Hitzige Debatte

Hendrik Streeck zu Gast bei Markus Lanz (ZDF): Virologe redet über Strafanzeige – Karl Lauterbach (SPD) greift an

  • Yannick Hanke
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Hitziges Wortgefecht in der Hamburger ZDF-TV-Talkshow von Markus Lanz. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Virologe Hendrik Streeck und SPD-Politiker Karl Lauterbach. Es geht natürlich um die Heinsberg-Studie, die Strafanzeige gegen den Professor und das Coronavirus. Wird der SPD-Shooting-Star vom Netz gefeiert? Oder muss er Kritik einstecken?

  • Markus Lanz*: Karl Lauterbach läuft zu Hochtouren auf.
  • Virologe Hendrik Streeck spricht über Anzeige gegen ihn.
  • Netz feiert „Corona-Karl“ für ZDF-Auftritt.

Hamburg/Altona – In der Markus Lanz-Ausgabe vom Mittwoch, 1. Juli 2020 sind Epidemiologe Karl Lauterbach (SPD), Virologe Hendrik Streeck, Journalistin Cerstin Gammelin und Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven zu Gast im Studio in Hamburg-Altona. Im Fokus stehen der Politiker und der Professor für Virologie, die nicht immer einer Meinung sind und hitzig diskutieren. Das Coronavirus-Sars-CoV-2* macht es möglich.

Mitglied des Deutschen Bundestages:Karl Lauterbach
Geboren:21. Februar 1963 (Alter 57 Jahre), Düren
Ehepartnerin:Angela Spelsberg
Partei:Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Amt:Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2005
Ausbildung:Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf u.v.m.

Markus Lanz (ZDF): Coronavirus-Sars-CoV-2 lässt SPD-Politiker Karl Lauterbach und Virologe Hendrik Streeck diskuzieren - Anzeige gegen Forscher

Nach über 100 Tagen mit dem Coronavirus-Sars-CoV-2 möchte ZDF-Moderator Markus Lanz ein erstes Fazit ziehen. Dafür konfrontiert er zunächst einmal den Virologen Hendrik Streeck mit einer Strafanzeige, die gegen ihn laufen würde. Zum Hintergrund: laut Informationen der Wirtschaftszeitschrift „Capital“ deuten neue Recherchen daraufhin, dass Forscher in einen Konflikt mit wichtigen, wissenschaftlichen Qualitätsstandards geraten sein. Dies soll mit dem extremen Zeitdruck und der Forderung, möglichst schnell Ergebnisse zur Heinsberg-Studie zu liefern, zusammenhängen.

Virologe Hendrik Streeck muss sich viel Kritik gefallen lassen. SPD-Politiker Karl Lauterbach begeistert das Netz. (24hamburg.de-Montage)

Im Kontext dieser Studie soll eine Strafanzeige bei der Kriminalpolizei in Bonn erstattet worden sein, die sich auch gegen Streeck richten würde. Speziell im Zuge der Lockerungsmaßnahmen in Verbindung mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet wurde die Studie immens kritisiert. Auch Laschet sah sich bereits reichlich kritischer Stimmen ausgesetzt, nicht zuletzt in der Hamburger Runde, wo er vom ZDF-Moderator in die Ecke getrieben* wurde. Darüber berichtet 24hamburg.de-MarkusLanz in aller Ausführlichkeit,

Virologe Hendrik Streeck und Karl Lauterbach bei Markus Lanz (ZDF): Hitzige Diskussion über das Coronavirus

„Ich habe erst kurz vor der Sendung von der Anzeige erfahren. Die Studie ist sauber gelaufen. Wir Virologen, genauso wie Drosten, kriegen Drohungen und auch Anfragen, die nach dem Informationsfreiheitsgesetz beantwortet werden müssen. Auf der einen Seite will man Ergebnisse finden, auf der anderen Seite ist es ein unheimlich großer Druck“, erklärt Streeck gegenüber dem 51-jährigen Talkmaster.

Virologe Hendrik Streeck

Das ruft auch Karl Lauterbach auf den Plan. Der SPD-Politiker ist Gesundheitswissenschaftler und hat eine klare Meinung: „Studien können nur genehmigt werden, wenn die Ethikkommission zugestimmt hat. Man muss sich vonseiten der Ethikkommission ein Votum einholen“. Das weiß „Teflon-Streeck“ ganz lässig an sich abzuprallen und betont, dass es für die Studie in Gangelt, einer Gemeinde im Kreis Heinsberg, mehrere Voten der Ethikkommission gegeben hätte. Erst danach sei es möglich, mit Forschungsarbeiten zu beginnen.

Markus Lanz (ZDF): Hamburger Runde debattiert über Heinsberg-Studie – Uneinigkeit zwischen Streeck und Lauterbach (SPD)

Genug der Redezeit für die Gäste, nun übernimmt Moderator Markus Lanz das Zepter der Macht. Der Hamburger* spricht von einem Dilemma, da die Wissenschaft mittlerweile als die ultimative Wahrheit angesehen werde. Wenn Ergebnisse und Erkenntnisse von Forschern sich also als unwahr herausstellen, gibt es ein Problem und das Grundvertrauen sinkt. Den Anstoßpunkt für die nächste Diskussion liefert die „Süddeutsche Zeitung“-Journalistin Cerstin Gammelin. Sie mahnt, dass bei manchen Bundesländern auf die Studie gedrängt wurde.

Nun setzt sich Streeck zur Wehr. „In NRW wurde nicht auf Studien gedrängt. Ich habe die Studien vorgeschlagen. Laschet wollte nicht diese Studie. Ich habe gesagt, ich möchte die durchführen. Im folgenden Verlauf habe ich dann mit ihm darüber gesprochen“, erklärt der Virologe. Er sei seit März immer wieder in Heinsberg gewesen und hätte dort bemerkt, dass vor allem am Anfang besonders schwere Erkrankungen diagnostiziert wurden. „Wir konnten den Eindruck gewinnen, dass vielmehr in Heinsberg infiziert waren, als bekannt sind“, lässt der 42-Jährige verlauten.

Ob er vermute, dass das Coronavirus-Sars-CoV-2 nicht so gefährlich sei, möchte Lanz von Streeck wissen. Dessen ausführliche Antwort: „Ich habe immer gesagt, dass man das Virus nicht dramatisieren und auch nicht bagatellisieren sollte. Wir kennen auch die anderen Coronaviren, die relativ schlecht studiert sind. Wir haben in den letzten Hunderten von Jahren eine Pandemie ausgelöst. Die letzte war vor 600 Jahren. Damals sind die Menschen auch damit umgegangen“.

Sieht Lauterbach anders, der direkt kontert. „Die normalen Coronaviren sind mittlerweile harmlos geworden. In 50 Jahren wird auch das sehr harmlos sein. Davon habe ich aber jetzt nichts. Wir haben eine Todesrate, gemessen an den Infizierten, von 0,5 bis 1 Prozent“, heißt es zunächst vom 57-jährigen SPD-Politiker. Doch der Epidemiologe hat noch mehr zu sagen: „Mir wird immer vorgeworfen, ich würde zu viel warnen. Ich versuche einfach mitzudenken. Was passiert mit denjenigen, die das gehabt haben und Folgeschäden haben?“, fragt er in die Hamburger Runde.

Markus Lanz (ZDF): Karl Lauterbach-Show in Hamburger Talkshow – SPD-Politiker läuft zur Höchstform auf

„Was die Krankheit macht, können wir erst in zehn Jahren abschließend bewerten. Ich bin sehr an der Neurologie dieser Krankheit interessiert. Wir können nicht ausschließen, dass die Erkrankten langfristig eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Demenz zu entwickeln“, gibt Lauterbach zu Bedenken. „Wenn man herunterrechnet, wer einen schweren Verlauf hat, sind das 5 bis 9 Prozent. Nicht jeder hat einen schweren Verlauf. 43 Prozent haben auch keine Symptome gehabt“, hält Streeck ihm entgegen.

Karl Lauterbach (SPD) muss bei Markus Lanz (ZDF) gegen Virologe Hendrik Streeck in den Infight.

„Ob langfristig nicht auch Schäden im Gehirngewebe weniger wahrscheinlich sind als bei SARS-1, weiß niemand“, bleibt der Gesundheitswissenschaftler der SPD bei seinem Standpunkt. Auch weiß Lauterbach detailliert zu schildern, mit welchen Diskussionen er als Resultat der Schulöffnungen konfrontiert wurde. „Ich bekomme da viel Druck. Mir wird vorgeworfen, ich stünde der Schulöffnung entgegen. Der reguläre Schulbetrieb ist mit 30 Kindern, im Herbst kann nicht regelmäßig gelüftet werden. Der reguläre Betrieb wird eine Enttäuschung bringen“, prognostiziert der 57-Jährige.

Markus Lanz (ZDF): Karl Lauterbach (SPD) wird für Auftritt im Netz gefeiert – Zoff mit Virologe Hendrik Streeck

„Es sind die Schulleitungen, wo man sich mehr Engagement wünschen würde. Wir dürfen uns so ein Fiasko in den Schulen nicht noch mal leisten. Wenn es so ist, wenn die Schulen immer wieder geschlossen werden müssen, fände ich es schade, wenn wir nicht vorbereitet sind“, räumt der Politiker ehrlich ein. Und betont, dass die Coronavirus-Sars-CoV-2-Maßnahmen nicht übertrieben gewesen sein: „Hätten wir das nicht gemacht, wären 250.000 bis 500.000 Menschen gestorben. Wir Gesundheitspolitiker sind nicht blind für die anderen Dinge. Der Lockdown war angemessen. Wir werden weltweit dafür bewundert“.

Sieht Streeck etwas anders. „Ich sage nicht, dass der Lockdown falsch war. Wir müssen aufpassen, dass wir keine Scheuklappen-Sicht auf die Pandemie haben. Es werden katastrophale Hungersnöte in den Entwicklungsländern aufgrund von Lieferengpässen vorhergesagt. Es wird eine halbe Million mehr Aids-Tote geben“, lautet das Argument des Virologen. Kann Lauterbach nicht stehen lassen und sagt energisch: „Das ist ein gefährliches Argument. Die ärmsten Länder hat jeder von uns im Blick und das ist dramatisch. Tatsächlich frisst sich die Krankheit leider erst jetzt in die armen Länder rein“.

Das Duell zwischen Karl Lauterbach (SPD) und Virologe Hendrik Streeck findet im Netz viel Beachtung. Und die Sympathien sind klar zugunsten des SPD-Politikers verteilt. „Der Mann hat Nerven wie Drahtseile. Streeck und Leven nicht anzuschreien zeugt von einem Maß an Selbstbeherrschung, das schon fast übermenschliche Züge trägt“, lobt eine Nutzerin. * 24hamburg.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa/picture alliance, Screenshot ZDF-Mediathek/Markus Lanz

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