„Als Fürsorge getarnte Niedertracht“

Markus Lanz sauer: Boris Palmer (Grüne) redet sich in Rage

Der Hamburger ZDF-Fernsehmoderator Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über die Coronavirus-Krise.
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ZDF-Fernsehmoderator Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über die Coronavirus-Krise. (Screenshot)
  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
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Bei Markus Lanz im ZDF wurden wieder einmal das Coronavirus und die damit verbundenen Einschränkungen diskutiert. Ein Grünen-Politiker brachte Zündstoff mit.

  • Markus Lanz: Tübinger Oberbürgermeister mit diffusem Auftritt.
  • Hamburger Fernsehmoderator attackiert Grünen-Politiker Boris Palmer.
  • Coronavirus-Krise: Lanz bezichtigt Palmer der Lüge.

Hamburg – In der „Markus Lanz“-Ausgabe von Mittwoch, den 29. April 2020, war Grünen-Politiker Boris Palmer per Videoschalte zu Gast. Der Oberbürgermeister von Tübingen hatte unlängst mit seinem Auftritt im Sat.1-Frühstücksfernsehen polarisiert. Dort ließ der 47-jährige Süddeutsche verlauten: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“, berichtet merkur.de.*

Markus Lanz entsetzt: Grünen-Politiker Palmer trifft polarisierende Aussagen

Doch nicht nur aufgrund dieser Aussage war dem Hamburger Fernsehmoderator und seinen Gästen genug Anlass gegeben, um sich verbal auf Palmer zu stürzen. In einem Interview mit der „Welt legte der Politiker nach und sprach von einer „absichtlich herbeigeführten Weltwirtschaftskrise“. Zu viel für den 51-jährigen Lanz, der sich in seiner neuesten Sendung mehr als empört über Palmer zeigt.

Auch die weiteren ZDF-Gäste von Lanz sind nicht konform mit den hanebüchenen Aussagen von Palmer. Neben ihm waren der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, ebenfalls zugeschaltet, SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, die Ökonomin Prof. Veronika Grimm und Palliativmediziner Dr. Matthias Töns zu Gast. Und eindeutig nicht mit dem einverstanden, was Palmer zuletzt von sich gegeben hat.

Zustimmung für Söder, Ablehnung für Palmer

Der Satz von Palmer bereite ihm „Riesen-Bauchschmerzen“, sagt Söder. „Wenn ein Staat entscheidet, dass ab einem bestimmten Alter oder in einer bestimmten Situation jemandem bewusst eine Behandlung verweigert wird, das ist mit meinen ethischen und christlichen Vorstellungen nicht zu vereinbaren“, positioniert sich der gebürtige Franke klar.

Im Hamburger Fernsehstudio hat Söder aber auch ein paar Vorschläge für die „Durchstartphase“ nach der „Durchhaltephase“ parat: „Soli früher als geplant abschaffen und so die Binnennachfrage erhöhen. 10.000 Euro Prämie für den Kauf von Elektro-Autos, Sonderabschreibungen für Unternehmen“. Der CSU-Parteivorsitzende nennt dies „[k]luges Wirtschaften und Anpassen an die Herausforderungen“.

Auch auf die Frage, wie all dies zu finanzieren sei, weiß Söder eine eindeutige Antwort zu geben: „Das sind natürlich Schulden, die da gemacht werden. Ganz klar“. Dafür erhält der 53-Jährige zustimmenden Nicken von einem weiteren Gast der „Markus Lanz“-Runde. Karl Lauterbach ist d‘accord mit Söders Vorschlägen, kann den Gedanken Palmers aber rein gar nichts abgewinnen.

Hamburger Fernsehmoderator: Lanz wirft Palmer „als Fürsorge getarnte Niedertracht“ vor

Als Palmer beschwichtigt, dass es ihm doch lediglich darum gehe, Risikogruppen durch differenzierte Maßnahmen zu schützen, lehnt Lauterbach dies als „drei Mal falsch“ ab. Dem Mediziner und Gesundheitswissenschaftler zufolge seien nämlich auch jüngere Menschen mit Vorerkrankungen Risikopatienten. Die bisherigen Maßnahmen hätten nur deswegen gewirkt, weil auch alle sich daran gehalten haben.

Palmer wiederum fühlt sich falsch verstanden. Er wolle, dass die Alten vor dem Virus geschützt sind und dass die Jüngeren arbeiten gehen, um letztendlich deren Rente zu bezahlen. Daraufhin erhitzt der Oberbürgermeister mit einem konkreten Beispiel die Gemüter weiter. Ihm zufolge könne eine 37-jähriger Künstler durchaus auftreten, insofern die über 70-Jährigen aus dem Publikum zu Hause bleiben und der Aufführung per Videoschalte beiwohnen.

Der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist hiermit erreicht. Zumindest, wenn es nach Markus Lanz geht. Der Hamburger Fernsehmoderator echauffiert sich und beißt sich fest. Er möchte nicht mit 85 Jahren von einer Gesellschaft weggeschlossen werden, für die er ein Leben lang gearbeitet hat. Das Ganze sei laut Lanz „als Fürsorge getarnte Niedertracht“.

Markus Lanz: Boris Palmer mit widersprüchlichen Aussagen

Währenddessen bewegt sich Ökonomin Grimm unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sieht Chancen für die Wirtschaft und plädiert für einen Weg, der Gesundheitsschutz gewährleiste und die wirtschaftlichen Aktivitäten nicht wie derzeit behindere. Die 48-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin sieht in möglichen Lockerungen das Potential, um Erfahrungen zu sammeln. „Wir müssen auch Risiken eingehen“, fordert Grimm bei „Markus Lanz“.

Doch auch Boris Palmer ist nicht vergessen. Der Politiker wird von Lanz darum gebeten, seine konkreten Vorstellungen zu schildern, die er als Oberbürgermeister von Tübingen hat und inwieweit diese im Alltag umzusetzen sind. Der 47-Jährige berichtet von festgelegten Einkaufszeiten für Ältere, für die zwischen zehn und elf Uhr der Supermarkt reserviert ist.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer polarisiert mit seinen Äußerungen.

Ebenso soll diese Risikogruppe Taxis anstatt des öffentlichen Nahverkehrs nutzen und der Kontakt mit Enkelkindern soll nur noch digital stattfinden. Überlegungen, die weitaus weniger radikal anmuten als der Satz aus dem Sat.1-Frühstücksfernsehen. Senioren für ein oder zwei Jahre wegzusperren, nur damit die Wirtschaft wieder an Fahrt aufnimmt, könne nach Lauterbach aber auch keine Lösung sein.

Lanz in Rage: Hamburger Fernsehmoderator nennt Palmer „verlogen“

Denn „das ist für mich eine groteske Verletzung der Menschenwürde älterer Menschen“, sagt der SPD-Politiker. Auch Markus Lanz stellt sich die Frage, was solche Aussagen bei älteren Menschen für Gefühle auslösen würden – und redet sich in Rage*. „Es ist doch ein Euphemismus, einfach verlogen, wenn wir sagen, wir schützen euch, in dem wir euch wegsperren“.

Immerhin: für seine Äußerung über Coronavirus-Erkrankte hat sich Boris Palmer mittlerweile entschuldigt. Sein Auftritt in der Talkshow von Markus Lanz bereitet dennoch Kopfschmerzen. Bereits die vorherige Ausgabe der ZDF-Produktion von Dienstag, den 28. April 2020, kam mit ordentlich Brisanz daher. Der „Übeltäter“: BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, der mit seinen Argumenten hinsichtlich der geplanten Spielbetriebsaufnahme der Fußball-Bundesliga polarisierte, berichtet 24hamburg.de.

* fr.de und merkur.de sind Teil des bundeweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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