Zoff ums Eigenheim

Markus Lanz (ZDF): Meckern am Familienheim – Trittin rastet aus

  • Jens Kiffmeier
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Emotionen bei Markus Lanz: Warum gönnen die Grünen Familien keine Häuser? Die Frage macht Jürgen Trittin wütend. Für die Partei steht vieles auf dem Spiel.

  • Debatte losgetreten: Die Grünen halten den Eigenheim-Bau für klimafeindlich.
  • Im Wahlkampf stehen sie plötzlich wieder als Verbotspartei da.
  • Debatte drängt bei Markus Lanz sogar das Corona-Thema in den Hintergrund.

Hamburg – Eine Sendung ohne Corona? Das ist bei ZDF-Talker Markus Lanz seit Monaten nicht vorstellbar. Natürlich kam die Runde auch am Donnerstagabend nicht ohne das Thema aus. Aber: Es rückte erstmals seit Wochen wieder in den Hintergrund. Tatsächlich schafften es die Grünen durch ihren Vorstoß, den Bau von Eigenheimen aus Klimaschutzgründen begrenzen zu wollen, ein wenig Abwechslung in das ZDF-Format zu bringen. Immerhin. Denn ansonsten bekommt die Öko-Partei wenig Beifall für ihre Initiative.

Deutscher Fernsehmoderator:Markus Lanz
Geboren:16. März 1969 in Bruneck (Südtirol, Italien)
Wohnort:Hamburg, Stadtteil Rotherbaum
Produktionsfirma:Mhoch2 TV (seit 2011)

Gleich zu Beginn der Sendung legte Moderator Lanz den Ball ins Spielfeld von Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne), der an diesem Abend zusammen mit den Journalisten Thielko Grieß und Wolfram Weimer sowie Philosophin Thea Dorn in der ZDF-Sendung zu Gast war. Die Eigenheim-Debatte* sei doch sicherlich ein Eigentor für die Grünen, wollte Lanz von Trittin wissen. Sei der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Anton Hofreiter, nur „fatal ehrlich“ gewesen? Oder hätte er einfach nicht erkannt, welchen „kommunikativen Super-Gau“ er da für die Grünen lostrete?

Zoff um Eigenheim: Trittin ärgert die Verbotsdebatte

Hofreiter hatte der Debatte am vergangenen Wochenende erst so richtig Schwung verliehen. Zuvor hatten die Bezirks-Grünen im Norden der Hansestadt Hamburg für Aufsehen gesorgt, weil sie im Bebauungsplan keine Eigenheime mehr zulassen wollten. Begründet wurde dies unter anderem mit klimapolitischen Gründen. Befragt vom „Spiegel“ hatte Hofreiter dann in einem Interview eine Fundamentalkritik am Hausbau kundgetan und sie als Klimasünder gebrandmarkt – unter anderem wegen des hohen Verbrauchs von Energie, Baustoffen oder Benzin im Pendlerverkehr. Der Aufschrei vom politischen Gegner war vorprogrammiert.

Hitzige Debatte bei Markus Lanz: Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sieht den Eigenheim-Bau kritisch. (24hamburg.de-Montage)

Trittin selber versuchte erst einmal die Sticheleien von Lanz an sich abperlen zu lassen. Die ganze Debatte sei doch eine Banalität, versuchte das Urgestein der Grünen zu beschwichtigen. Kein Kommunalpolitiker, egal wo und von welcher Partei, wollte heutzutage das Wohnproblem mit verstärktem Eigenheim-Bau lösen, maulte Trittin. Das lerne jeder Stadtsoziologe im ersten Semester.

Eigenes Haus: Davon träumen auch die Wähler der Grünen

Doch ganz so einfach ist es nicht. Ein Haus mit eigenem Garten – das ist längst nicht mehr nur der Traum der spießigen Konservativen. Die potenziellen Eigenheim-Bauer sind heutzutage auch eine Kernwählerschaft der bürgerlich gewordenen Grünen. Im heraufziehenden Wahlkampf für die Bundestagswahl im kommenden September ist die neue Verbotsdebatte für die Öko-Partei alles andere als günstig. Schnell werden Erinnerungen an viele andere Wahlkämpfe wach, die die Grünen vermasselten, weil sie hohe Benzinsteuern oder Veggy Days forderten.

Genau in diese Kerbe versuchte Moderator Lanz mit seiner Eingangsfrage zu zielen. Und auch der Journalist Weimer bohrte munter in der grünen Wunde herum. Wie 2013 oder 2017 rangierten die Grünen in den Umfragen im zweistelligen Bereich, nur um am Ende wegen ideologischer Vorschläge als Acht-Prozent-Partei in der Ecke zu landen. „Wenn sie die neue Volkspartei werden wollen, dann müssen sie auch bürgerliche Positionen besetzen“, riet der Herausgeber des Magazins „The European“.

Wenn sie die neue Volkspartei werden wollen, dann müssen sie auch bürgerliche Positionen besetzen“

Wolfram Weimer

Das Eigenheim als Klimakiller zu stigmatisieren, gehöre nicht dazu, riet er. Schließlich sei für zwei Drittel der Deutschen ein eigenes Haus mit Garten schließlich die ideale Lebensform. „Für Annalena Baerbock und Robert Habeck bestimmt auch“, stichelte der Journalist und spielte damit darauf an, dass die beiden Parteivorsitzenden der Grünen ebenfalls ein Haus besitzen.

Hauskauf-Debatte: Trittin wittert Wahlkampfmanöver

Dann reichte es Trittin aber doch. Die Diskussion werde völlig aus dem Zusammenhang gerissen, polterte er los. Es gehe überhaupt nicht über ein generelles Verbot. Dies seien bösartige Unterstellung der politischen Gegner, die sich im Wahlkampf einen Vorteil verschaffen wollten. „Wir werden da noch mehr Zuspitzungen erleben“, so Trittin.

Grundsätzlich hänge die Frage, ob gebaut werden könnte oder nicht, von der verfügbaren Fläche ab. Und das sei in einigen Städten mittlerweile eben ein Problem. Wenn man den Klimaschutz ernst nehme, dann müsse man eben auch über die Themen Wohnen, Fahren, Leben sprechen können. Nichts anderes habe Hofreiter gemacht. „Toni wird für eine Position geprügelt, die in Deutschland kommunal längst praktiziert wird“, grummelte Trittin.

Das ließ Moderator Lanz dann auch so stehen. Er schwenkte dann um zu zwei anderen Themen. So beschäftigte die Runde auch die Haftsituation von Kremlkritiker Alexej Nawalny und der Baustopp der Ostseepipeline Nord Stream 2 als Druckmittel für dessen Freilassung. Und Corona durfte am Ende natürlich auch nicht fehlen. Hier blieb Philosophin Dorn aber kaum noch Zeit, ihre Gedanken zum Lockdown näher auszuführen. Wie gesagt. Ausnahmsweise war Corona einmal Nebensache. Ist ja manchmal auch nicht das Schlechteste. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance & Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance & Markus Hertrich/dpa/picture alliance/ZDF

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