Düstere Prognose

Markus Lanz (ZDF): Aussichtsloser Kampf gegen Corona-Mutation

  • Jens Kiffmeier
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Schlechte Nachrichten bei „Markus Lanz“: Die Deutschen können sich Lockdown-Lockerungen erstmal abschminken. Hört die Corona-Hölle nie mehr auf?

  • Thorsten Lehr von der Uni Saarbrücken ist zu Gast bei „Markus Lanz“.
  • Seinen Berechnungen zufolge ist der Kampf gegen die Virusmutationen verloren.
  • Die Hoffnung auf Lockdown-Lockerungen werden gedämpft.

Hamburg – Die Deutschen sehnen Lockerungen im Corona-Lockdown herbei. Doch die Hoffnungen vieler Menschen wurden in der Talksendung von ZDF-Moderator Markus Lanz am Mittwochabend jäh zunichtegemacht. Denn Wissenschaftler und Pharmazeut Thorsten Lehr präsentierte anhand zweier Kurven-Grafiken, wie sehr die Deutschen den Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie bereits wieder verloren haben. „Das ist ja katastrophal“, entfuhr es Lanz.

Fernsehmoderator:Markus Lanz
Geboren: 16. März 1969 in Bruneck (Südtirol, Italien)
Wohnort:Hamburg, Stadtteil Rotherbaum
Produktionsfirma:Mhoch2 TV (seit 2011)

Doch was genau war los? Lehr, der zusammen mit CDU-Politiker Carsten Linnemann, Journalist Markus Feldenkirchen, Medizinethikerin Christiane Woopen und der Mindener Landrätin Anna Bölling zu Gast in dem Corona-Talk war, entwickelt an der Universität des Saarlandes Vorhersagesysteme für die Ausbreitung von Pandemien. Seine Berechnungen zeigen ziemlich präzise, wie die geforderten Lockerungen im Lockdown mit der Ausbreitung der als gefährlich geltenden Virusmutationen zusammenwirken können.

Corona-Zahlen: Angst vor dritter Welle ist real

Bereits jetzt geht nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums jede vierte Ansteckung auf eine mutierte Virusvariante zurück. Verläuft die Entwicklung so weiter, dann dürfte es zum Ende des bisher beschlossenen Lockdowns am 7. März sogar jede zweite sein. Werden dann die Regeln gelockert und werden die Kontakte nur um 25 Prozent gesteigert, so stellte es Lehr dar, ergibt sich daraus ein exponentielles Wachstum, das nicht mehr zu kontrollieren ist. Die dritte Welle wäre sofort da – sehr zum eingangs beschriebenen Entsetzen von Moderator Lanz.

Zeichnete bei Markus Lanz ein düsteres Corona-Bild: Pharmazeut Thorsten Lehr. (24hamburg.de-Montage)

Tatsächlich ist Lehr nicht der einzige, der vor einer dritten Welle warnt. Politiker jeglicher Parteien schlagen in diesen Tagen ähnliche Töne an. Während Wirtschaftsverbände immer lauter nach Erleichterungen in dem Lockdown rufen und vor riesigen Pleitewellen warnen, weisen viele Ministerpräsidenten, Bundesminister wie Olaf Scholz (SPD) und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dieses Ansinnen zurück.

In Hamburg selber gehen die Infektionszahlen seit einer Woche kaum zurück. Die Hintergründe sind noch unklar, doch es liegt die Vermutung nahe, dass die britischen und südafrikanischen Virusvarianten die Neuansteckungen trotz des Lockdowns hochhalten. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher sieht deshalb keinen Spielraum für Lockerungen. Sonst stelle man alles bisher Erreichte leichtfertig aufs Spiel, warnte er vor einer Woche – ebenfalls bei „Markus Lanz“.

Lockdown-Verlängerung: Medizinethikerin sucht Ausweg

Trotz der vorgezeichneten Horror-Szenarien wollte die Runde am Mittwochabend aber nicht komplett in Weltuntergangsstimmung versinken. Allen voran Medizinethikerin Woopen versuchte, einen Lichtblick in die düstere Prognose zu zaubern. Statt immer nur an den Lockdown zu denken, sollte man auch verstärkt erprobte Technologien einsetzen, um den Menschen mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen, schlug sie vor. Konkret dachte sie dabei an Warn-Armbänder und Kontakterfassungssysteme mittels QR-Codes, mit denen Menschen sich vor Betreten von Baumärkten, Restaurants oder Einkaufsläden registrieren lassen und den Gesundheitsämtern die Arbeit erleichtern könnten.

Alles nur Zukunftsmusik? Nichts, was in der aktuellen Situation weiterhilft? Ja, vielleicht. Doch es hätte bereits alles eingeführt sein können. So sieht es zumindest Spiegel-Journalist Feldenkirchen. In der Sendung warf er der deutschen Politik im Allgemeinen und der Bundesregierung im Besonderen eine „Grundbräsigkeit und Ambitionslosigkeit“ vor. Dass man über die technischen Möglichkeiten nach einem Jahr der Pandemie weiterhin nur theoretisch herumrede, sei ein absolutes Desaster. Für ein modernes, wirtschaftsstarkes Land wie Deutschland hätte die Einführung der Technik eigentlich kein Problem sein dürfen, kritisierte der Journalist.

Den Vorwurf reichte der gut aufgelegte Lanz dann umgehend an Politiker Linnemann weiter, der zugleich Vorsitzender der CDU-Wirtschafts- und Mittelstandsvereinigung ist. Ja, auch er wünsche sich mehr Risikobereitschaft, gestand er. Aber einen Verantwortlichen zu benennen, das traute er sich dann doch nicht. Trotz mehrfacher Nachfragen von Lanz. Im Gegenteil.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der wegen der schleppenden Auszahlung von Wirtschaftshilfen massiv in der Kritik steht, nahm er sogar in Schutz. Vielmehr seien Finanz- und Arbeitsministerium dafür zuständig, wollte sich Linnemann herauswinden. Netter Versuch, das bemerkte Lanz sofort. „Lustigerweise sind das alles SPD-Ressorts“, kommentierte der Moderator süffisant. Ernsthafte Verbesserungsvorschläge konnte er Linnemann aber nicht mehr entlocken. Insofern blieb der Ruf der Wirtschaftsverbände nach mehr Hilfen an diesem Abend dann weiterhin ungehört. Am Ende stand nur die Gewissheit: Mit schnellen Lockerungen ist wohl weiterhin nicht zu rechnen. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Markus Hertrich/dpa/picture alliance/ZDF & Iris Maria Maurer/dpa/picture alliance

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