Diskussion über Umgang mit Senioren

Politiker Franz Müntefering bei Markus Lanz (ZDF): Corona-Risikogruppen Unfug

  • Yannick Hanke
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SPD-Politiker Franz Müntefering regt sich in der ZDF-Talkshow von Moderator über den Umgang mit alten Menschen in der Coronavirus-Krise auf. Das stört ihn.

Hamburg-Altona – In der Markus Lanz-Ausgabe vom Mittwoch, 11. November 2020, sind die Politiker Franz Müntefering (SPD) und Boris Palmer (Grüne), Journalistin Anja Maier sowie Astrophysiker Heino Falcke zu Gast im TV-Studio in Hamburg-Altona. Ex-Vizekanzler Müntefering steht im Fokus, spricht übers Älterwerden und hält nichts von der „Risikogruppen“-Kategorisierung.

Ehemaliger Vizekanzler:Franz Müntefering
Geboren:16. Januar 1940 (Alter 80 Jahre), Neheim, Arnsberg
Partei:Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Ehepartnerin:Michelle Müntefering (verh. 2009), Ankepetra Rettich (verh. 1995–2008)
Kinder:Mirjam Müntefering
Bücher:Unterwegs: Älterwerden in dieser Zeit u.v.m.
Vorherige Ämter:Vizekanzler (2005–2007), Bundesminister für Arbeit und Soziales (2005–2007)

Markus Lanz (ZDF): Franz Münterfering (SPD) bewertet Grünen Boris Palmer

ZDF-Moderator Markus Lanz lässt direkt zu Beginn der Sendung verlauten, dass sich der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering besonders auf Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer gefreut habe. Der 80-jährige SPD-Politiker wird vom Hamburger Talkmaster wie folgt zitiert: „Wie schön, das ist ein sehr kluger, unkalkulierbarer Typ, der immer Streit sucht“. Eine Aussage, die Palmer schmunzeln lässt, Müntefering aber gerade rücken will. „Stören tut mich an ihm gar nichts. Er ist einer, der immer Sprüche und auch Inhalte hat, die immer ein wenig originär sind. So habe ich ihn in den Jahren immer kennengelernt“. Schon bei seinem letzten Lanz-Auftritt hatte Palmer stark polarisiert*.

SPD-Politiker Franz Müntefering hält nichts davon, ältere Menschen in „Risikogruppen“ zu kategorisieren. Dies macht der Ex-Vizekanzler gegenüber ZDF-Moderator Markus Lanz ziemlich deutlich. (24hamburg.de-Montage)

Konnte dies also direkt am Anfang der Talkshow geklärt werden. Für Müntefering sei Grünen-Mann Palmer „sehr eigenständig und autark unterwegs“. Dies müsse nichts Negatives sein, denn „es muss solche und solche geben. Das will ich gar nicht beurteilen“, lässt der erfahrene Politiker sich nicht zu einem diskussionswürdigen Statement verleiten. Für schier grenzenlose Debatten und Diskussionen sorgt hingegen die Coronavirus-Krise, die im Fokus der neuesten Markus Lanz-Ausgabe stehen soll. Mittendrin statt nur dabei: Franz Müntefering und Boris Palmer.

Markus Lanz (ZDF): Ex-Vizekanzler Müntefering spricht sich für Corona-Impfungen aus

Der Hamburger Moderator kommt im Folgenden auf den Impfstoff gegen die globale Pandemie zu sprechen. Über die Nutzung dieses medizinischen Mittels hatte bereits Virologe Hendrik Streeck in der Talkshow berichtet*. Der gegenwärtige Stand: Noch seien mögliche Symptome, die ein sich in der Testphase befindliches Placebo bei Probanden auslöst, nicht hinlänglich bekannt. Sollte der Impfstoff schlussendlich ausgereift sein, würde sich Boris Palmer „auf jeden Fall“ impfen lassen. Daraufhin verweist Markus Lanz auf Umfragen in den USA und Deutschland, denen zufolge 50 Prozent der Befragten sich eben nicht den Impfstoff verabreichen lassen wollen.

Ob Franz Müntefering hierfür eine Erklärung hat? „Wir dürfen nicht so eine Ja/Nein-Situation machen, sondern wir müssen argumentieren. Und wir müssen den Menschen erklären, was da eigentlich stattfindet. Ich glaube, wenn man vernünftig darüber spricht, dann wird die Quote auch noch höher werden. Es wird nicht eine absolute Ablehnung geben. Manche sind eben noch indifferent [...] Aber erstmal müssen wir es haben und dann einen Weg finden, wie man es macht“, heißt es vom SPD-Politiker. Zur sogenannten „Risikogruppe“, die besonders anfällig für das Coronavirus und seine tödlichen Folgen ist, zählt sich der 80-Jährige übrigens nicht.

Markus Lanz (ZDF): Müntefering hälts nichts von Risikogruppen – „ziemlicher Unsinn“

„Ich halte das für ziemlichen Unsinn. Und ich fühle mich nicht als hochgradig Risiko-gefährdet“, sagt der einstige Vizekanzler, der Bundeskanzlerin Angela Merkel* quasi zwei Jahre lang den Rücken freigehalten hat. Dies gibt Markus Lanz eine Steilvorlage, um Müntefering erneut zu zitieren. „Sie sagen, die Alten sind nicht besser, aber auch nicht schlechter dran als die Jüngeren. Wie ist das gemeint?“, fragt der Moderator sein Gegenüber. „Wir haben natürlich Herausforderungen, weil wir wissen, dass wir schwächer und nicht mehr so ausdauernd sind [...] Und wir haben schon alle möglichen Krankheiten gehabt und sind deswegen geschwächt“, antwortet der Sozialdemokrat.

Kurzes durchschnaufen, dann folgt das große „Aber“ des gebürtigen Sauerländers. „Wir älteren haben im Moment den Vorteil, dass wir sozusagen in einer gesicherten, sozialen Situation leben. Nicht alle haben eine Rente, von der sie gut leben können. Aber die meisten älteren Menschen habe eine gesicherte Situation, die auch nicht von Kurzarbeit oder durch Verlust des Arbeitsplatzes betroffen wird. Ich glaube, dass Familien mit aufwachsenden Kindern mindestens genauso viele Probleme in dieser Lage haben, wie es ältere Menschen haben“, erklärt Franz Müntefering.

Markus Lanz (ZDF): „Staat hat unglücklich agiert“ – sagt Franz Müntefering (SPD)

Darauf will Markus Lanz nicht weiter eingehen, der direkt nach vorne prescht. „Aber die Debatte um die Älteren in der Gesellschaft, auch in den letzten Monaten, wie haben sie die wahrgenommen? Gab es Momente, wo sie sich richtig empört haben?“, will der ZDF-Talkmaster von Franz Müntefering wissen. „Der Staat hat in der ganzen Sache unglücklich agiert. Erst einmal kam die Meinung auf, dass die Alten das Problem und die Jungen nicht so sehr von der Pandemie betroffen sind. Das war ein großes Missverständnis auf beiden Seiten“, erzählt der Sozialdemokrat.

Der gut vorbereitete SPD-Mann bezieht sich kurz darauf auf Statistiken und damit auf faktisches Wissen. „Über 65 Jahre alt sind in etwa 20 bis 22 Prozent. Das sind so 16 bis 17 Millionen Menschen. Davon sind etwa 20 Prozent pflegebedürftig nach SGB 11 [Elfte Buch Sozialgesetzbuch, das Vorschriften für die soziale Pflegeversicherung enthält; Anmerkung des Verfassers], das sind ungefähr vier Millionen Menschen [...] Wenn wir jetzt also über die Alten sprechen, wen meinen wir genau? Meinen wir die 16 Millionen oder meinen wir die eine Million in den Pflegeheimen, von denen die Hälfte auch noch ganz gut drauf ist?“.

Markus Lanz (ZDF): Sozialdemokrat Müntefering verurteilt Palmer-Aussage – „nicht akzeptabel“

Eine offene Frage, die Müntefering in die Hamburger Runde wirft und über die seiner Ansicht nach intensiv nachgedacht werden muss. Denn das Skizzierte ist „eine Verkürzung dessen, was Alter und Altsein ausmacht. Was nicht einigermaßen annähernd realistisch beschreibt, wie vielfältig diese ältere Gesellschaft ist und wie rational und vernünftig viele von den Älteren mit dieser Situation umgehen und der Gesellschaft auch helfen“. Sieht SPD-Gesundheitsökonom Karl Lauterbach* bei Markus Lanz ähnlich und schießt sich auf jüngere Menschen ein*.

Das kann Markus Lanz durchaus nachvollziehen, der sich aufrafft und mit einem Einspieler aufwartet, in dem Boris Palmer über die vermeintliche Risikogruppe spricht. In diesem Clip hatte der Grünen-Politiker sich abfällig über Personen fortgeschrittenen Alters geäußert und diesen nur noch ein halbes Jahr zum Leben gegeben. Das sei für Franz Müntefering „nicht akzeptabel, weil man das Recht auf Leben nicht daran messen kann, wie alt jemand ist“. Dem ist nichts hinzuzufügen. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © ZDF Mediathek/Markus Lanz (Screenshot) & ZDF Mediathek/Markus Lanz (Screenshot) & Petr David Josek/AP/dpa

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