33 Jahre in Haft

Markus Lanz (ZDF): „Ich habe Fehler gemacht!“ Vermeintlicher Doppelmörder packt in TV-Talkshow aus

  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
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Markus Lanz kann auch ohne Coronavirus-Sars-Cov-2. Zu Gast ist Jens Söring, der des Doppelmordes angeklagt war und 33 Jahre in Haft saß. Nach wie vor beteuert er seine Unschuld.

  • Markus Lanz: Talk mit vermeintlichem Doppelmörder.
  • Hamburger ZDF-Show: Tatverdächtiger gesteht Fehler ein.
  • Jens Söring: 33 Jahre in Haft - unschuldig?

Hamburg/Altona – In der Sendung von Donnerstag, dem 14. Mai 2020, ist dieses Mal Jens Söring zu Gast. Dieser hat aufgrund eines Doppelmordes, den er stets bestritten hat, 33 Jahre in Haft gesessen. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch, ganz ohne das Coronavirus-Sars-Cov-2, zwischen dem vermeintlichen Straftäter und ZDF-Moderator Markus Lanz.

Markus Lanz: Doppelmörder Jens Söring?

Für viele Menschen ist es eine absolute Horrorvorstellung: Gefängnis, über 30 Jahre lang - und das vermeintlich auch noch unschuldig? Eine Frage, die sich auch der Hamburger Fernsehmoderator Markus Lanz im Fernsehstudio in Altona stellt. Insgesamt 33 Jahre war Jens Söring in Haft, die meiste Zeit davon in den USA. Erst seit Dezember 2019 hält sich der heute 53-Jährige wieder in Deutschland auf.

Aber was war geschehen? Söring wurde 1990 für den Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin Elisabeth Haysom zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt worden. Zwar hatte der gebürtige Thailänder die Morde als 19-Jähriger gestanden, sein Geständnis revidierte er jedoch später. Bis heute beteuert Söring seine Unschuld.

Die Morde ereigneten sich bereits im März 1985, Nancy und Derek Haysom wurde auf brutale Art und Weise getötet. Die Leichen wiesen multiple Stichwunden auf, beide Opfer wurden nahezu enthauptet. Von Ermittlern wurde der Tatort später als „Schlachthaus“ bezeichnet.

Hamburger Talkshow: Dankbarer Söring

Sörings Ex-Freundin wurde wegen Anstiftung zum Mord zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt. Er selbst hingegen, seines Zeichens Diplomatensohn, wurde nach langen Verfahren und 14 erfolglosen Begnadigungsversuchen von den US-Behörden auf Bewährung freigelassen - und nach Deutschland abgeschoben. Seine für viele nicht greifbare Lebensgeschichte präsentiert der ehemalige Student der Universität in Virginia nun bei Markus Lanz.

Am Tag seiner Rückkehr nach Deutschland war die Haut von Söring noch fahl, das Gesicht arg eingefallen. Im ZDF-Studio sieht er deutlich gesünder aus - und berichtet dem Hamburger Fernsehmoderator fast schon euphorisch von den ersten Minuten seines Neubeginns.

„Das war der schönste Tag meines Lebens. Der Sonnenschein, der blaue Himmel in Frankfurt – das erste Mal in Freiheit, unglaublich. Ich bin so dankbar dafür“, berichtet Söring mit kindlicher Begeisterung von den vermeintlich kleinen Dingen, die er nun umso mehr zu schätzen weiß.

Söring spricht über drei verlorene Jahrzehnte

Er habe drei Jahrzehnte seines Lebens verloren, erklärt der 53-Jährige Lanz. „Ich war 30 Jahre lang eine Nummer und habe immer dagegen angekämpft, eine Nummer zu bleiben. Diesen Kampf habe ich gewonnen. Das ist jetzt Vergangenheit für mich“, will der als Autor tätige Söring nicht zurückschauen.

Der vermeintliche Doppelmörder Jens Söring zeigt sich sichtlich erleichtert, als er nach mehr als drei Jahrzehnten wieder deutschen Boden betritt.

Auch erklärt der in Bangkok geborene Deutsche, wie er der Frau verfallen konnte, für die er später einen Doppelmord gestand. Mit diesem habe er nicht im Ansatz etwas zu tun gehabt. Haysom sei älter und allein deshalb schon faszinierend gewesen, erzählt Söring. Mit seinen 18 Jahren wäre Söring eher unsicher und unreif gewesen, Haysom hingegen galt in ihrem Studentenwohnheim als „Bienenkönigin“.

Schnell kam eins zum anderen. Die beiden freundeten sich an, verbrachten viel Zeit miteinander und wurden schließlich ein Liebespaar. Während der laufenden Prozesse trennten sie sich aber wieder - und warfen sich gegenseitig die Schuld zu.

Der Liebe wegen gelogen

„Ich war nicht am Tatort, ich habe nichts davon gewusst. Ich war in Washington, D.C. und im Kino. Ich habe erst später von der Tat erfahren“, versichert Söring gegenüber dem 51-jährigen Markus Lanz. Ob er von seiner damaligen Freundin von dem Mord erfahren habe, möchte das ZDF-Aushängeschild wissen. Eine klare Antwort Sörings gibt es nicht.

„Ich kann heute nicht mehr so über die Tatnacht sprechen, weil ich mich an deutsche Gesetzte zu halten habe. Ich kann nur sagen, dass ich nicht am Tatort war“, beteuert der ehemalige Inhaftierte erneut seine Unschuld. Gelogen habe er, um die Frau, die er „über alles liebte“, vor der Todesstrafe in Form des elektrischen Stuhls zu bewahren.

„Wenn es in Virginia keine Todesstrafe gegeben hätte, hätte ich vielleicht gesagt, ´Schatz, ich geh dich jeden Tag besuchen und warte, bis du frei bist.‘ Aber das stand nicht zur Debatte“, räumt Söring ein. Tatsächlich hätte der Ex-Knacki die Möglichkeit gehabt, seine Haftstrafe zu verringern und auf freien Fuß zu bekommen.

Markus Lanz: Ungläubiger und verwirrter ZDF-Moderator

Doch hielt ihn ein Faktor davon ab, wie Söring selbst sagt: „Um in Virginia entlassen zu werden, muss man Reue zeigen für die Taten, die man begangen hat. Aber das konnte ich nicht – weil ich es nicht war. Es tut mir leid für die Menschen, die gestorben sind, aber ich habe das nicht getan“.

Warum er nicht dennoch gestanden hätte, um sich zu retten, möchte Lanz daraufhin wissen. Die knappe, aber bestimmte Antwort Sörings: „Weil es nicht die Wahrheit war“. Es sei immerhin ein großes Eingeständnis der Behörden in Virginia gewesen, dass sie ihn ohne ein Schuldeingeständnis auf Bewährung entlassen hätten.

Jetzt hakt Lanz weiter nach. „Sie wären bereit gewesen, bis zum Rest ihres Lebens im Gefängnis zu bleiben?“, fragt der Hamburger Söring. Dessen schlichte Antwort: „Absolut, ja“. Übrigens: Eine Unschuldserklärung hat der Bundesstaat Jens Söring nie ausgestellt. Vielmehr vermutet der einstige Häftling ein Politikum dahinter, was die Behörden von diesem Schritt letztendlich abhielt.

Hamburger Talkshow: Söring rechnet mit Ex-Freundin ab

„Ich hätte dann einen Antrag auf Haftentschädigung über 1,4 Millionen stellen können“, erklärt der 53-Jährige Markus Lanz. In die USA, in denen Söring lebte, seitdem er 11 Jahre alt war, darf er nie wieder einreisen. Er könne aber verstehen, dass manche Menschen von seiner Schuld überzeugt seien.

„Ich habe ein Geständnis abgelegt und für viele Menschen ist es nicht vorstellbar, dass man so etwas aus Liebe tun kann“, sagt Söring. Apropos Liebe: Elisabeth Haysom, seine Ex-Freundin, hat Jens Söring nie wieder getroffen. „Das will ich auch nicht, ich habe ihr nichts zu sagen. Es wäre schön, wenn sie die Wahrheit sagen würde. Aber das wird sie nicht tun“, heißt es nur.

Doppelmörder mit Spotify-Problemen

Für Söring gehe es jetzt darum, sich im 21. Jahrhundert zurechtzufinden. Er könnemittlerweile mit dem Smartphone umgehen, „nur Spotify kriege ich nicht hin“, sagt der Deutsche. Ab und an hole ihn die Vergangenheit aber noch ein, gesteht der 53-Jährige.

Beispielsweise, wenn er Musik aus den 80er-Jahren höre, die ihn daran erinnere, wie jung er bei seiner Verhaftung gewesen sei. Zu Vater und Bruder hat Söring übrigens keinen Kontakt mehr. Dem vorausgegangen sei ein Zerwürfnis während seiner Haftzeit. „Ich habe aber das unglaubliche Glück, dass ich von einer ganzen Familie aufgenommen worden bin“, berichtet er Markus Lanz.

Markus Lanz: Söring gibt Fehler zu

Gemeint sind hiermit die Unterstützer Sörings aus den USA und in Deutschland. Diese hätten sich über Jahre hinweg für seine Freilassung eingesetzt. Dementsprechend ist der ehemalige Gefängnisinsasse dankbar für jeden Besucher, Briefschreiber und generell für die entstandenen Freundschaften.

Wenn man keinen Kontakt zu anderen Menschen - auch von außen - hat, zerstört das einen“, sagt Söring. Doch leider hätten nur wenige Häftlinge solch ein Umfeld. Auch gesteht er sich ein, „einen Fehler gemacht [zu haben], als ich 18 beziehungsweise 19 Jahre alt war. Ich habe die Polizei belogen und muss dafür die Konsequenzen tragen. Das werde ich auch weiter tun“, sagt er am Ende der Sendung.

Reif für die Leinwand: „Das Versprechen" zeigt Fall Söring

Die Frage nach seiner Schuld oder Unschuld konnte natürlich auch von Markus Lanz nicht beantwortet werden. Wie auch, gab es doch immer wieder Kontroversen um einen Fall, der sogar schon verfilmt wurde. Und auch bereits Bestseller-Autor und Rechtsanwalt John Grisham auf den Plan rief, der die Berichterstattung über Jens Söring aufmerksam verfolgt.

Ganz anders, vor allem hitziger, ging es zuletzt bei Markus Lanz zu. Gesprochen wurde über Coronavirus-Sars-Cov-2-Skeptiker, die sich in bester Til Schweiger- und Sido-Manier als starke Kritiker präsentierten. Während die SPD-Politikerin Simone Lange massive Kritik an der deutschen Gesundheitspolitik übt, attackiert der Hamburger Fernsehmoderator Lanz Grünen-Chef Robert Habeck, mit dessen Aussagen er nicht konform ist.

Rubriklistenbild: © Twitter/@ZDF

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