Flüchtlingskrise in Europa

Markus Lanz (ZDF): Horst Seehofer (CSU) am Pranger – Innenminister soll Moria-Flüchtlinge retten

  • Yannick Hanke
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In der Hamburger Runde von TV-Moderator Markus Lanz (ZDF) wird intensiv über die Flüchtlingskrise in Europa und den verheerenden Brand im Flüchtlingscamp Moria diskutiert. CSU-Politiker Horst Seehofer wird in die Pflicht genommen.

Hamburg-Altona – In der Markus Lanz-Ausgabe vom Mittwoch, 9. September 2020 sind Migrationsforscher Gerald Knaus, die im Flüchtlingslager Moria tätige Krankenschwester Christine Schmitz, Schauspieler Joachim Meyerhoff, Cellistin Anita Lasker-Wallfisch mit ihrer Tochter Autorin Maya Lasker-Wallfisch zu Gast im TV-Studio in Hamburg-Altona. Im Fokus der ZDF*-Produktion stehen dieses Mal die Flüchtlingskrise in Europa und der Brand im Flüchtlingcamp Moria.

Soziologe:Gerald Knaus
Geboren:1970 (Alter 50 Jahre), Bramberg am Wildkogel, Österreich
Plattenfirma:Dreamscape Media
Alben:Can Intervention Work? (Unabridged)

Markus Lanz (ZDF): Brand im Flüchtlingslager Moria beschäftigt Hamburger Runde

Die Anteilnahme am flächendeckenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos* ist nach wie vor groß. Viele der mehr als 12.000 Geflüchteten, die bis zuletzt auf den griechischen Inseln gelebt hatten, mussten infolgedessen in die umliegenden Wälder und auf Hügel fliehen. Die Tragödie hatte sich in der Nacht zum Mittwoch, 9. September 2020 ereignet, das Flüchtlingscamp ist fast vollständig ausgebrannt.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) wird dazu aufgefordert, Migranten aus dem Flüchtlingscamp Moria in Deutschland aufzunehmen. (24hamburg.de-Montage)

Nicht zuletzt aufgrund der Aktualität der Ereignisse wird dieses Thema auch in der neuesten Markus Lanz-Ausgabe am Mittwoch, 9. September 2020 diskutiert. Der Hamburger Moderator stellt direkt die Frage, warum solche Zustände am Rande der Europäischen Union (EU) überhaupt geduldet werden. Damit spielt der 51-Jährige auf die menschenunwürdigen Bedingungen an, in denen eine die Menschen im Flüchtlingscamp Moria untergebracht war. Eine offene Frage, die den Gästen der ZDF-Talkshow sichtlich schwer im Magen liegt.

Daraufhin folgt eine Schalte zur Krankenschwester Christine Schmitz, die im besagten Camp tätig ist. Sie ist im Rahmen von „Medical Volunteers International“ in humanitärer Mission unterwegs und kann Eindrücke und Einschätzungen aus erster Hand schildern. Das größte Problem sei, das noch nicht bekannt ist, wo all die Menschen abgeblieben sind. Und natürlich die Ungewissheit, wie es nun weitergehen soll. Ungewiss ist auch die Lage der Kneipen-Betreiber in Hamburg*.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) polarisiert mit seiner Flüchtlingspolitik.

Bereits vor dem verheerenden Brand musste bilanziert werden: Die Kapazität in Moria reicht bei weitem nicht aus, um die mehr als 12.000 geflüchtete Menschen entsprechend unterzubringen. Denn das Flüchtlingslager bot lediglich Platz für 2.000 Flüchtlinge. Kurzes Innehalten, dann spricht Schmitz über die Situation und die Zustände in Moria im Rahmen der lebensbedrohlichen Coronavirus-Sars-CoV-2*-Krise. Hauterkrankungen und Krätze seien leider eher die Regel als die Ausnahme gewesen, berichtet die Krankenschwester. Zudem sorge sie sich um Frauen sowie Kinder, ein geregeltes Familienleben sei natürlich nicht gegeben.

Markus Lanz (ZDF): Migrationsforscher fordert „Zivilcourage“ von Innenminister Horst Seehofer (CSU)

Abschließend fordert Christine Schmitz von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) einen Akt der „Zivilcourage“ und meint damit, dass all die Flüchtlinge in Moria, die nun ihre provisorische Unterbringungsmöglichkeit verloren haben, von Deutschland aufgenommen werden sollen. Zustimmung in der Runde, dann folgt der Auftritt vom Soziologe und Migrationsforscher Gerald Knaus. Der Österreicher spricht von den „Vätern und Müttern dieses Problems“ und merkt an, dass in diesem Kontext zahlreiche Personen genannt werden können und müssen.

Die Frage sei jedoch, wer etwas tun könnte, um Abhilfe zu schaffen. „Hier ist Horst Seehofer in einer besonderen Situation, weil Deutschland aufgrund von sehr vielen Freiwilligen, die immer noch auf den griechischen Inseln aktiv sind, große Bereitschaft zeigt, helfen zu wollen“, heißt es von Knaus. Diese Bereitschaft sei auch schon immer wieder von Politikern signalisiert worden, merkt ZDF-Moderator Markus Lanz an. Als Beispiel führt er Linken-Politiker Bodo Ramelow auf, der sich in der vergangene Ausgabe der Talkshow für einen großen Fehler entschuldigt hat*.

Doch zurück zum Kern der Sache. Woran denn die viel beschworene und zitierte Bereitschaft, Flüchtlinge in der Bundesrepublik aufzunehmen, letztendlich gescheitert sei, möchte Lanz vom Migrationsforscher Gerald Knaus wissen. „Der Wille war da, doch im Innenministerium gibt es immer noch die Illusion, dass zunächst eine große, europäische Lösung gebraucht wird. Das ist auf einer Ebene verständlich, wenn gesagt wird, warum einzelne Länder vorangehen sollen. Aber auf einer anderen Ebene ist es moralisch nicht zu rechtfertigen, wenn Hilfsbedürfigen kein Asyl in Deutschland gewährt wird“. So argumentiert auch Katrin Göring-Eckardt (Grüne)*.

In diesem Kontext spricht Markus Lanz von Moral und Anstand. Begrifflichkeiten, denen Gerald Knaus nur zustimmen kann. Er redet sich fast schon in Rage und bemüht Beispiele aus der Vergangenheit, allen voran die Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten. Dies nennt der Soziologe eine „Schande“ und möchte nicht, dass Menschen, die sich auf der Flucht befinden, im 21. Jahrhundert noch immer abgewiesen werden. Übrigens: Auch Herbert Kreul (CDU) beschäftigt sich bei Markus Lanz mit Migration und Integration*.

Markus Lanz (ZDF): Bayern soll Flüchtlinge aufnehmen – Hamburger Moderator warnt vor „Pull-Effekt“

Dann benennt er klare Forderungen, die von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gestellt werden. „Wir haben vorgeschlagen, dass Deutschland anbietet, in den nächsten Monaten 5.000 bis 10.000 Menschen vom griechischen Festland abzuholen und diese menschenwürdig unterbringen“. Gerald Knaus zeigt sich fest entschlossen, CSU-Politiker Horst Seehofer ein Angebot vorzulegen, „dass es überall in Deutschland wichtig wäre, dass auch Bayern mitmacht“. Damit bezieht sich der Migrationsforscher auf die Aufnahme von Flüchtlingen durch die Bundesländer. Manch ein Kind muss derzeit Hunger leiden, merkt auch die Linke Katja Kipping an*.

„Es geht nun darum, eine humanitäre Geste zu zeigen. Über die Politik müssen wir dann als Nächstes sprechen“, sagt Knaus. Doch ZDF-Moderator Markus Lanz will lieber in der Gegenwart bleiben und hält fest: „Lassen Sie uns doch heute darüber sprechen, wie es weitergeht. Über diese Zustände reden wir nun schon seit fünf Jahren, mindestens. Die große Angst ist doch immer, dass wir das alte Problem lösen, dies aber zum sogenannten Pull-Effekt führt. Das verbreitet sich im Zeitalter von Handys rasend schnell und noch mehr Probleme kommen hinzu. Was entgegnen Sie den Menschen?“. Kann auch Peter Altmaier (CDU) in Bezug auf seine Klimapolitik gefragt werden*.

Eine Frage, gerichtet an Gerald Knaus, der wie folgt antwortet: „Das ist keine unberechtigte Furcht, wenn man es schlecht anstellt. Es gib aber auch viele Beispiele, wo die Gefahr einer unbeabsichtigten Sogwirkung nicht eingesetzt hat [...] Wenn wir in den letzten sechs Monaten in einem kontrollierten Prozess aus Griechenland, vom Festland, 15.000 oder 20.000 Menschen aufgenommen hätten, die bereits als Flüchtlinge anerkannt wurden, dann würden wir heute nicht mehr über diese Krise sprechen“. Über eine Krise in Form des Cum-Ex-Skandals spricht Markus Lanz übrigens mit SPD-Politiker Lars Klingbeil*.

Worte, die zum Nachdenken anregen. Wie auch Wolfgang Schäubles (CDU) Verurteilung der Coronavirus-Demo in Berlin vom Samstag, 29. August 2020*. In der Hamburger Runde von ZDF-Moderator Markus Lanz verurteilt der Präsident des Deutschen Bundestages die Reichskriegsflaggen vor dem Parlament schlichtweg als „Schande“*. * 24hamburg.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Martin Schutt/Petros Giannakouris/AP/dpa

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