Vor Corona-Gipfel

Markus Lanz (ZDF): Lauterbach – Streit mit Lockdown-Gegner

  • Jens Kiffmeier
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Lockerungen im Corona-Lockdown? Vor dem Corona-Gipfel warnt Karl Lauterbach (SPD) vor Schnellschüssen. Bei „Markus Lanz“ legte er sich mit weiteren Gästen an.

Hamburg – Er spricht gerne unbequeme Wahrheiten aus: Karl Lauterbach. Am Mittwochabend machte der SPD-Gesundheitsexperte seinem Ruf mal wieder alle Ehre. Bei seinem Auftritt in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz mahnte er alle Lockerungsbefürworter in der Corona-Pandemie zur Zurückhaltung. Die dritte Welle sei „unabwendbar“, verkündete er dem Millionenpublikum. „Wenn wir jetzt zu früh lockern, dann hat das katastrophale Auswirkungen“, sagte der streitbare Politiker und Mediziner. Mit dieser Einschätzung sorgte er nicht nur vor den Fernsehbildschirmen für lange Gesichter. Auch bei einem Teil der übrigen Studiogäste löste er mit seinem strikten Null-Toleranz-Kurs Schnappatmung aus.

Deutscher Politiker:Karl Lauterbach (SPD)
Geboren:21. Februar 1963 (Alter 57 Jahre), Düren
Ehepartner:Angela Spelsberg
Aktuelles AmtMitglied des Deutschen Bundestages (seit 2005)

Lauterbach, der mit seinem insgesamt 17. Auftritt zum Dauerbrenner bei dem ZDF-Talker geworden ist, war an diesem Abend zusammen mit Journalist Heribert Prantl, der Ärztin Lisa Federle und der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, zu Gast in dem Hamburger TV-Studio. Wie in den vergangenen Wochen drehte sich auch dieses Mal wieder alles um das Thema Corona.

Corona-Regeln: Haben Virologen zu viel Macht?

Als Pandemie-Experte ist Lauterbach dabei eine schillernde Persönlichkeit. Die einen lieben ihn. Andere hassen ihn. Doch mit seiner Einschätzung, so sagte Lanz gleich zu Beginn der Sendung, habe der Sozialdemokrat eigentlich fast immer recht gehabt. Doch angesichts einer sich ausbreitenden Pandemie- und Lockdown-Müdigkeit sind bei vielen Deutschen seine mahnenden Rufe und Durchhalteparolen nicht immer gern gehört. Anfeindungen gehören für Lauterbach deshalb schon lange zum Alltag. Erst kürzlich musste der Arzt und Politiker einen geplanten freiwilligen Einsatz im Impfzentrum absagen, weil es Drohungen gegen ihn gegeben hatte und die Polizei nicht für seine Sicherheit garantieren wollte.

Plädiert für einen strikten Corona-Lockdown: SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD). (24hamburg.de-Montage)

Trotzdem schreckt Lauterbach nicht zurück. Auch am Mittwochabend kritisierte er die Rufe nach schnellen Lockerungen. Sowohl Gastronomie und Einzelhandel, aber auch genervte Eltern von Schülern und Kita-Kindern sehnen Erleichterungen bei den bestehenden Corona-Regeln herbei. Fast alle Bundesländer haben bereits entsprechende Öffnungspläne zur Debatte gestellt. Am Mittwoch beraten die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über das weitere Vorgehen.

Am Mittwochabend warnte Lauterbach aber vor einem forschen Vorgehen. Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt seien ein „Fehler“ und ständen konträr zu dem was, die Deutschen in den kommenden Wochen erwarten würde. Die britischen und südafrikanischen Coronavirus-Varianten seien auf dem Vormarsch. Sie seien viel gefährlicher und sie trieben die Sterblichkeitsrate ungezügelt nach oben.

Zum Beweis präsentierte der Gesundheitspolitiker eine Grafik, auf der eine Kurve mit der Ansteckungsrate bis zum Sommer steil nach oben schießt. Das sei ja eine „Naturkatastrophe“, entfuhr es Lanz. Wie man das denn verhindern könne, wollte er dann noch wissen. Klare Antwort von Lauterbach: Lockdown beibehalten. Aber wenn schon Kitas und Schulen geöffnet werden müssten, dann nur mit regelmäßigen Schnelltests. Zweimal pro Woche. Mindestens.

Corona-Lockdown: Journalist fordert mehr Mitsprache von Nicht-Medizinern

Das war dann das Stichwort für den früheren Vize-Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl. Die ewigen Bedenkenträger gehen dem Journalisten allmählich auf die Nerven. Während der gesamten Sendung bot Prantl dem Gesundheitspolitiker Paroli. „Die Leute nehmen den Virologen die Gefährlichkeit der Ankündigungen doch nicht länger ab“, schimpfte er.

Statt die Politik von den Medizinern bestimmen zu lassen, sei eine „Gesamtschau aller Gesichtspunkte“ bei der Ausrichtung der Corona-Maßnahmen zu machen Neben den Virologen müssten auch verstärkt Psychologen, Kinderärzte und Verfassungsrechtler mit einbezogen werden, mahnte Prantl. Nach einem Jahr des strengen Lockdowns müsste den Menschen ein Weg aufgezeigt werden. Deshalb warb Prantl für eine schrittweise Öffnung von Geschäften, Schulen oder Kitas. Irgendwie, so sein Grundgedanke, müssen die Deutschen lernen, mit dem Virus und seinen Gefahren zu leben. Eine ähnliche These hatte am Vorabend auch schon der Virologe Alexander Kekulé aufgestellt.

Zwei Gäste, zwei Meinungen. Doch wer hat nun recht? Es war die Medizinethikerin Buyx, die den Spagat versuchte und die Positionen zusammenführen wollte. Irgendwie, so sagte sie, stimme ja beides. Letztendlich gehe es um ein Ringen um das richtige Maß. Das sei schmerzhaft, funktioniere aber in einer Demokratie nun einmal so. Aufgepasst werden müsste nur, wenn die Kritik zu scharf und uferlos werden würde. Denn dann drohe „angstbesetzter Vertrauensverlust“. Die Lehre lautete also zum Schluss der Sendung: Beide Seiten, Kritiker wie Befürworter des Lockdowns, sollen mal verbal ein bisschen abrüsten. *24hamburg.de ist Teil der IPPEN MEDIA

Rubriklistenbild: © Markus Hertrich/dpa/picture alliance/ZDF & Armando Franca/dpa/picture alliance & Kay Niefeld /dpa/picture alliance

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