Spur führt zu Erich Honecker

Udo Lindenberg: Rätsel um Kult-Lederjacke gelüftet

  • Yannick Hanke
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75 Jahre Udo Lindenberg, 75 Jahre Panik-Rock: Da gibt es viel, auf das man zurückblicken kann. Etwa, was seine kultige Lederjacke mit Erich Honecker zu tun hat.

Hamburg – Im Mai dieses Jahres konnte Udo Lindenberg runden Geburtstag feiern. Stolze 75 Jahre zählt der Panikrocker seit dem 17. Mai 2021. Grund genug, um auf die lange Karriere des in Hamburg lebenden Musikers zurückzublicken. Abseits legendärer Auftritte ist es vor allem ein Tauschgeschäft mit DDR-Politiker Erich Honecker, das im bunten Lebenslauf von Udo Lindenberg heraussticht. Mittendrin: eine Lederjacke und ein Holzblasinstrument.

Musiker:Udo Lindenberg
Geboren:17. Mai 1946 (Alter 75 Jahre), Gronau (Westfalen)
Alben:UDOPIUM - Das Beste, Stark wie Zwei, Stärker als die Zeit u.v.m.
Geschwister:Erich Lindenberg, Inge Lindenberg, Erika Lindenberg
Eltern:Gustav Lindenberg, Hermine Lindenberg

Udo Lindenberg: Panikrocker aus Hamburg musste in 1970er-Jahren um DDR-Auftritt kämpfen

Schon zu Beginn seiner Karriere in den 1970er-Jahren lebt Udo Lindenberg in der Hansestadt Hamburg. Der gebürtige Westfale sehnt sich jedoch nach einem Auftritt in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Doch soll es auch die Liebe sein, die den Musiker via Tagesvisum immer wieder nach Ost-Berlin zieht. Der Rest ist Geschichte und historisch belegbar.

Was hat es mit der kultigen Lederjacke von Panikrocker Udo Lindenberg auf sich, die im Rostocker Museum ausgestellt wird? (24hamburg.de-Montage)

1973 erscheint der Song „Mädchen aus Ost-Berlin“, zehn Jahre später tritt Udo Lindenberg im Palast der Republik auf. Das weitflächige Gebäude war Sitz der Volkskammer, dem Parlament der DDR. Zudem beherbergte die Volkskammer eine Vielzahl an Veranstaltungsräumen. Ein Auftritt eines Musikers aus dem Westen stellte jedoch keine Selbstverständlichkeit dar. Ganz im Gegenteil.

Eiszeit zwischen BRD und DDR – Udo Lindenberg wittert Chance und nimmt Kult-Song „Sonderzug nach Pankow“ auf

Ende der 1970er-Jahre herrscht eine regelrechte Eiszeit zwischen Ost und West. An einen Auftritt in der DDR, gar an eine Tournee, ist für Udo Lindenberg im Grunde nicht zu denken. Es sind die großen Proteste gegen Beschlüsse der „North Atlantic Treaty Organization“ (NATO), die Lindenberg 1981 zum Song „Wozu sind Kriege da“ inspirieren.

Ein Musikstück, das von der Friedenspropaganda der DDR-Oberen positiv aufgenommen wird. Udo Lindenberg wittert seine Chance hinsichtlich einer Tournee in der DDR und nimmt 1983 ein Lied auf, das an seine Fans im Osten, aber auch an Erich Honecker adressiert ist: „Sonderzug nach Pankow“. In diesem Song wird die eingangs erwähnte Lederjacke zum ersten Mal besungen.

Erich Honecker zog heimlich Lederjacke an – singt Hamburger Musiker Udo Lindenberg

In gewohnt frecher Manier richtet sich Udo Lindenberg im „Sonderzug nach Pankow“ direkt an Erich Honecker. Zur Einordnung: Der kommunistische Politiker war seinerzeit Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sowie Vorsitzender des Staatsrats. Mit anderen Worten: Honecker hatte 1983 die höchsten und wichtigsten Ämter in der DDR inne. Hindert Lindenberg aber nicht an einer saloppen Anrede.

„Honey, ich glaube, du bist doch eigentlich auch ganz locker / Ich weiß, tief in dir drin bist du doch eigentlich auch ein Rocker / Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an / Und schließt dich ein auf‘m Klo und hörst West-Radio“, singt Udo Lindenberg im „Sonderzug nach Pankow“. Der Song begeistert nicht nur die Panikrocker-Fans in der DDR, sondern auch diejenigen, die ihm vorher kritisch gegenüberstanden.

Udo Lindenberg: Bedeutsame Einladung in den Palast der Republik für Panikrocker

Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, entschuldigt sich Lindenberg in einem persönlichen Brief bei Erich Honecker. Denn der „Sonderzug nach Pankow“ sollte nicht als Spottlied wahrgenommen werden. Die schriftliche Entschuldigung zeigt Wirkung. Noch im selben Jahr, also 1983, wird Lindenberg zum Musikfestival „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik eingeladen. Zudem wird dem Panikrocker eine DDR-Tournee mitsamt seines Panik-Orchesters im darauffolgendem Jahr in Aussicht gestellt.

Übrigens: Trotz seines Entschuldigungsschreibens darf Udo Lindenberg den „Sonderzug nach Pankow“ im Palast der Republik nicht aufführen. Die für 1984 versprochene DDR-Tournee fällt auch ins Wasser – und kann vom Musiker mitsamt Band erst 1990 nachgeholt werden. Und dazwischen? Greift Udo Lindenberg zu Stift und Papier und veröffentlicht eine Fortsetzung seines „Sonderzugs“.

Tauschgeschäft mit Erich Honecker: Udo Lindenberg verschenkt Lederjacke und erhält Trompete

„Der Generalsekretär“ thematisiert erneut das ominöse Kleidungsstück: „Und dann komm ich ganz rasant mit einem Trabant / In die Hauptstadt eingefahren / Und da hat Erich dann die Lederjacke an“. Lindenberg bittet erneut um eine Auftrittsgenehmigung in der DDR und fügt seinem Schreiben eine originale Lederjacke bei. Diese hat längst Kultstatus und wurde vom Musiker ihm selbst produzierten Spielfilm „Panische Zeiten“ getragen.

„Wenn ich es recht verstehe, ist sie ein Symbol rockiger Musik für ein sinnvolles Leben der Jugend ohne Krieg und Kriegsgefahr, ohne Ausbildungsmisere und Arbeitslosigkeit“, heißt es im Dankesschreiben von Erich Honecker. Im Gegenzug erhält Udo Lindenberg eine Schalmei, eine klassische Martinstrompete. Und sein Auftritt in der DDR? Kann in den 1980er-Jahren immer noch nicht stattfinden.

Symbol einer friedlichen Revolution: Lindenbergs legendäre Lederjacke im Museum ausgestellt

Das Geschenk von Lindenberg übergibt Erich Honecker an den Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Der kommunistische Jugendverband wiederum versteigert die Lederjacke in Absprache mit der Staatsführung für mutmaßlich 7500 Ost-Mark an den Volkseigenen Betrieb (VEB) „Jugendmode Shanty“ in Rostock.

Im Lauf der Jahre wird die Lederjacke von Udo Lindenberg zum symbolträchtigen Ausstellungsstück im Rostocker Museum. Immer wieder wird das Kleidungsstück an andere Museen ausgeliehen. Das Symbol einer friedlichen Revolution, gestiftet vom pazifistischen Panikrocker Udo Lindenberg. Wie heißt es in „Der Generalsekretär“? „Gitarren statt Knarren“. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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