Talk über Corona-Krise

Markus Lanz (ZDF): Philosoph Precht pöbelt – Deutsche zu faul!

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Nur am Meckern statt anzupacken! Bei Markus Lanz ging Philosoph Richard David Precht hart mit der deutschen Bevölkerung ins Gericht.

Hamburg – Die können es nicht! Nicht zu fassen! Völlig irre! So kommentieren viele Deutsche in den sozialen Netzwerken die aktuelle Corona-Politik der Bundesregierung. Insbesondere das Wirrwarr um die Osterruhe ließ viele Kommentatoren toben. Doch zu Unrecht. Das findet zumindest Richard David Precht.

Deutscher Philosoph und Autor:Richard David Precht
Geboren:8. Dezember 1964 in Solingen
Honorarprofessor für Philosophie:Leuphana Universität Lüneburg
Familienstand:geschieden, ein Sohn

Am Donnerstag saß der Philosoph zusammen mit Journalistin Eva Quadbeck, Soziologe Gerald Knaus, Pharmazeut Thorsten Lehr und Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) in der ZDF-Talksendung von Markus Lanz. Thema: Verlieren die Deutschen das Vertrauen in den Staat? Precht hatte da eine klare Meinung: Statt immer nur auf die Politik zu schimpfen, sollten die Bürger endlich mal anfangen, selber etwas mehr für den Erhalt des Gemeinwesens zu unternehmen.

Markus Lanz (ZDF): Precht nimmt deutsche Politik in der Corona-Krise in Schutz

Das Thema war nicht zufällig gewählt. Das Hin und Her bei der jüngsten Lockdown-Verlängerung hatte vielerorts Kopfschütteln ausgelöst. Eigentlich hatten Bund und Länder vorgehabt, zusätzlich zu den bestehenden Corona-Regeln eine zusätzliche Osterruhe einzuführen. Für fünf Tage sollte das Alltagsleben in Deutschland nahezu zum Erliegen gebracht werden.

Fordert die Deutschen bei Markus Lanz zum politischen Engagement auf: Philosoph Richard David Precht. (24hamburg.de-Montage)

Dafür sollten der Gründonnerstag und der Karsamstag zu einem Ruhetag umfunktioniert werden. Doch das Vorhaben ließ sich nicht auf die Schnelle umsetzen. Also wurde es wieder gekippt. In einer emotionalen Ansprache entschuldigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eindringlich für die Verwirrung: „Es war mein Fehler. Ich bitte alle Bundesbürgerinnen und Bundesbürger um Verzeihung.“

Doch nicht alle akzeptieren eine Entschuldigungsarie der Kanzlerin. Viele sahen sich nur bestätigt in dem Verdacht: Die da oben können es nicht. Was rutscht denen denn sonst noch so alles durch? „Das hat das Vertrauen in die Politik nicht gerade erhöht, das weiß man“, gestand jetzt auch Bovenschulte, der Merkel bereits selber für den Osterruhe-Rückzug scharf angegriffen hatte*. Dann setzte der Bürgermeister zu einer Verteidigungsrede an.

Sie benehmen sich nicht wie Staatsbürger, sondern werden zu Kunden.

Richard David Precht, Philosoph

Es sei bei der Marathonsitzung plausibel argumentiert worden, dass die Osterruhe etwas bringen könne. Trotz einiger offener Fragen habe man sich dann halt gedacht: „Es lohnt sich, darauf einzulassen.“ Doch das Ergebnis ist bekannt.

Richard David Precht: Philosoph sendet Corona-Leugnern klare Botschaft

Dann sprang ihm Precht zur Seite. In der aktuellen Corona-Politik könnten die Verantwortlichen nur „auf Sicht fahren“, sagte der Philosoph. Schließlich wisse niemand genau, wie die Inzidenz und die Fallzahlen in ein oder zwei Wochen aussehen würden. Kurzfristige Entscheidungen müssten unter einem enormen Handlungsdruck getroffen werden, das schließe Fehler mit ein.

Deshalb rief der Philosoph auch die Bürger auf, mit den politischen Entscheidungsträgern nicht zu hart ins Gericht zu gehen, auch wenn bereits Hamburger Promis scharf gegen Merkel geschossen haben. Hinterher kluge Reden schwingen und sich über die Missgeschicke anderer lustig zu machen, sei leicht, solange man den Luxus genieße, nicht selber entscheiden zu müssen, wetterte Precht.

Zurücklehnen und andere machen lassen – unabhängig von der aktuellen Corona-Politik ist dem Autor diese Haltung vieler Deutschen schon lange ein Dorn im Auge. Erst kürzlich hatte er im „Spiegel“ die Corona-Leugner kritisiert, die vom Staat eine Garantie ihrer Rechte forderten, aber umgekehrt keine Pflichten übernehmen wollten. Laut Precht funktioniere das aber auf Dauer nicht.

Angestoßen von Moderator Lanz spitzte er seine These nun noch einmal auf alle Deutschen zu. „Sie benehmen sich nicht wie Staatsbürger, sondern werden zu Kunden.“ Gegenüber dem Gemeinwesen würden sie dabei mit einer klaren Erwartungshaltung auftreten: Der Staat habe zu liefern. Doch das, so Precht, sei falsch. Wenn sich nicht mehr Bürger wieder mehr einbringen würden, dann würde am Ende das Gemeinwesen bröckeln. * 24hamburg.de und nordbuzz.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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