Mordfall Walter Lübcke

Markus Lanz (ZDF): Linke Sahra Wagenknecht beichtet ihre Angst und verdrängt Politiker-Drohungen

  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
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Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Markus Lanz (ZDF) sind wieder vereint. Das ungleiche Duo spricht über das neu beschlossene Konjunkturpaket und den Mordfall an CDU-Politiker Walter Lübcke.

  • Markus Lanz*: Sahra Wagenknecht spricht über Drohungen.
  • Fall Walter Lübcke: Linken-Politikerin ist entsetzt.
  • Konjunkturpaket erzürnt 50-Jährige.

Hamburg/Altona - In der Markus Lanz-Ausgabe vom Donnerstag, 2. Juli 2020 sind Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke), Ökonom Gabriel Felbermayr, Journalistin Annette Ramelsberger und Meteorologe Sven Plöger zu Gast im Studio in Hamburg-Altona. Im Fokus steht Wagenknecht, die über das von der Bundesregierung beschlossene Konjunkturpaket spricht - und ihre Gedanken zum Mord an CDU-Mann Walter Lübcke schildert.

Mitglied des Deutschen Bundestages:Sahra Wagenknecht
Geboren:16. Juli 1969 (Alter 50 Jahre), Jena
Partei:Die Linke
Amt:Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2009
Ehepartner:Oskar Lafontaine (verh. 2014), Ralph T. Niemeyer (verh. 1997-2013)
Ausbildung:Technische Universität Chemnitz (2005-2012) u.v.m.

Markus Lanz (ZDF): Sahra Wagenknecht (Die Linke) schildert in Hamburger Runde ihre Gedanken zum Mord an Walter Lübcke (CDU)

Markus Lanz und Sahra Wagenknecht, da war doch was? Genau, es ist der 16. Januar 2014, als die Politikerin Platz in der Hamburger* Runde vom ZDF-Talkmaster nimmt. Es folgt ein hitziges Streitgespräch, in dessen Verlauf Lanz der Frau von Oskar Lafontaine (Die Linke) immer wieder ins Wort fällt. Inhaltlich wurde über den Start der Großen Koalition diskutiert. Nach einem kurzen Einstiegsgeplänkel wurde der heute 51-Jährige zunehmend energischer und forscher - und zeichnete sich durch recht aggressives Unterbrechen aus.

Ob Wagenknechts Partei Die Linke nicht „Minderwertigkeitskomplexe“ bekomme angesichts der Größe der Koalition, wollte Lanz damals wissen. Und schob provokant hinterher, dass Gregor Gysi nur 1,50 Meter groß sei. Ehe die Politikerin angemessen antworten konnte, ging der ZDF-Moderator schon einen Schritt weiter und wollte ihre Meinung zu Europa wissen. Zu diesem Thema durfte sie zwar streckenweise Rede und Antwort stehen, wurde aber immer wieder vom Hamburger unterbrochen.

Dies geschah im Verlauf der Sendung zuhauf und erzürnte viele Zuschauer vor den heimischen TV-Geräten, die eine Online-Petition ins Leben riefen - welche die Absetzung der ZDF-Talkshow zum Ziel hatte. „Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr“ war ihr Titel. Rund sechseinhalb Jahre später ist der gebürtige Italiener mit seinem Talk-Format weiterhin auf Sendung - und hat mal wieder Sahra Wagenknecht zu Gast. Inhaltlich soll es unter anderem, na klar, um die Große Koalition gehen. Aber auch um den Mord am ehemaligen CDU-Politiker Walter Lübcke.

Im Zuge des Mordprozesses am gebürtigen Hessen, der im Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha (Kreis Kassel) erschossen wurde, teilt Ex-Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht der Hamburger Runde von Markus Lanz ihre Gedanken mit. Die 50-Jährige würde sich mit einer Gefährdungslage aus der eigenen Familie auskennen. Damit spielt sie auf ihren Ehemann Oskar Lafontaine an, der vor über 30 Jahren zum Opfer eines Attentats wurde. Es ist ein Tag im April 1990, als eine psychisch kranke Frau bei einer Wahlveranstaltung auf ihn zustürmt und mit einem Messer auf ihn einsticht. Die Angreiferin trifft ihn nahe der Halsschlagader, Lafontaine wird lebensgefährlich verletzt.

Markus Lanz (ZDF): Linken-Politikerin Wagenknecht spricht über Angst und Drohungen

Walter Lübcke wiederum galt als Hassobjekt der rechten Szene. Er befürwortete die Aufnahme von Flüchtlingen und hatte sich 2015 auf einer Veranstaltung verbal gegen Buh-Rufe zur Wehr gesetzt. Wer gewisse Werte des Zusammenlebens nicht teilen würde, könne Deutschland verlassen, hieß es vom CDU-Politiker. Auf dieser ominösen Veranstaltung war auch der Hauptangeklagte im Mordfall Walter Lübckes anwesend, Stephan E. In seinem Geständnis hatte dieser verlauten lassen, dass ihn die Worte des Politikers zu seiner Tat getrieben hätten.

Worte, die auch Markus Lanz sichtlich beschäftigen. „Sage ich den einen Satz jetzt noch oder sage ich ihn jetzt lieber nicht“, möchte der ZDF-Moderator von Wagenknecht wissen. Die Linken-Politikerin führt aus, ihren ganz eigenen Weg gefunden zu haben, um mit dieser Angst umgehen zu können. „Ich gebe zu: Ich verdränge das auch ein bisschen. Das ist eine Ebene bei diesen Leuten – der Übergang ist fließend – die nicht ganz richtig ticken. Davor kann einen niemand beschützen“, spricht die 50-Jährige über ihre Taktik.

Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht spricht in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz über den Mordfall Walter Lübcke und echauffiert sich über das Konjunkturpaket der Bundesregierung. (Screenshot)

„Man geht auf Veranstaltungen, macht Selfies, redet mit den Leuten. Und ein Politiker muss das auch machen“, fügt Wagenknecht an. Sie habe zwar Menschen um sich, die auf sie aufpassen würden, einen hundertprozentigen Schutz gäbe es aber nie. Denn die Gefahr eines folgenschweren Angriffs bestünde immer. Unabhängig davon, ob die Motivation hierfür auf einer rechten Gesinnung oder, wie im Fall der Attacke auf Lafontaine, auf einer „geistigen Störung“ basiere. Ihr Resumee: es gebe rechte Täter, Einzeltäter, aber eben auch „verrückte Täter“.

An dieser Stelle muss Lanz nachhaken und will wissen, ob sie denn Angst vor öffentlichen Auftritten habe. „Wenn ich bei einem Auftritt darüber nachdenke, ob da jemand... oder vielleicht auch nicht... nein, das muss das BKA machen“, weicht Wagenknecht einer eindeutigen Antwort aus und verweist lediglich auf das Bundeskriminalamt. Bei öffentlichen Veranstaltungen würde sie nur an ihre Rede denken und den Rest verdrängen. Den Rest, damit meint sie vor allem Drohungen, die sie nach wie vor bekommen würde. „Je bekannter man wird, desto mehr bekommt man auch“, deutet die Politikerin eine Flut an Drohbriefen und dergleichen an. Über Ähnliches hatte schon Bundesjustizministerin Christine Lambrecht bei Markus Lanz* gesprochen, weiß 24hamburg.de-MarkusLanz in aller Ausführlichkeit zu schildern.

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Nun hat die Bundesregierung also ein großes Konjunkturpaket geschnürt. Darin ist einiges, was sinnvoll und jenseits der Coronakrise überfällig ist, etwa der Kinderbonus für Eltern oder die finanzielle Entlastung der Kommunen. Doch sozial ausgewogen finde ich das Paket nicht. Die Bundesregierung hat die Chance vertan, durch kräftige Investitionen in soziale Infrastruktur und neue Arbeitsplätze das Land zukunftsfähig und sozialer zu machen. In der Pflege herrscht Personalnotstand, an Schulen und Kitas fehlen Lehrkräfte und Erzieher, in den Städten fehlt bezahlbarer Wohnraum – zur Lösung dieser Probleme trägt das Konjunkturpaket nichts bei. Dass man die größte Steuererhöhung der letzten Jahrzehnte nun befristet rückgängig machen will ist zwar erfreulich, aber diese Senkung wird allenfalls teilweise an die Verbraucher weitergeben. Zur Ankurbelung der Konjunktur und um der sozialen Spaltung entgegenzuwirken, hätte man besser niedrige Renten und Löhne sowie das Kurzarbeitergeld erhöht. Dann wäre das Geld angekommen, wo es wirklich gebraucht wird – und auch umgehend genutzt wird, anstatt nach Gieskannenprinzip viel zu verschütten mit ungewissem Erfolg. Wer arm ist und keine Kinder hat, geht leer aus – das finde ich bei einem Konjunkturpaket in dieser Größenordnung schon äußerst dürftig. Zwar ist es gut, dass die Bundesregierung keine Kaufprämien für Spritfresser gewähren will, aber nur Elektroautos mit bis zu 6000 Euro zu fördern, ist ökologisch unsinnig und sozial ungerecht, denn nur Besserverdiener können sich ein solches Auto leisten! Die Verkehrswende wird man mit dem Paket nicht voranbringen – die zugesagten Zuschüsse für Bahn und ÖPNV reichen nicht einmal, um die Einnahmeausfälle durch die Coronakrise zu decken. Auch die finanzielle Situation der Kommunen bleibt prekär, da man das Problem der Altschulden wieder einmal nicht angepackt hat. Dabei hat sich in der Krise deutlich gezeigt, wie dringend wir in die kommunale Infrastruktur investieren müssen – dazu brauchen sie allerdings finanzielle Entlastung über das Jahr 2020 hinaus.

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Markus Lanz (ZDF): Konjunkturpaket erzürnt Sahra Wagenknecht (Linke) - Coronavirus-Sars-CoV-2 als steter Begleiter der Hamburger Talkshow

Dies führt Wagenknecht auf die sozialen Medien, aber auch auf die Spaltung der Gesellschaft zurück. „Man begegnet sich nicht mehr“, lautet ihr kurzes Statement hierzu. Zudem heißt es kurz danach noch: „Die Polarisierung hat insgesamt zugenommen, auch die Intoleranz“. Konkreter ausgeführt werden diese beiden Schlagworte von Wagenknecht jedoch nicht. Die als Kämpfernatur bekannte Linken-Politikerin kann jedoch auch anders und lässt ihren Emotionen nach einem Themenwechsel freien Lauf.

Nun wird über das im Juni 2020 beschlossene Konjunkturpaket der Bundesregierung gesprochen, das den finanziellen Schaden der Coronavirus-Sars-CoV-2*-Krise zumindest teilweise abfedern soll. „Freiberufler werden auf Hartz IV verwiesen und Großkonzerne mit Staatshilfen überhäuft", zeigt sich die 50-Jährige empört. Sie kritisiert vor allem, dass bei der Lufthansa-Rettung keine Bedingungen gestellt worden seien, um Arbeitsplätze zu retten.

Über Probleme jeglicher Couleur, die durch das Coronavirus-Sars-CoV-2 verursacht wurden und werden, hatten bereits der Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Journalist Hajo Schumacher in der Hamburger Runde von Markus Lanz debattiert. Dabei wurde offenbart, dass die deutsche Hauptstadt allem Anschein nach ziemlich viel Ärger mit „Corona-Kriminellen“ und Polizisten* hat, wie 24hamburg.de-MarkusLanz zu berichten weiß. Und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier* schildert in den ZDF-Sommerinterviews von „Berlin direkt*“ seine Ärgernisse, die er im Kontext von Internet-Hetze gegen Politiker* erlebt hat. * 24hamburg.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Rubriklistenbild: © ZDF Mediathek/Markus Lanz

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