandelt. Das Projekt fiel unter den Namen „Ottensen macht Platz“.

Bei vielen Bewohnern kam die Initiative sehr gut an, die zeigte, wie schön und ruhig autofreie Innenstädte sein können. Doch auch in diesem Fall beklagten sich vor allem Ladenbesitzer über ausbleibende Kunden und Anwohner beschwerten sich darüber, dass sie so nicht mehr zur Arbeit und zurück kämen. Das Projekt wurde vorzeitig beendet. Inzwischen arbeitet der Bezirk laut MOPO an einer Neuauflage des autoarmen Quartiers.

Studie zur Möglichkeit einer Stadt ohne Autos ergibt: Kinder und Wege ins Umland sind ein Problem

Initiativen wie diese zeigen auf, dass der Verzicht aufs Auto zwar eine häufig positiv konnotierte Idee darstellt, sich aber in vielen Fällen schlicht noch nicht umsetzen lässt – besonders im Umland. Forscher der Universität Hamburg untersuchten in einem Reallabor, was Menschen dazu bewegen könnte, ihr Auto abzuschaffen. Dafür ließen mehrere Hamburger über einen Zeitraum von drei Monaten ihren Pkw in der Garage stehen.

Projektleiterin Prof. Dr. Katharina Manderscheid erklärt gegenüber der Hamburger Morgenpost die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben haben: „Ein Knackpunkt sind tatsächlich Kinder. Wenn nicht nur der Nachwuchs, sondern auch noch andere Dinge transportiert werden müssen, braucht man im Grunde zwei Personen mit Lastenrad und Kinderanhänger.“ Auch schlecht angebundene Wege ins Umland seien häufig ein Problem gewesen.

Autofreie Stadt: Sogar „Generation Greta“ möchte nicht auf ein Auto verzichten

Der Verzicht aufs Auto stellt sich ohne den Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln ins Umland also als logistisch schwierig heraus. Aber ist der Wille immerhin da? Die renommierte Trendstudie „Jugend in Deutschland“ von Jugendforscher Simon Schnetzer und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann beweist laut 24auto.de das Gegenteil: Sogar bei der „Generation Greta“, die als besonders umweltbewusst gilt, können sich 80 Prozent der Befragten ein Leben ohne Auto nicht vorstellen*. Nur 19 Prozent zeigten sich bereit, dauerhaft auf ein eigenes Auto zu verzichten. Rund 60 Prozent seien regelmäßig per Pkw unterwegs.

Vielleicht zieht ein Ansporn durch finanzielle Unterstützung mehr? Darauf setzt eine Initiative, die 1.100 Euro jährlich für jeden fordert, der kein Auto hat*. Oder der Bildungsfaktor? Studienergebnisse belegen nämlich, dass höher gebildete Menschen häufiger Fahrrad fahren*.

Im Endeffekt kommt es darauf an, was die Stadt ihren Bürgern für Alternativen zum Auto bietet. Der Ausbau des HVV ist ein guter Start, doch auch öffentliche Verkehrsmittel ins Umland müssen zunehmend gefördert werden. Bei schönem Wetter kann sich jeder Hamburger aber auch einfach mal an die eigene Nase fassen und statt ins Auto aufs Fahrrad steigen. Das ist nämlich nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch besser für die eigene Gesundheit! * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und 24auto.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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