Klartext-Ansage im ZDF

Markus Lanz: Corona-Klartext aus Rostock – wir überleben das nicht

  • Jan Knötzsch
    vonJan Knötzsch
    schließen

Rostocker Bürgermeister Claus Ruhe Madsen hat viel zu meckern, an der Corona-Politik der Bundesregierung. Das sind seine schockierenden Argumente.

Hamburg-Altona – Der Lockdown geht in eine erneute Verlängerung – das steht seit Mittwoch, 3. März 2021, fest. Darauf verständigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten nach zähen, neun Stunden lang andauernden Verhandlungen in Berlin. Je nach Infektionsgeschehen soll es bei einigen Regeln auch Ausnahmen geben. Genau diese Verhandlungen und Entscheidungen standen am Donnerstag auch im Zentrum der Sendung von ZDF-Talker Markus Lanz – und ernten dabei Knallhart-Kritik von einem, der in Sachen Coronavirus vieles anders macht.

Politiker:Claus Ruhe Madsen
Geboren:27. August 1972 (Alter: 48 Jahre) in Kopenhagen/Dänemark
Amt:Oberbürgermeister der Stadt Rostock
Partei:parteilos
Vorheriges Amt:Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock (2013 bis 2019)

Markus Lanz (ZDF): Madsen als Positiv-Beispiel – Biologe Kupferschmidt gegen Öffnungen

In der Gesprächsrunde, zu der sich Markus Lanz, bei dem Ökonom Daniel Stelter von Staatsversagen sprach, ins Studio nach Hamburg-Altona Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), Journalistin Kristina Dunz, den Molekularbiologen Kai Kupferschmidt und Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen eingeladen hat, platzt letzterem im Verlauf der Sendung der Kragen, als es um die Kommunikation und die Arbeit der Bundesregierung in der Corona-Krise geht.

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (re.) übt bei Markus Lanz heftige Kritik an der Bundesregierung. (24hamburg.de-Montage)

„Ich bin ratlos und enttäuscht“, ist es aber zunächst einmal Molekularbiologe Kupferschmidt, der sein Unverständnis darüber, dass es trotz steigender Inzidenzwerte und der sich ausbreitenden Coronavirus-Mutationen, die hochansteckend sind, Lockerungen gibt. Er könne, so sagt Kupferschmidt, die Sehnsucht der Bevölkerung nach Normalität „total verstehen“. Aber: „Diese Lockerung kommt zu früh und zu schnell.“ Zwar sei „das rettende Ufer da“ und es gebe dank der Impfstoffe eine Exit-Strategie, nach seiner Meinung aber müsse man an den Lockdown-Maßnahmen festhalten.

Markus Lanz (ZDF): Rostock-Bürgermeister fehlt es an wissensbasiertem Herangehen

Für ihn sei die „wahrscheinlichste Konsequenz“ aus den jetzt beschlossenen Lockerungen der „vierte Lockdown“. Laut Modellrechnungen würde Ende April oder Anfang Mai der Inzidenzwert bei 200 liegen. Weit weg also von Zahlen wie 35, 50 oder 100, wie sie beim Gipfel zwischen der Bundeskanzlerin und den Länderchefs durch den Raum flogen. Genau dieser Punkt, den Kleinschmidt anspricht, ist der Startschuss für Claus Ruhe Madsen, der ähnlich klare Worte findet wie zuletzt Lanz-Gast Alexander Graf Lambsdorff.

„Wenn jetzt noch einmal ein Knockout kommt, überleben wir das nicht, dann sind wir weg.“

Claus Ruhe Madsen, Bürgermeister von Rostock

„Je nachdem, wie dämlich wir uns verhalten“, so der Rostocker Oberbürgermeister, würden die Inzidenzwerte steigen. Statt „wissensbasiert“ an die Sache heranzugehen, würde einfach „nach dem Prinzip Hoffnung“ die Schulen und der Handel wieder aufgemacht: „Unsere Antwort auf Lockdown ist Öffnen. Und auf Öffnen ist unsere Antwort Lockdown.“ Und einem weiteren Lockdown steht der Däne, der seit 2019 Stadtoberhaupt in Rostock ist, mehr als kritisch gegenüber.

Markus Lanz (ZDF): Madsen redet auf Toren – „noch einen Knockout überleben wir nicht“

„Wenn jetzt noch einmal ein Knockout kommt, überleben wir das nicht, dann sind wir weg“, ist sich der 48-Jährige sicher und kann mit seinem Frust nicht mehr hinter dem Berg halten. Geeignete Maßnahmen, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu kriegen und einzudämmen, seien bekannt – aber sie würden nicht ausreichend umgesetzt. „Es scheint, dass wir gar keine Lernkurve haben“, sagt der Rostocker Oberbürgermeister. Ein Amtskollege Madsens musste bei Lanz unlängst mächtig harte Kritik einstecken.

Einmal auf Touren gekommen, arbeitet sich der oberste Rostocker weiter an der Bundesregierung, die in der Sendung von Markus Lanz schon von einer FDP-Legende der Lüge bezichtigt wurde, ab. „Kommunikation funktioniert so nicht. Wenn von der Kommandobrücke in den Maschinenraum gesagt wird: ‘Das ist der Kurs’ – dann setzen wir das natürlich um. Mein Problem ist, dass ich die Menschen vor Ort jedes Mal aufs Neue dafür begeistern muss”, knallt der Däne, der für seine Stadt ein Öffnungskonzept entwickelt hat, mit dem er die Infektionszahlen niedrig halten will, dem in der Runde sitzenden Scholz als Regierungsvertreter an den Kopf.

Markus Lanz (ZDF): Rostocks Bürgermeister fordert Task-Force

So habe der Bund – auch Angela Merkel wurde bei Lanz von einem Ministerpräsidenten arg kritisiert – zum Beispiel das Versprechen nicht eingehalten, Schnelltests zu liefern. Überhaupt: dem 48-Jährigen geht einiges gegen den Strich – vor allem, dass Dinge lange dauern und an Bürokratie scheitern: „Ich hätte gerne vorm Rathaus in Rostock Zelte zum Testen aufgebaut. Ich habe meinen Kollegen gesagt: ‚Ruft mal das DRK an, die sollen uns was fertig machen.‘ Antwort: ‚Nein Claus, das geht nicht. Das müssen wir ausschreiben.‘“

„Alle Gesetze auf den Tisch und fragen: Würden wir die heute noch so beschließen? Lautet die Antwort nein, dann runter damit vom Tisch.“

Claus Ruhe Madsen, Bürgermeister von Rostock

Madsens Wunsch, wie Dinge schneller und besser gelingen und umgesetzt werden? Eine Task-Force mit Vertretern von Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, die „alle Gesetze auf den Tisch legen und sich fragen: Würden wir die heute noch so beschließen? Lautet die Antwort nein, dann runter damit vom Tisch.“

Rubriklistenbild: © teutopress/imago images & Eibner/imago images & Winfried Rothermel/imago images

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare