Aufgebrachte Runde

Markus Lanz (ZDF): Neuer Lockdown – Philosophin giftet gegen Tschentscher

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
    schließen

Vom Verhandlungstisch ins TV-Studio: Nach dem Corona-Gipfel verteidigt Peter Tschentscher die Beschlüsse bei „Markus Lanz“ – gegen eine aufgebrachte Damenrunde.

  • Nach dem Corona-Gipfel war Peter Tschentscher (SPD) Gast bei „Markus Lanz“.
  • Stoisch verteidigte er die Lockdown-Beschlüsse gegen Kritik.
  • Auch die Angriffe dreier Damen bringt ihn nicht aus der Ruhe.

Hamburg – Aktueller ging es nicht: Nur drei Stunden nach dem Ende des Corona-Gipfels saß Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bei ZDF-Moderator Markus Lanz im Hamburger Fernsehstudio. Thema der Sendung? Corona, natürlich. Vor allem die erneute Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März und die fehlende Öffnungsperspektive für viele Unternehmen und Betriebe ließ die Gemüter in den Studio-Sesseln hochkochen. Nur einer blieb stets bedächtig und ruhig: Peter Tschentscher. Weder Moderator Lanz, noch die drei anderen Gäste konnten den Rathauschef mit ihren Angriffen aus der Reserve locken.

Deutscher Politiker:Peter Tschentscher (SPD)
Geboren:20. Januar 1966 (Alter 55 Jahre), Bremen
Ehefrau:Eva-Maria Tschentscher (verheiratet seit 1998)
Aktuelles Amt:Erster Bürgermeister in Hamburg

Tschentscher war zusammen mit Journalistin Eva Quadbeck, Philosophin Svenja Flaßpöhler und Virologin Helga Rübsamen-Schaeff zu Gast. Gleich zu Beginn legte Moderator Lanz die Richtung fest und eröffnete die Runde mit einer direkten Attacke auf Tschentscher: „35 ist das neue 50 – das klingt so fluffig“, ätzte Lanz. Aber klar sei doch, dass die Menschen pandemiemüde würden, wenn die Politik ihnen willkürlich immer wieder neue Grenzwerte für Lockerungen vor die Nase hielte. Da müsse Tschentscher, so der Moderator gleich zur Begrüßung, „ganz schön argumentieren“, um den drei geladenen Damen Paroli zu bieten.

Corona-Lockdown: Tschentschers Kurs reizt die anderen Gäste

Kurz zuvor hatte Tschentscher mit den anderen Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fünf Stunden zusammengesessen, um das weitere Vorgehen zur Bekämpfung der Pandemie zu beraten. Wegen der weiterhin hohen Infektionszahlen verlängerten sie den aktuellen Lockdown mit allen bestehenden Regeln bis zum 7. März. Einzige Ausnahme: Friseure. Sie dürfen ihren Betrieb bereits zum 1. März wiederaufnehmen.

Stritten bei Markus Lanz um den Lockdown: Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Philosophin Svenja Flaßpöhler. (24hamburg.de-Montage)

Alle anderen Betriebe, Kneipen, Hotels und Gaststätten bleiben weiterhin geschlossen. Sie dürfen erst wieder aufmachen, wenn der wichtige Inzidenzwert dauerhaft bei 35 liegt. Bereits im Vorfeld des Corona-Gipfels hatte es viele laute Stimmen gegeben, die eine Öffnungsperspektive bereits bei einem verlässlichen Sieben-Tage-Wert unter 50 gefordert hatten. Genau auf dieses Zahlenspiel spielte Lanz in seinem Eröffnungsplädoyer an.

Tschentscher machte das, was er immer macht: Mantramäßig warb er um Verständnis und verteidigte seinen strikten Kurs. Neue, gefährlichere Virusmutationen aus Großbritannien, Südafrika oder Brasilien bedrohten die bisher erzielten Erfolge bei der Senkung der Infektionszahlen. Sie stellten derzeit einen „Unsicherheitsfaktor“ dar. Erst wenn der Sieben-Tage-Wert unter 35 sei und zwar inklusive der Mutationsausbreitung, ja erst dann könne man über Lockerungen sprechen, betonte Tschentscher. „Wir brauchen einfach mehr Sicherheit“, so der Sozialdemokrat.

Kritik an Tschentscher: Philosophin wirft ihm Verletzung von Grundrechten vor

Da platzte der Philosophin Flaßpöhler der Kragen. „Irritiertheit, Besorgtheit, Wut“ löse das bei ihr aus, ließ sie Tschentscher wissen. Es könne doch nicht sein, dass mit Blick auf die Mutationen immer von einem „Worst-Case-Szenario“ ausgegangen werde und deswegen die Menschen immer länger in der Einsamkeit festgehalten werde. Es werde immer von den Gefahren gemunkelt, doch mit Daten untermauern könne dies derzeit niemand verlässlich.

„Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun“

Philosophin Svenja Flaßpöhler

Dann packte sie die große Keule aus: Auf unsicherer Grundlage schränke man die Grundrechte ein und halte die Menschen in einem permanenten Ausnahmezustand. „Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun“, giftete sie. Statt Dauer-Lockdown sollte die Politik die Maßnahmen lieber felxibel an das tatsächliche Infektionsgeschehen anpassen, schlug sie vor.

Mit diesem Vorstoß biss sie bei Tschentscher aber auf Granit. Erst große Erwartungen wecken und dann in zwei Wochen Enttäuschung verbreiten – das sei mit ihm nicht zu machen. „Wir fahren im Nebel, da muss man auf Sicht fahren“, hielt er der Philosophin entgegen. Ein Rein und Raus aus Maßnahmen werde es mit ihm nicht geben, stellte er klar.

Unterstützung bekam der Bürgermeister nur von der Virologin Rübsamen-Schaeff, die ebenfalls zur Vorsicht riet. „Wir sind mitten drin im Hase-Igel-Spiel“, sagte sie. Derzeit, so schätze sie die Lage ein, sei das Virus davongelaufen. Deshalb unterstütze sie die Strategie, die Infektionen durch einen verlängerten Lockdown niedrig zu halten.

Dann versuchte Moderator Lanz unter die Diskussion einen Strich zu ziehen. Seine Frage an Tschentscher: „Geht es Ihnen gut mit der 35?“, wollte der ZDF-Mann wissen. Die Antwort vom Rathauschef: „Ja. In dieser unsicheren Lage ist mir wohler damit.“ Dann durfte auch der SPD-Mann seinen Arbeitstag beenden. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Rubriklistenbild: © Markus Hertrich/dpa & Christian Charisius/dpa & C. Hardt/FuturexImage

Kommentare